Hulda Gold lebt 1922 in einem Mansardenzimmer nahe des Winterfeldtplatzes in Berlin. Durch ihre Tätigkeit als Hebamme ist sie im Viertel bekannt und ihre scharfsinnige und unerschrockene Art trägt durchaus zur ihrer Beliebtheit bei. Hulda hat großes Mitgefühl für die schwangeren Frauen des Bülowkiezes, der nur unweit von ihrer Pension entfernt ist, deren BewohnerInnen aber ganz andere Lebensumstände erdulden müssen. Während Hulda aufgrund ihres Einkommens ein bescheidenes, selbstbestimmtes Leben führen kann, das ein einfaches, aber sauberes Zimmer und sogar ein eigenes Fahrrad beinhaltet, ist das Leben ein paar Straßen weiter von bitterer Armut und knochenharter Maloche geprägt. So sehr sich die jeweiligen Eltern auch über ihren Nachwuchs freuen - ihre Sorgen, diesen auch satt zu bekommen und vor Krankheiten zu schützen, wird ihre Zukunft stark prägen.
Der Erste Weltkrieg liegt erst wenige Jahre zurück, die Folgen prägen die Menschen - die voranschreitende Inflation, der Umgang mit den traumatisierten Soldaten und das Erstarken der Rechtsextremen sind drei deutlich erkennbare Zeichen dieser Zeit. Andererseits schafft die noch junge Republik in einem gewissen Rahmen auch Fortschritt: Frauen dürfen wählen - auch wenn sie in einer Ehe ihren Mann noch immer um Erlaubnis fragen müssen, wenn sie beispielsweise berufstätig sein möchten, die Medizin entwickelt sich weiter, die Menschen tanzen zu Jazz, die Röcke werden kürzer und die Badekleidung körperbetonter - um nur wenige Punkte zu nennen.
Als Hulda das erste Kind eines sehr jungen Ehepaares im Elendsviertel entbindet, erfährt sie, dass deren geschätzte Nachbarin tot im Landwehrkanal gefunden wurde. Die frischgebackene Mutter ist schockiert und kann nicht glauben, dass es sich um Selbstmord gehandelt hat. Auf ihre Bitte hin hört sich Hulda um - und zweifelt immer mehr an einem bloßen Unfall. Doch warum ermittelt Kriminalkommissar Karl North nicht mit mehr Nachdruck? Je mehr Nachforschungen Hulda anstellt, desto mehr gerät sie auch selbst in gefährliche Situationen…
Die Autorin hat einen sehr atmosphärischen Roman vorgelegt, der nicht nur Lokalkolorit, sondern auch jede Menge Wissenswertes aus der damaligen Zeit transportiert. Wer die Krimis um Gereon Rath von Volker Kutscher kennt, kennt das ein oder andere Detail schon, wie beispielsweise die gut besuchten Aschinger-Lokale, in denen man günstiges Essen, aber vor allem Bier konsumiert, oder aber die Nachtclubs, die Berlin - sobald es dunkel wird - an verschiedenen Stellen in ein anderes Licht rücken. Auch Hulda liebt es, der modischen Musik zu lauschen, dazu zu tanzen und hin und wieder ist sie sogar Rauschmitteln nicht abgeneigt…
Dennoch ist der Roman um die junge Hebamme kein Abklatsch! Vielmehr transportiert Anne Stern mit ihrer Heldin einen deutlich weiblicheren Blick auf die Stadt und ihre BewohnerInnen. Huldas Art ist nicht immer ganz einfach, aber ihr großes Herz und ihr Engagement für die in der Regel armen jungen Frauen, die sie betreut, haben mich sehr für sie eingenommen. Sie mag kein politisch interessierter Mensch sein, aber sie ist einer, dem das Schicksal der anderen nicht einerlei ist - und das alleine macht sie politischer als sie selbst es denken mag! Vor allem gefällt mir ihr beherzter Einsatz, der diametral den männlichen Bestrebungen, die Geburtshilfe gänzlich in Krankenhäuser zu verlegen, entgegensteht, sehr gut - zumal sie sich nicht scheut, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn sie merkt, dass eine Gebärende mehr Hilfe benötigt.
Der Kriminalfall selbst fußt auf ein, zwei Zufällen, die der Geschichte jedoch nicht schaden, da sie meines Erachtens dem Spannungsbogen dienen und dabei den Personenkreis nicht zu groß werden lassen. Abgesehen davon bin ich der Meinung, dass zumindest ein Zufall angesichts der Abgegrenztheit des Handlungsortes durchaus glaubhaft ist.
Wer das Buch unter dem Gesichtspunkt Krimi lesen sollte, begeht in meinen Augen einen Fehler - für mich ist der ‚Fall’ an sich ein roter Faden, der durch den gesamten Roman führt, aber andere Aspekte sind nicht weniger wichtig.
„Fräulein Gold - Schatten und Licht“ ist ein sehr gelungener Auftakt einer neuen Serie, die die 1920er Jahre mit all ihren Facetten beleuchtet, die einen Fokus auf ganz normale Frauen in dieser Zeit richtet, die die Sorgen und Nöte der Menschen zeigt und dabei spannend und emotional ist. Viel zu schnell waren die Seiten gelesen und nun freue ich mich schon sehr auf die Fortsetzung!