Die späten Nullerjahre, frühen 2010er Jahre in einer ostdeutschen Die schönste Version erzählt die Geschichte von Jella und Yannick, von der ersten großen Liebe, die alles richtig machen will. Bis es kippt. Wieder zurück in ihrem Kinderzimmer fragt Jella sich, wie es so weit kommen konnte. Sie schaut noch einmal genauer auf ihr Aufwachsen in der Lausitz. Kleinstadt und Kiesgruben, Gangsterrap und Glitzerlipgloss. Auf Freundinnen, die sie durch so vieles trugen. Und auf den Moment, in dem Yannicks Hände sich um ihren Hals schlossen.
Die schönste Version ist die Geschichte eines Erwachens, Erkennens, Anklagens, eine große Ruth-Maria Thomas schreibt über das Frauwerden, Frausein, von Körpern, Begierden und tiefen Abgründen.
Mit stilistischer Brillanz, großer Leichtigkeit und Drastik erzählt Ruth-Maria Thomas in ihrem funkelnden Debütroman von den schönsten Dingen. Und den schrecklichsten.
«Ich hatte mir das alles anders Yannick und ich hätten einfach nur in unserer schönen hellen Wohnung gelebt, viele Pflanzen, gesundes, kräftiges Grün. Es hätte für immer nach der Minze von unserem Balkon geduftet, wir hätten befreundete Pärchen gehabt, die zum Dinner zu uns gekommen wären, wir hätten Dinner gesagt, nicht Abendbrot. Lunch, Dinner, das wäre uns ganz leicht von den Lippen gegangen. Wir hätten gemeinsam Lasagne gekocht, mit Zitronenpfeffer. Unsere Gesichter wären rötlich gewesen von der Hitze der Herdplatten, dem Wein und unseren angeregten Gesprächen. Fin. Stattdessen liege ich hier in meinem alten Kinderzimmer mit pochendem Hals und einem entrückten Gefühl. Alles kaputt, nirgendwo Minze, keine Scheißlasagne.»
Ruth-Maria Thomas, born in 1993 and raised in Cottbus, worked as a social worker in youth services. She studied at the German Literature Institute in Leipzig and is a co-founder of the erotic literature magazine Hot Topic!. In 2022, she was a finalist in the Open Mike competition.
Projekt Geilheit oder wie die eigene Fickbarkeit wichtigster Anker eines Menschen wird, der aus nichts als Mangel, Komplexen und fehlender Reflexivität besteht.
Hochspannende Anlage einer Persönlichkeit, die sich an eine eingeschränkte und starre Ordnung kettet und ohnmächtig durchs Leben stöckelt. Ärgerlich, dass die Autorin eine Sprache und einen Stil wählt, die exakt diese Inkommunikabilität der Protagonistin selbst bedienen, statt sie zu umgehen.
Erzählt wird uns die Story aus der Ichperspektive. Die Icherzählerin ist nur so voller Scham für das was sie ist und versteckt sich vor ihrem eigenen Erzählen. Sie ist in dem Wunsch, wie andere sein zu wollen und dem Streben danach, gefällig zu sein, so dermaßen in sich gefangen, dass sich der Text literarisch überhaupt nicht entfalten kann. Die vulgäre Sprache, in ihren kurzen, einfachen Sätzen, die sich bishin zu Einwortsätzen verknappen und lediglich berichtend die Ereignisse wiedergibt, dient einem voyeuristischen, drastischen Aspekt. Wir sind hart und nah an der Protagonistin dran. Durch die fehlende Selbstreflexivität gestaltet sich dies unergiebig, oberflächlich, nahezu unehrlich und unterkomplex. Eigentlich ein sprachlich und stilistischer fail auf ganzer Linie, da dieser Text den Akt der Kommunikation verfehlt. Der sexuelle Akt dagegen, dient als Kitt, die Inkommunikailität zu umgehen. Ob freiwillig oder erzwungen. Sex dient der Protagonistin als reine Triebbefriedigung, als Symbol für das, was soll, zu sein hat, worüber sie später Macht ausüben kann.
Dieses Buch ist rein auf die Handlung reduziert. Eine Tiefenschärfe oder intellektuelle Resonanz erreicht es an keiner Stelle. Fingernägel lackieren, Muschis rasieren, Tampons und Binden kaufen, sexy Klamotten auswählen, Haare stylen und färben, masturbieren, ficken, blasen, abspritzen… ähm ach ja, bisschen Party, später studieren, auswendig gelernte Zitate aus Büchern aufsagen und dafür für intelligent gehalten zu werden, ist so das Hauptgeschäft des Buches.
Kann ich mich damit identifizieren, läuft natürlich direkt der Unterhaltungswert und die emotionale Betroffenheit auf Hochtouren. Ist dies nicht der Fall, stellt dieses Buch ein literarisches Nichts dar.
Ein Nichts auch in der Verarbeitung der Inhalte. Das Buch erwähnt ua. die Umsiedlung der Familie der Protagonistin, durch den Kohleabbau. Es schildert die Trennung der Eltern und die Verwirklichung des Lebens der Mutter in Berlin. Es zeigt kurze Einblicke in das Leben des Vaters nach der Trennung. Es erwähnt die DDR. Diese ganzen Fäden werden überhaupt nicht bearbeitet. Man fragt sich, warum sie auftauchen, da sie keine Rolle im eigentlichen Konflikt der Protagonistin spielen. Die Seitenstränge werden so blaß und konturlos gestaltet, dass sie nur als Lückenfüller oder kleine Abwechslung dienen, um Graf Zahl eine Verschaufpause zu gewähren, die zahlreichen Stöße bis zur Spermadusche zu zählen. Nichts von den geschilderten Elementen gibt auch nur annähernd eine Erklärung für das unsichere Verhalten der Protagonistin. Woher kommt ihre heftig entgleiste symbolische Ordnung? Das ist im Buch die reinste Blackbox.
Und wieso erzähle ich nicht um welch wichtiges Thema es eigentlich geht? Die Gewalt vom Typen an seiner „Tussi“ und den Ängsten und dem Trauma das diese Situation bei unserer Protagonistin ausgelöst hat? Weil auch dieses Thema lediglich als Zaunpfahl im Raum steht und damit überhaupt nicht anschlussfähig gearbeitet wird. Das ganze Buch zeigt mir ein viel wesentlicheres Dilemma. Die fehlende Fähigkeit der Selbstbeobachtung und damit das Abschneiden jeglicher Möglichkeit der Bearbeitung des eigenen Mangels oder aus der Festgefahrenheit festgelegter Bedeutungen und Strukturen zu entkommen. Das völlige Versagen von kommunikativen Akten. Die Unfähigkeit von intimen Beziehungen und sozialer Interaktion.
Da es in dem Buch um eine angebliche Liebesbeziehung geht, in der man „Eins gewesen ist. Alles gegeben hat was man hat“, möchte ich sinngemäß Luhmann aus „Liebe als Passion“ zitieren:
„Mann muss die eigene Identität als Garant für Dauer dynamisch einsetzen. An der Liebe wachsen. Man muss bescheinigen, dass man durch ihn und die Liebe zu ihm das eigene Ich entfaltet. Identität muss als Stabilitäts- und Steigerungsbegriff gehandhabt werden.“
Welches Ich? Welche Identität? Welche Dynamik? Vielen Dank Ruth-Maria Thomas für dieses eindrückliche literarische Zeugnis des Nichts!
Ich habe mich ehrlich gesagt ein bisschen davor gedrückt, diesen Post zu veröffentlichen. Denn schon während ich das Buch noch gelesen habe, habe ich gemerkt, dass das Buch für quasi alle außer mir ein Highlight ist. Und die guten Bewertungen (aktuell 4,6 Sterne im Durchschnitt auf Goodreads!) kann ich sogar - obwohl ich mich den Lobeshymnen nicht anschließen kann - objektiv verstehen. Ich schließe mich @buecher.am.meer an mit dem Wunsch, zwei Bewertungen für dieses Buch abgeben zu können, denn subjektiv war es (leider) nur ein drei Sterne Buch für mich, objektiv hätte es aber wirklich mehr verdient gehabt.
Erstmal hätte ich mir gewünscht, dass der Verlag die häusliche G3walt explizit benennt. Auf dem Klappentext steht „dysfunktional” und “Grenzenüberschreitung” die und ich habe ehrlich gesagt einen Roman über eine toxische Beziehung ohne Gewalt erwartet.
Vieles im Roman fand ich gut, vom Aufwachsen in den 00er Jahren, einer (Pop-)Kultur die besonders das Körper- und Beziehungsbild von jungen Mädchen massiv (negativ) geprägt hat, von den komischen älteren Dudes die 14-Jährige daten, die wir ja alle irgendwie kannten, von Übergriffen, die nie als solche benannt wurden sondern als normal galten. Auch die vielen kleinen Grenzüberschreitungen von Yannic, dem Freund, und auch von Jella, die alles andere ist, als ein “perfektes Opfer” und hätte mir irgendwie gewünscht, dass der Roman das noch etwas mehr in den Vordergrund gestellt hätte.
Das Buch wird in einer sehr derben, vulgären Sprache erzählt. Klar, Stilmittel, Bruch zu Jella, die so lange aus Scham “das gute, liebe Mädchen” spielt. Hat mich aber massiv gestört, mich immerwieder auch aus Stellen rausgerissen, die ich sonst inhaltlich gut fand. Ich glaube, ich habe das Buch auch einfach mit anderen, thematisch ähnlichen Büchern verglichen, die mich in der Summe mehr begeistern konnten.
Objektiv ein starkes Debüt und wünsche dem Buch viele begeisterte Leser*innen (und hoffentlich auch viele Leser, denn ich fürchte, dass mal wieder hauptsächlich Frauen zu diesem Roman greifen werden).
„Die schönste Version“ ist ein Buch, in dem sich viele Frauen gesehen fühlen werden. Es erzählt von dem Druck dem sich Frauen in verschiedenen Altersstufen ausgesetzt sehen, vom Teenager bis zu jungen Frauen in ihren Zwanzigern, attraktiv sein zu wollen - für die Männerwelt. Sie wollen von selbigen wahrgenommen werden und fühlen sich in einem Konkurrenzkampf mit anderen weiblichen Wesen. Ruth-Maria Thomas führt uns die Ambivalenz dieser Thematik eindrücklich anhand der Geschichte von Jella und Yannick vor Augen.
Die ganz große Liebe scheinen Jella und Yannick ineinander gefunden zu haben. Mit einem ausgeprägten Idealismus möchte sie ihm gefallen und alles richtig machen. Sie kleidet und schminkt sich, wie es ihm gefällt. Sie verhält sich so, wie es seinen Vorstellungen entspricht und nimmt nicht mehr Raum ein, als er ihr zugesteht - sogar in der gemeinsamen Wohnung. Erst mit Abstand und zurück im heimischen Kinderzimmer fällt es Jella wie Schuppen von den Augen - wie konnte ihre Liebe nur zerbrechen? Wie um Himmels Willen konnte Yannick nur die Hände um ihren Hals legen und zudrücken?
Ruth-Maria Thomas thematisiert in dieser Geschichte internalisierte gesellschaftliche Erwartungen und Ängste, die damit einhergehen. Es geht um die Selbstverständlichkeit von Care-Arbeit, die Frauen in sich selbst investieren - alleinig zum Zwecke, Männern gefallen zu wollen und dem damit verbundenen Druck. Kollektive Traumata des Frauwerdens und Frauseins stehen im Zentrum der Geschichte, sowie häusliche Gewalt.
Das Buch tut weh, da man sich ein Stück weit darin wiederfindet (zumindest kann ich da für mich selbst sprechen) und es einfach eine Realität widerspiegelt, die man sich nicht gerne eingesteht. Es schmerzt, weil es ein Eingeständnis von gesellschaftlich geprägten Verhaltensweisen ist, dass uns reflektieren lässt und uns unwohl fühlen lässt, möglicherweise sogar ein Stück weit uns schämen lässt für uns selbst - rückblickend, für unsere eigenen Handlungen. „Die schönste Version“ ist aufwühlend und lässt uns mit einem unbehaglichen Gefühl zurück - nicht ohne eine neue Sensibilität geschaffen zu haben für uns selbst und unsere eigenen Verhaltensweisen - danke Ruth-Maria Thomas, dieses Buch haben wir gebraucht!
»Die schönste Version« hat sich beim lesen angefühlt, wie folgende Situationen:
-an einem sonnigen Tag im Wald stehen und die Sonne durch die dichten Bäume funkeln sehen -mit dem Fahrrad (oder Auto, dann aber ein Cabrio) über die Landstraße fahren -nach einer viel zu langen Clubnacht torkelnd mit der besten Freundin nach Hause laufen
Für mich war dieses Buch ein Jahreshighlight, weil es Themen anspricht, an die sich bisher wenige Personen rangetraut haben: Kann ich meinen Täter trotzdem lieben und mich nach ihm sehnen? Muss die Liebe sofort durch Hass und Wut ersetzt werden? Bin ich sonst ein schlechter Mensch - eine schlechte Frau?
Ruth-Maria Thomas hat Jella so vielfältig aufgebaut, dass es mich super leicht viel, sie in mein Herz zu schließen. Eine junge Frau, gefangen und aufgewachsen im Patriarchat. Eine Frau, die so viel Leid erfahren muss und ihre Gefühle und ihren Selbstwert immer weiter reduziert und somit ihre Grenzen verliert.
Eine ganz große Weiterempfehlung! Zurecht ist das Buch für den deutschen Buchpreis nominiert (Ich hoffe es gewinnt).🫶🏼
CN sexualisierte Gewalt // Gewalt // vulgäre Sprache
Das war unerwartet. Vom Klappentext her habe ich eine Beziehungsgeschichte mit bissi Drama erwartet, eine "toxische Beziehungsstory", ein Buch übers Erwachsenwerden in der ostdeutschen Provinz, Lokalkolorit und 2000er Ästhetik. Ich hab das völlig unterschätzt. Ja Lokalkolorit ist gegeben, Lausitz, Baggersee, Männer, die Devid heißen und Frauen namens Mishelle. Ums Erwachsenenwerden geht es auch, ums Aufwachsen in der Trostlosigkeit zwischen Mädchenzeitschriften ("So kriegst du IHN rum"), Rum-Cola und Kippen.
Als Jella mit 21 Yannick kennenlernt, soll alles anders werden, deshalb antwortet sie auch "drei" auf seine Frage, mit wie vielen Männern sie schon Sex hatte, und nicht mit der Wahrheit (13). Sie will unbedingt so sein, wie sie denkt, dass er sie haben will. Sie fühlt sich geliebt, sie wünscht sich nichts sehnlicher.
Von Grenzüberschreitungen in der Beziehung ist auf dem Klappentext die Rede, nicht aber von massiver Partnerschaftsgewalt. Leider hat auch dieses Buch wieder keine Content Notes, die wären hier dringend notwendig. Sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung, Missbrauch - patriarchale Gewalt in fast jeder Form.
Es war stellenweise nur schwer auszuhalten und ich wollte schreien, wohlwissend, dass Jella mich ja nicht würde hören können. Ich finde schon, dass es Ruth-Maria Thomas gelungen ist, hier eine komplexe Romanfigur zu erschaffen und dennoch fiel es mir mitunter schwer, bei dieser krassen Form von Delulu mitzugehen. Aber I guess, that's how it works. Wenn Betroffene von Partnerschaftsgewalt einfach gehen könnten, würden sie es tun, denke ich.
Für Jella ist "geil sein" alles. Nur wenn ein Mann sie "ficken" will, misst sie sich selbst Wert zu. Ums "ficken" geht es (zu meinem Leidwesen) leider in gefühlt 80% des Buches. Ich fand das unnötig und in der Menge völlig uninteressant. Normschöne, dünne, junge Körper beim "ficken", danke nee.
Warum Jella sich ausschließlich über das Begehrt-werden definiert, ist mir leider nicht klar geworden. Ich denke, dass müssen Leser*innen als Teil ihrer Persönlichkeit(?) so akzeptieren. Oder habe ich einen doppelten Boden übersehen?
Warum ich trotzdem vier Sterne gegeben hab? I DON'T FUCKING KNOW! Es ist gut geschrieben, fesselnd. Ich hab irgendwie ein Herz fürs post-Wende-Coming-of-Age-Genre und ich finde es gut, wenn Romane das Thema Partnerschaftsgewalt facettenreich behandeln. Jella ist hier nämlich längst nicht nur passives Opfer.
Jella wächst in der Lausitz auf, erst in einem kleinen Dorf, das aber dem Abbau von Braunkohle weichen muss, dann in einer ostdeutschen Kleinstadt. Ihre Eltern trennen sich, ihre Mutter zieht nach Berlin, Jella bleibt bei ihrem Vater in der mittlerweile gewohnten Umgebung. Sie durchlebt eine wilde Jugend in den 00er Jahren und lernt in ihren 20ern Yannick kennen, einen rund zehn Jahre älteren Handwerker und Künstler, in den sie sich verliebt und für den sie ihre schönste Version sein möchte. Bis Yannick sie in den Bauch schlägt und würgt. In ihrem ehemaligen Kinderzimmer versucht Jella zu rekonstruieren, wie es in ihrer Beziehung so weit kommen konnte - und wie ihr Leben weitergehen kann.
Ruth-Maria Thomas thematisiert in ihrem für den Deutschen Buchpreis nominierten Debütroman "Die schönste Version" drastisch und ungeschönt partnerschaftliche und patriarchale Gewalt in ihren verschiedensten Ausprägungen. Sie erzählt Jellas Geschichte sowohl in der Gegenwart, als auch in Rückblenden als Versuch der Protagonistin einer Rekonstruktion, wie es zu der Gewalt kommen konnte. Jellas Jugend ist geprägt von Beziehungen zu älteren Männern, vom Male Gaze, dem Unbedingt-gefallen-wollen, ihre komplette Persönlichkeit besteht aus dem Wunsch, dünn, normschön, süß und perfekt für Männer zu sein. Ruth-Maria Thomas bringt die Lesenden in eine beobachtende Rolle, von außen ist schnell zu erkennen, wie toxisch Jellas und Yannicks Beziehung ist, wie er von Anfang an Grenzen überschreitet, wie beide ausrasten und trotzdem zusammen bleiben. Aber es ist als außenstehende Person immer leichter, zu urteilen, denn als Partner*in, zu gehen. Die Autorin schafft mit Jella eine komplexe Protagonistin, mit der ich mich nicht wirklich identifizieren konnte, warum sie sich ausschließlich über männliche Anerkennung definiert, wurde mir nicht klar. Auch, dass es auf den meisten Seiten des Buches um Sex geht und Ruth-Maria Thomas dafür sehr vulgäre Sprache nutzt, war nicht mein Fall. Wichtig ist das Buch aber in jedem Fall, da die Autorin Gewalt in Partnerschaften komplex und schonungslos darstellt und dabei vor allem auch aufzeigt, wie schwierig es ist, sich aus einer solchen missbräuchlichen Beziehung zu lösen, inklusive Unverständnis von Mitmenschen, wenig empathischen Gesprächen auf dem Polizeirevier und echter Hilfe von Freund*innen und Familie.
Yannick und Jella sind ein Paar. Sie sind beide wohl der Innbegriff von Toxizität.
Erschreckend ist, wie beide Personen miteinander umgehen. Und wie sie oft versuchen, den ungesunden Umgang miteinander zu romantisieren. Bis es zu einem Zwischenfall kommt, der einen der Beiden dazu bringt, aus dieser Beziehung auszubrechen.
Wir erfahren davon schon ganz zu Beginn dieses Buches und gehen nach und nach durch die Beziehung mit Yannick und Jella. Wobei wir hier nur Jellas Perspektive erfahren und aus ihrer Sicht lesen. Die wörtliche Rede ist in dem Buch nicht extra gekennzeichnet. Dies soll sicherlich eine Distanz schaffen. Trotzdem habe ich persönlich alle Emotionen mitgefühlt und war überhaupt nicht distanziert.
Gerade als Frau kamen mir so einige Gedankengänge erschreckend bekannt vor. Gerade, wenn es darum geht, dass Jella um jeden Preis gefallen will, ihre eigene Meinung unterdrückt oder sie revidiert, wenn sie merkt, sie kommt nicht gut an.
Ruth-Maria Thomas nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie schreibt klar und einfach. Manchmal in lyrischer Form, manchmal werden Sätze einfach unbeendet gelassen. Sie zeigt Symptomatiken auf und überlässt es dem/der Leser:in die Ursachen zu ergründen. Häufig liegt das aggressive Verhalten/ die Unsicherheiten der Hauptcharaktere an fehlenden Vorbildern, der Entfremdung zu deren Eltern, fehlender Wertschätzung und Liebe; an zu wenig, zu falscher Kommunikation. Vieles kann, wird und soll besser nicht ausgesprochen werden. Hauptursache sind immer noch patriarchale Strukturen, denen man sich nur schwer entziehen kann.
Für mich war dieses Buch häufig schmerzhaft. Ich konnte es nicht schnell lesen. Ganz oft hat es Beklemmung und Wiedererkennen ausgelöst.
Es wäre noch wichtig zu erwähnen, dass die Handlung Anfang 2000 spielt. Und es ist absolut wichtig, dass ein Umdenken stattfindet und bisher bereits stattgefunden hat. Gerade junge Frauen dürfen und müssen sich äußern. Müssen sich nicht abgeklärt und kühl geben, um zu gefallen. Dürfen ihre Meinung bestimmt äußern. Müssen sich positionieren. Und ihr Umfeld sollte dem mit Respekt begegnen.
Mir hat das Buch gefallen. Für mich wäre es jedoch noch interessanter gewesen, hätten wir auch aus Yannicks Perspektive lesen können. Daher den einen Punkt Abzug.
Puh Freunde, ich weiß gar nicht so recht, ob ich die richtigen Worte für dieses Buch finden werde 💭📖👀
Mit absoluter Vorfreude, ein oft empfohlenes Buch zu lesen, das es sogar auf die Longlist des dt. Buchpreises geschafft hat, habe ich mit »Die schönste Version« angefangen. Das Buch beginnt echt stark. Wir starten mit einer romantischen Szene in die Geschichte und befinden uns im nächsten Kapitel auf der Polizeistation, um eine Anzeige aufzugeben. Ich hatte sofort das Gefühl, dass die Geschichte was für mich sein könnte — guter Schreibstil, wichtiges und aktuelles Thema und eine zerrissene Protagonistin.
Unsere Protagonistin Jella, ist nicht Ohne. Mal fühlt man mit ihr mit, will sie einfach nur in den Arm nehmen. Dann ist man unendlich frustriert von ihren Entscheidungen, entsetzt von ihrem toxischen Verhalten und irgendwie beschämt über ihren Umgang mit sich selbst. Und Yannick? Er ist der toxische Freund, der Jella in den Wahnsinn treibt und Hand anlegt (TW: häusliche Gewalt).
Dann ging es für mich irgendwie stellenweise sehr den Bach runter. Der Schreibstil wurde derbe und vulgär. Mich würde mal der Wordcount zu M*schi interessieren. Generell habe ich den Sinn dieser Wortwahl nicht verstanden — man kann auch ohne derbe Ausdrücke und teils eklige Beschreibungen authentisch schreiben? Ich erwarte nicht in jedem Buch Wortkunst und Poesie. Aber angeekelt, will ich halt irgendwie auch nicht sein. Der Schreibstil hat mich immer wieder rausgebracht und die Geschichte auf so unnötige Weise abgewertet, was mich richtig frustriert hat.
Das Ende war für mich wieder richtig gut. Das Thema häusliche Gewalt, Frausein im Patriarchat, eine beidseitig toxische Liebes- und Gewaltbeziehung: all das wurde richtig gut bearbeitet in dem Buch. Es hat sich teilweise sehr ehrlich angefühlt. Trotz allem ist das Gefühl, was nach dem Lesen geblieben ist, eher negativ. Was ich mir anders gewünscht hätte.
Fazit: Das Buch hat unstreitig eine Daseinsberechtigung, hat mich jedoch eher abgeschreckt, als überzeugt. 2.5 ⭐️
"Fuck" denken Schwer Atmen Das Buch weglegen müssen und Pause machen Alten Freund*innen schreiben Vieles hinterfragen Noch mehr wiedererkennen und das schrecklich finden Den jetzigen Freund*innen schreiben, sie fest in die Arme schliessen An die eigenen Eltern denken Angst haben, vor einer Zukunft voller Gewalt Männer hassen, die aus dem Buch und die aus dem echten Leben die denen so ähnlich sind Aufstehen und das Buch aufs Bett schmeissen Weiterlesen und weitermachen
Doch 5⭐️😅. Auch wenn mir die Protagonistin zum Ende hin unsympathisch wurde und das Thema Sex für mich insgesamt etwas zu dominant war, so würde ich mir sehr wünschen, dass jede*r, vor allem jeder Mann, dieses Buch liest!
"Warum hast du dir das gefallen lassen? Warum bist du nicht einfach gegangen?"
Wenn es um häusliche Gewalt geht, sind das zwei der häufigsten Fragen, die von Außenstehenden gestellt werden. Es sind Fragen, die man einem großen Teil an Frauen stellen kann - allein in Deutschland wird jede vierte Frau Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt durch ihren Partner. Die Tendenz ist steigend, die Dunkelziffer hoch.
In diesem Sinne ist das Thema von 'Die schönste Version' ein sehr wichtiges. Ruth-Maria Thomas hat, als frühere Sozialarbeiterin in der Jugendhilfe, einen nahen Blick auf die Materie. Das hat man beim Lesen auch gemerkt, zumindest hatte ich das Gefühl, dass bestimmte Situationen möglicherweise auf wahren Erlebnissen aus ihrem Arbeitsalltag beruhen könnten.
Protagonistin des Buches ist Jella. Gleich zu Beginn des Buches erfährt man, dass ihre langjähirge Beziehung zu Yannik in die Brüche geht, da dieser sie in Rage fast erwürgt hat. Wir begleiten Jella dabei, wie sie zurückblickt auf ihr Leben, wie sie in Ostdeutschland aufwuchs, auf ihre Freundinnen und ihre Erfahrungen mit Männern.
Jellas Art sich auszudrücken kommt meist eher krass daher. Es steht im Kontrast zu ihrer mädchenhafteren Seite, die manchmal noch hindurchschimmert. Letztlich sind ihre Beziehungen aber größtenteils fern von Romantik und Innigkeit. Ihre Partner sind älter, Jellas Einwilligung ist nicht immer gegeben, oder manchmal bestenfalls vage und sie begibt sich in ungesunde Abhängigkeiten. Vehement versucht sie, das zu sein, was ihre Partner sich wünschen und tut bestimmte Dinge, nicht weil sie sie tun will, sondern weil sie eben dazugehören zum Leben.
Im Vergleich erscheint Yannik dann zunächst als Jellas große Liebe. Er ist nicht der typische Schläger, zumindest nicht auf den ersten Blick. Aber er wird kontrollierend, er überschreitet Grenzen, die er nicht überschreiten darf.
Vieles was Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, durchleben wird in diesem Buch beschrieben. Wie herausfordernd es sein kann, sich Hilfe zu holen. Dass man sich, dem logischen Denken zum Trotz, selbstzerstörerisch verhält und aus bestimmten Verhaltensmustern nicht mehr herausfindet. Dass Gewalt und Liebe, Abneigung und Abhängigkeit in Wirklichkeit nicht klar voneinander abgegrenzt werden können und damit die vermeintliche Lösung des "Warum bist du denn nicht einfach gegangen?" in der Realität meist nicht so einfach umzusetzen ist. Kurzum, dass die menschliche Psyche und ihre Emotionen eine schrecklich komplexe Sache sind.
Wer bis hierhin gelesen hat, vermutet aber sicher bereits, dass sich ein 'aber' anbahnt, da ich dem Buch nur drei Sterne gegeben habe. So wichtig das Thema auch ist, empfand ich das sprachliche Gerüst, auf dem das Ganze steht als zu schwach. Zwar haben mir einige Bausteine gefallen, aber ich dachte doch am Ende, dass man noch mehr daraus hätte machen können. Andere werden vielleicht mehr daraus ziehen als ich.
Womöglich hätte ich niemals zu diesem Buch gegriffen oder davon erfahren, wenn es gerade nicht so im Hype wäre. Feminismus und Aktivismus ist etwas, für das ich mich immer mehr interessiere, weil wir Frauen für uns einstehen müssen und auch wenn es extrem viel Mut kostet, darf kein Mann dieser Welt die Hand gegen uns erheben oder uns ausnutzen. Ruth-Marie Thomas schreibt raw, so dass es auch oft weh tut und einfach nur "relatable", so dass wir uns alle darin wieder erkennen. Die vollen 5 Sterne kann ich leider nicht vergeben, da der Mittelteil nicht immer alles auf den Punkt gebracht hat und ich mir die Umsetzung etwas anders gewünscht hätte, aber nach wie vor ein Must-Read der zum Nachdenken anregt und einen begleitet.
Jella und Yannick sind das perfekte Paar. Bis sie es nicht mehr sind und Jella wegen Yannick zur Polizei muss. Wir erleben ab diesem Tag Rückblicke, die uns von der Kennenlerngeschichte der beiden und Jellas Jugend erzählen.
Uff. Ich habe bisher kein Buch gelesen, in dem ich meine eigene Jugend/mein eigenes Heranwachsen als Mädchen/junge Frau so wiedergefunden habe. Ich dachte, dass es hier vor allem um die toxische Paardynamik der beiden gehen würde, es geht aber vielmehr auch darum, wie junge Mädchen in den 2010er Jahren aufwachsen sind. Wie es sich anfühlt, wenn man denkt, dass das eigene Dasein nur dazu dient, Aufmerksamkeit von Männern zu bekommen und diesen zu gefallen. Das Buch hat mich immer wieder laut ausschnauben lassen, weil ich SO sauer war. Die Männer in der Geschichte sind so realistisch geschrieben und vor allem wird hier sehr, sehr gut gezeigt, wie schleichend sich toxische und missbräuchliche Beziehungen entwickeln. Mit welchen „Kleinigkeiten“ (die bei mir direkt alle Alarmglocken haben läuten lassen) es anfängt und bis zu welchen Zusammenstößen diese letztendlich führen können. Eigentlich ist das Traurigste daran, dass alles, was in dem Buch passiert „ganz normal“ ist und ich mir sicher bin, dass sich sehr viele Frauen in meinem Alter, die zu einer ähnlichen Zeit groß geworden sind, damit identifizieren können.
Ein Buch mit unglaublich wichtigem Inhalt, das mich leider mit seiner Sprache (mal sehr vulgär und derb, mal sehr gewollt, fast lyrisch „Rupi Kaur“-Stil, dann wieder sehr platte Sätze) und der (fehlenden tieferen) Ausarbeitung der Protagonistin nicht wirklich abgeholt hat. Dennoch teilweise Momente, die mich sehr berührt und gefasst haben. Viel, was man kennt. One way or the other.
Nichtsdestotrotz ein spannendes Debüt, aber in meinen Augen keine Longlist des Deutschen Buchpreises wert (inwieweit eine Nominierung oder das Gewinnen des solchen wirklich etwas über die literarische Qualität eines Werks aussagt, sei aber sowieso mal dahingestellt).
Dieses Buch hat mich im Sturm erobert, auch wenn kaum etwas an der Lese-Erfahrung „schön“ war. Das meiste dazu wurde gesagt, ich bin so froh, dass es zumindest auf der Longlist für den deutschen Buchpreis stand und Aufmerksamkeit bekommen hat.
Ich finde, dass dieses Buch hervorragend aufzeigt, wie die Sozialisierung, hier ganz speziell in den Nullerjahren, aber allgemein immer im Patriarchat dafür sorgt, dass Mädchen und junge Frauen denken, sich über eine Beziehung definieren zu müssen. Denken, dass sie nur so wenig wert sind. Denken, dass es um -ihn- und seine Bedürfnisse gehen muss, um -ihn- zu erobern und zu behalten.
Autsch - das ging richtig an die Substanz. Gefiel mir so so gut. Eine Protagonistin, die sicher alles andere als auf den Mund gefallen ist und sich trotzdem durch Männer extrem verunsichern lässt. Hat sich sehr real angefühlt und wird mir sicher sehr lange nicht mehr aus dem Kopf gehen. Lieblingzitat: "Unser Herbst war bis in den November hinein ein Jahrhundertsommer."
ich möchte dieses buch wieder und wieder lesen und ganz viel fühlen und nicken und verarbeiten. weil jeder einzelne satz sitzt, weil ich so viel daraus selbst erlebt habe, weil ich es so gut nachempfinden kann, wie es jella geht. und ich möchte jetzt sooo viele milchschnitten essen. so ein krasses und heilsames buch.
Was für ein Roman! Sprachlich mühelos intensiv und leicht zugleich, die Handlung packend und nebenbei inhaltlich unfassbar intelligent - kurz: Ich bin restlos überzeugt.
Im Zentrum der Geschichte steht die Beziehung zwischen Jella und Yannick, deren erste große Liebe damit endet, dass Yannick Jella fast erwürgt und diese zurück in ihr Kinderzimmer fliehen muss. Hier erinnert sie sich, wie ihr Aufwachsen sie zu diesem Punkt in ihrem Leben geführt hat: die Jugend in einer trostlosen Kleinstadt in der Lausitz, die ersten Erfahrungen, was es bedeutet, männlichem Begehren schutzlos ausgeliefert zu sein, die Rollen, die sie als Frau erfüllen soll, die Unsicherheit über eigene Bedürfnisse, kunstseidenes Verdecken dieser, aber auch Freundinnen, die zu ihr halten. Das klingt zwar nach schwerer, bedrückender Thematik, dennoch liest sich der Roman unglaublich leicht.
Für mich ist dieser Roman bereits jetzt ein moderner Klassiker und hat einen Ehrenplatz neben „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun verdient, auf die es zahlreiche Anspielungen gibt. Ich habe den Roman atemlos gelesen, zugeklappt und erst einmal geweint, so intensiv werden Jellas Gefühle transportiert. Durch die zugespitzte Schilderung von Jellas Leben als Frau, das immer wieder an alltäglichen Beispielen verdeutlicht wird, hat der Roman mir ermöglicht, auch eigene Verhaltensmuster in der Jugend und im Erwachsenenalter zu reflektieren, die zwar nicht so extrem waren, aber dennoch Züge der Muster aufwiesen, denen Jella ausgesetzt ist. Ich bin überzeugt, dass sich fast alle Frauen in den patriarchalen Strukturen, die Thomas so präzise beschreibt, wiedererkennen können. Gleichzeitig zeigt die Erzählerin, wie bedeutsam Solidarität von Freundinnen und Familie ist. Daher: Lest dieses Buch! Alle!
Welch ein intensives Buch, auch über die Zeit meiner Jugend in Ostdeutschland und beim Lesen die Frage und die Selbstreflexion, wie oft war ich wie Yannick, wenn auch ohne physische Gewalt, aber mit dem Spiel von Macht. Und wie oft habe ich mitbekommen, dass Freundinnen unter dieser Macht von ihren Freunden litten und ich schritt nicht ein.
Ruth-Maria Thomas nimmt uns in ihrem Debutroman mit auf eine teils schmerzhafte Reise, aber immer wieder gespickt mit schönen und unterhaltsamen Momenten.
Ein Buch, welches m.M.n. brauchte, weil es einer Generation eine Stimme gibt, die bisher nicht gehört wurde und meistens immer noch nicht gehört wird.
wurde so sehr geinfluenced, dass ich nicht bis zur erscheinung des taschenbuchs warten wollte und wurde nicht enttäuscht.
lasse mich leider übrigens ziemlich leicht influencen, weshalb die erste rezi auf goodreads (1 stern) mich kurz verunsichert hat, aber ich bleibe bei 4,5 sternen. übrigens hat mich die kritik an der „vulgären schreibweise“, die mich persönlich nicht gestört hat, daran erinnert, dass zu mir als mädchen früher oft gesagt wurde „so ein schönes mädchen und dann so hässliche worte- das passt doch nicht zusammen…“.
ich konnte einfach so oft so sehr relaten, dass ich garnicht anders konnte, als mit der protagonistin mitzufiebern. ja, es stimmt, dass das buch oft sehr oberfächlich ist, aber irgendwie konnte ich genug zwischen den zeilen fühlen, dass mich das nicht gestört hat. ich habe die ängste gefühlt, es männern recht machen zu wollen und dabei die eigenen meinungen und gefühle zu unterdrücken und ich habe das hinterher schönreden gefühlt und das dumme risiken eingehen, um sich selbst was zu beweisen. ich habe basically alle männer (in dem buch) gehasst und die momente, in denen jella mit ihren freundinnen war (vor allem wie sie sich mit shelly geschminkt hat) geliebt. ich finde es irgendwie auch schwierig einer figur oberflächlichkeit vorzuwerfen, wenn ihre umwelt (männer) ihren wert schon schon immer nur an ihrem aussehen (und ihrer fickbarkeit) misst.
4,5 sterne sind es, weil das buch häusliche gewalt behandelt und nicht „die erste große liebe, die alles richtig machen will“, wie es auf dem buchrücken steht. ich verstehe, dass es jella schwer fälltc das zu sehen, aber ruth-maria thomas hätte das meiner meinung nach schon so klar einordnen können. trotzdem empfehlung für alle, denen das thema nicht zu heavy ist.
Hat mir richtig gut gefallen, thematisch ähnlich wie Liebewesen oder Geordnete Verhältnisse, aber sprachlich interessanter. Ich kann es nur empfehlen (aber vorher content notes durchlesen)
"Drei Tage ungeduscht im alten Kinderzimmer und schon riecht man wie die eigene Mutter."
Ist auch so ein Satz, den man sich an die Wand kritzeln oder noch besser als Stickbild ins frühere Kinderzimmer hängen sollte. Und sei es als Warnung an sich selbst. Herz an dich geht raus, Mama!
Dieses Buch ist tut weh. Es verlangt einem alles ab und geht tief in die Ängste, die so viele Frauen haben, Ängste, die bei zu vielen Frauen Realität geworden sind. Eine Geschichte, die man bewusst lesen wollen muss und die deutlicherer Triggerwarnungen bedarf, denn der Inhalt hat mich komplett unerwartet und unvorbereitet getroffen.
Ein großer Teil von mir ist ehrlich gesagt einfach so unheimlich dankbar dafür, dass ich mit dem Buch durch bin.
Viele Erfahrungen der Protagonistin kennt man aus der eigenen Jugend - wer mit Germany's Next Topmodel aufgewachsen ist, weiß, was Körperideale und der „Male Gaze" mit Heranwachsenden machen.
Und diese ganze häusliche Gewalt, diese Gewaltspirale, gaslighting, lovebombing, das Hinterfragen der eigenen Haltung und das Aufgeben dieser bis zur absoluten Unkenntlichkeit der eigenen Person ist sooo belastend zu lesen.
Und gerade, weil es genauso laufen kann, ist es so wichtig, dass diese Bücher gelesen werden - aber nicht von mir, sondern von Männern.
Der Roman ist grandios realistisch geschrieben, aber stilistisch hat mich die vulgäre Sprache so häufig geärgert und es hätte der Geschichte keinen Abbruch getan, diese nicht so explizit zu verwenden. Ich hätte nicht so ausführlich, abstoßende Sexszenen gebraucht und da ich selbst im Osten aufgewachsen bin, hat mich insbesondere das wiederholte Wort „Muschi“ so gestört - manchmal war nicht mal klar, ob jetzt die Vulva oder die Vagina gemeint ist, sowas finde ich einfach nicht mehr zeitgemäß & das Nichtwissen über die Unterschiede hält insbesondere Frauen klein.
Nach Gesprächen mit einer Freundin über das Buch denke ich auch viel über den konstruierten „Nerv“-Faktor dieses Buches nach. Sooo oft war ich genervt von Jella & Yannick, weil die beiden sich offensichtlich nicht gut tun. Ja, offensichtlich für mich, aber halt nicht für die beiden. Denn für Betroffene von häuslicher Gewalt ist es eine Art von Gewaltspirale, die außer ihnen keiner irgendwann mehr nachvollziehen kann. Sie verlieren den Glauben an sich & die eigene Wahrnehmung. Sie geben sich auf. Sie gehen immer wieder zurück, weil er doch so nett sein kann, weil sie doch so große Emotionen miteinander haben, weil sie niemand versteht, weil es so besonders ist. Weil es doch gar nicht so schlimm war. Diese Dynamik wird den Lesenden selbst gespiegelt und das so zu konstruieren, ist Kunst.
Eine Anmerkung noch zu einigen Kritiken hier: hinter dem Buchdeckel ist tatsächlich eine Triggerwarnung, vorne auf der zweiten Seite. Die ist aber viel zu klein, da stimme ich euch zu.
Fazit: aufwühlend, hart, belastend, aber ein richtig tolles Debüt. Lest es, jedoch mit Vorsicht und Achtung vor eigenen Grenzen. Es ist ein gutes Buch, aber eben auch kein Leichtes.
„Die schönste Version“ war ein Buch, das ich wirklich in zwei Bissen verschlungen habe. Auf jeden Fall eines meiner Lieblingsbücher in diesem Jahr.
Es geht um die Beziehung von Jella und Yannik, die über die Jahre aus den Fugen gerät. Was kann man akzeptieren und was ist zu viel? Jeder macht Fehler, aber ab wann kann man sie nicht mehr verzeihen?
Aus der Ich-Perspektive erzählt Jella alle Geschehnisse sehr greifbar, daher ist die Sprache teilweise sehr derb/anstößig, aber dadurch auch viel intensiver und realistischer.
Es geht vor allem um Themen wie toxische Beziehungen, Macht, Frauenfeindlichkeit, Selbstzweifel, häusliche Gewalt und emotionale Abhängigkeit.
Auch Gaslighting ist ein großes Thema. Zwischen Gaslighting durch andere und Gaslighting durch sich selbst: „So schlimm ist es nicht“. „Ich habe es provoziert.“ Damit man irgendwie damit leben kann, aber zerbricht man nicht irgendwann daran?
In einem Konflikt mit sich selbst, wo auch Pro- und Contra-Listen nicht mehr helfen. Oft ist die Pro-Seite zwar länger, aber die Schwierigkeit liegt eigentlich darin, die einzelnen Punkte zu gewichten. Aber wer sagt einem, was schwerer wiegt, wenn der eigene Kopf und das eigene Herz das gar nicht wissen.
Was, wenn man den Menschen so sehr liebt? Jemanden zu verlassen, der sein Leben ist, bedeutet auch, sein eigenes Leben zu verlassen. Was, wenn die Beziehung nur noch aus Höhen und Tiefen besteht, die Tiefen wie die Hölle und die Höhen wie das Paradies erscheinen. Dann ist es nicht so einfach zu gehen.
Ein wirklich sehr emotionaler und erschütternder Roman, sehr empfehlenswert!
Jella wächst zwischen ständigen Zeitsprüngen als Kind der 90er Jahre von einer Jugendlichen zu einer jungen Studentin heran. Auf ihrem Weg trifft sie auf zahlreiche junge Männer, mit denen sie etwas hat und die patriarchalische Verhaltensmuster zeigen. Jella bleibt trotzdem gesellig und unternehmungslustig. Die schlechten Erfahrungen mit Männern kann sie noch nicht explizit als solche verbuchen. Sie ist fasziniert im Positiven wie im Negativen. Dann kommt sie mit Yannick zusammen. In das anfängliche Verliebtsein und schnelle Zusammenziehen tröpfeln nach und nach ebenfalls patriarchalische Verhaltensmuster Yannicks mit ein, bis hin zu einem Vorfall, der alles verändert…
Ruth-Maria Thomas bringt ein wichtiges Thema aufs Tableau: physische und psychische Gewalt von Männern gegen Frauen. Ihr Roman ist im wahrsten Sinne gewöhnungsbedürftig. Jella ist eine höchst ambivalente Figur, die ich erstmal zu fassen kriegen musste. Einerseits stört sie die an ihr verübte Gewalt der Männer, andererseits ist sie auch fasziniert und provoziert diese teilweise sogar herauf. Jella bekommt lange keine Resonanz auf ihre Erfahrungen, weder von Freundinnen noch von ihren getrennten Eltern. Sie holt sich die Resonanz aber auch nicht aktiv. Dadurch (und wohl auch durch fehlende Aufklärung) reflektiert sie ihre Erlebnisse erst viel zu spät. Das ist wohl leider authentisch und genau hierin besteht das Geniale, Lehrreiche und Exemplarische an der Hauptfigur Jella. Des Weiteren musste ich mich an die drastische, vulgäre Darstellung von Gewalt und Sex/Körperlichkeit gewöhnen. Dieser Stil war aber letztendlich notwendig, um die Gesamtproblematik der sich Thomas annimmt unmittelbar und greifbar darzustellen. Ein unglaublich starker lehrreicher Roman, der unbedingt, von vor allem jungen Leserinnen und LESERN , gelesen werden sollte. Aus meiner Sicht ein sehr wichtiger feministischer Beitrag, weil er so authentisch und trotzdem ausdifferenziert ist. Und trotzdem: Das Buch ist sehr schwer auszuhalten (TW) und verlangt viel leser*innenseitiges Mitdenken.