Eine Besuchergruppe kehrt von ihrer Tour in den unterirdischen CERN-Anlagen an die Erdoberfläche zurück – und muss feststellen, dass die Zeit stehen geblieben ist. Bis auf sie selbst ist sämtliches Leben auf der Erde um 12:47 Uhr an diesem Sommertag eingefroren. Ein Unfall? Ein höherer Plan? Das Grübeln darüber löst nicht die Probleme, die sich nach dem ersten Schock nur allzu deutlich abzeichnen…
Zuerst möchte ich eine Warnung aussprechen: Im Vorfeld habe ich im Zusammenhang mit diesem Buch irgendwo die Bezeichnungen „Physik-Krimi“ und „Science-Fiction-Thriller“ gelesen, und beide wecken vollkommen falsche Erwartungen an dieses Buch. Wer Action, klare Handlungsstränge und ein normales bis zügiges Erzähltempo schätzt, ist hier definitiv falsch!
Was die Betonung auf „Physik“ betrifft, so muss ich zugeben, auf dem Gebiet eher ziemlich wenig Ahnung zu haben. Ich habe „42“ demnach nicht auf die physikalischen Aspekte oder deren Glaubwürdigkeit hin gelesen, sondern die Ausgangslage einfach mal als gegeben hingenommen und mich von der Atmosphäre tragen lassen.
Schon die ersten Seiten stimmen auf die Art und Weise ein, wie Thomas Lehr den Leser durch diesen Roman zu führen gedenkt. Es gibt durchaus eine Handlung, aber beim Lesen nimmt man sie wie durch einen Filter wahr. Im Vordergrund: Die Sprache. Lehr schreibt in oft (sehr) langen Sätzen voller bildhafter Metaphern und Wortspiele. Immer wieder springt der Protagonist, der aus der Ich-Perspektive heraus berichtet, zwischen verschiedenen Zeitpunkten hin und her (das verlangt eine gewisse Aufmerksamkeit), und auf Action und große Spannungsmomente wartet man vergebens.
Für viele Leser machen vor allem diese Punkte – den Rezensionen nach – das Lesen des Buchs geradezu unmöglich. Für mich hingegen haben sie in diesem Kontext sehr gut funktioniert. Ich hatte keine Probleme, den Sätzen zu folgen (es gab nur vereinzelt mal Stellen, an denen ich nicht verstanden habe, worauf Lehr da gerade hinauswill, und das lag nicht an der Satzlänge) und fand die im Vordergrund stehende Sprachakrobatik ziemlich passend. Sie steht wie ein Filter zwischen den Gedanken des mutterseelenallein umherstreifenden, manchmal dem Wahnsinn nahen Protagonisten und der fassungslos machenden Welt um ihn herum. Die teilweise zynischen, manchmal auch witzigen Beschreibungen und Wortspiele lösen eine beklemmende Wirkung aus und verdeutlichen die Apathie und die Distanziertheit, die sich über alles und sogar zwischen die verbliebenen „Chronifizierten“ gelegt hat.
Verschiedene Theorien zu dem, was passiert ist, kommen ebenso zur Sprache wie die Auswirkungen der Situation auf die Psyche der Gezeiteten (inklusive Allmachtsfantasien und Vergewaltigungen, also Vorsicht, wenn ihr da empfindlich seid). Das meiste davon klang für mich nachvollziehbar und hat in mir immer wieder die Frage aufgeworfen, wie ich mich an Stelle der Charaktere wohl verhalten hätte.
Zum Ende hin zieht das Erzähltempo dann doch noch an und es wird tatsächlich auch spannend. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich das Ende 100%-ig verstanden habe. ;-)
Die Szenerie hat mich nach dem Lesen noch mehrere Tage lang verfolgt und ich hatte in der Stadt mehrfach die Situation, dass ich versucht habe mir vorzustellen, wie es wäre, wenn um mich herum plötzlich alles erstarren würde...
Für mich ein ungewöhnliches, beklemmendes Buch mit Nachwirkung, das mir überdurchschnittlich gut gefallen hat – allerdings kann ich aus den oben genannten Gründen keine allgemeine Empfehlung aussprechen. ;-)