Ich muss sagen, dass ich mir dieses Buch niemals gekauft hätte, würde ich die Autorin nicht bereits kennen und hätte mich nicht eines ihrer Bücher voll überzeugt. Also griff ich in der Buchhandlung zu »Die Nackten« - der Titel hätte mich bei jedem anderen Autor eher abgeschreckt als zugreifen lassen. Der Klappentext ließ eigentlich nichts besonderes erwarten, ein Jugendroman, verschiedene junge Menschen, alle etwas anders, alle erleben sie etwas Besonderes. Klingt auf den ersten Blick wie ein normaler Jugendroman.
Im Nachhinein ist es das auch tatsächlich - ein ganz normaler Jugendroman. Doch dann ist er auch wieder nicht normal. Dieses Buch hat mich lange Zeit nicht losgelassen, zu nahe sind mir die Personen gekommen, zu sehr haben mich ihre Gedanken und auch ihre Schicksale beschäftigt. Zu gerne hätte ich noch mehr über sie gelesen.
Als ich spontan gefragt wurde, welches Buch mich von den zuletzt gelesenen am meisten beeindruckt hätte, nannte ich »Die Nackten«. Es fällt mir meist schwer, Bücher in Worte zu fassen, aber ich will es hier einmal versuchen.
Grob geht es in diesem Buch um fünf Jugendliche auf dem Weg des Erwachsenwerdens. Sie alle haben ihre (jugendspezifischen) Probleme, sie alle sind auf der Suche nach … Mehr. Sylva bereitet sich auf das Leben im Internat vor, sie sucht nach einer Gesellschaft, in der sie sich wohlfühlt und in der sie frei sein kann. Niklas sucht Evita und er such Hoffnung. Evita sucht ihr Glück und ein neues Leben. Robin sucht Anerkennung. Filip sucht einen Weg, loszulassen.
Jeder von ihnen sucht auf seine eigene Art und Weise und jeder findet hier auf eine andere Art und Weise. Für einige mag das Ende unbefriedigend sein, aber mir gefiel es sehr gut - es sorgte dafür, dass mich das Buch nicht losließ.
Alle Charaktere sind sehr komplex aufgebaut, erst langsam enthüllen sich alle Probleme, sodass man ihre Gedanken und Gefühle nachvollziehen kann. Auch die wenigen Nebenfiguren sind erstaunlich dreidimensional, ich denke da nur an Robins Vater, Niklas Mutter oder auch den Baumarktleiter. Sie alle gewinnen mit der Zeit sehr viel Struktur und auch ihre Probleme werden sichtbar.
Ich finde, von diesen ausgefeilten Charakteren lebt das Buch, denn genau genommen passiert viel mehr im Innenleben als im Außenleben. Dabei ist es nicht so, dass es jetzt alles nur gewollt ungewöhnliche Personen sind, ganz im Gegenteilt. Sie kämpfen mit Problemen, die wohl jeden Menschen einmal beschäftigen.
Die Probleme, um die es geht, sind nicht oberflächlicher Natur und es sind nicht unbedingt die Standardthemen (damit meine ich die Standardthemen in Jugendromanen). Gut, es kommen Drogen vor, aber diese Drogenerfahrungen dominieren nicht das Buch, genauso wenig wie z.B. Sex, der ja auch oft in Jugendromanen ausführlich thematisiert wird.
Es geht vielmehr um die eigene Identität, die Frage, was einen Menschen ausmacht, das Finden des eigenen Ichs und auch des eigenen Wegs, die Lebensgestaltung, das Treffen von eigenen Entscheidungen und die Verantwortlichkeit dafür, etc.
Die Charaktere wachsen im Laufe des Buches und so richtig bewusst wird man sich dessen erst am Ende.
Dabei ist es nicht so, dass für alle Probleme Lösungen angeboten werden - im Gegenteil. Es ist vielmehr ein Gedankenanstoß.
Sprachlich passt der Roman zu den Jugendlichen, je nach Person kann die Gestaltung variieren. Ich fand sie den Situationen sehr angemessen und auch sehr ausgefeilt. Ich würde sagen, dass der Schreibstil auf keinen Fall gewöhnlich ist, das Buch lässt sich aber dennoch flüssig lesen.
Und nun komme ich auch zu meinem Fazit - wie man vielleicht sieht, hat mich das Buch sehr begeistert und es ist mir möglich, auch lange nach der Lektüre noch eine recht ausführliche Rezension zu formulieren. Ich kann nicht einschätzen inwieweit es andere Geschmäcker treffen würde - ich kann nur sagen, dass es mich trotz des seltsamen Titels sehr positiv überrascht hat. Und die Herkunft des Titels klärt sich auch auf den ersten zwanzig Seiten. (;
Für mich war es ein sehr ungewöhnliches Buch, das es geschafft hat, mir sehr nahe zu kommen. Ein Buch, dass durch seine Charaktere, die alle eigentlich doch recht normal sind, lebt.