Sonntag, 28. Juni 1914, 10.45, Sarajevo, Ecke Franz-Joseph-Straße/Appelkai: Mit zwei Pistolenschüssen tötet der 19-jährige Gavrilo Princip den Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie. Einen Monat später erklärt Österreich dem Königreich Serbien jenen Krieg, der den Ersten Weltkrieg auslöst. Franz Ferdinand d’Este, Neffe des Kaisers Franz Joseph, war ein Tyrann, scheu und voller Menschenverachtung, der den Tod des Monarchen Franz Joseph herbeisehnte und widersprüchliche Staatspläne entwarf. In diesem biographischen Roman, der nach Erscheinen 1937 sofort verboten wurde, verdammt Ludwig Winder seinen armseligen Helden jedoch nicht, sondern zeigt, wie erstarrt das habsburgische Hofzeremoniell war – eine Wiederentdeckung hundert Jahre nach dem Attentat von Sarajevo.
Ludwig Winders Roman »Der Thronfolger« stammt aus dem Jahr 1937 und schildert die Zeit von 1855 bis 1914. Beim Beginn des Buches ist die spätere Mutter der Hauptperson ein zwölfjähriges Mädchen und ihr Vater König beider Sizilien. Auf Seite 128 ist Maria Annunciata lange tot und wir sind im Jahr 1889, als die Nachricht vom Tode des Kronprinzen Rudolf den Erzherzog Franz Ferdinand erreicht. Ein gutes, interessantes und wirklich lesenswertes Buch. Aber es hat erstaunliche Leerstellen: Kunst, Literatur, Wiener Moderne – kein Wort dazu. Auch die verfassungspolitischen Fragen werden nur insoweit erwogen, als Franz Ferdinand eine absolute Herrschaft möglich sein soll, um den Glanz wiederzuerlangen, der dem Haus Habsburg gebührt.
Höchst informativer, spannend geschriebener Roman um den zeitlebens offensichtlich kreuzunglücklichen Franz Ferdinand, über den man so allerlei erfährt: Jagdtick (Lust am Schnellmetzeln), politisch uneindeutig: neben wolkigen Ideen zu den United States of Habsburg oder mindestens zu Trialismus (schönes Wort!) oft geifernder Ungarnhass, Inferioritätskomplex auf der ganzen Linie und gegen jeden, Sammelwut, vorbildlicher Gatte seiner ehrgeizig-unebenbürtigen Gräfin Sophie. Karl Kraus schreibt über ihn: "Franz Ferdinand scheint in der Epoche des allgemeinen Menschenjammers, der in der österreichischen Versuchsstation des Weltuntergangs die Fratze des gemütlichen Siechtums annimmt, das Maß eines Mannes besessen zu haben." Dass er sich bei nichts und niemandem je irgendwie anbiedern wollte, scheint auf jeden Fall zu stimmen. Vielleicht wäre er ein neuer Tiberius geworden...
Der Romantitel ist Programm: Zum Erinnerungsjahr 2014 - 1914 neu aufgelegte Biografie / Psychogramm des Thronfolgers Franz Ferdinand von Österreich-Este, mit dessen Ermordung der 1. Weltkrieg ausgelöst wurde. Ludwig Winder (Journalist/Schriftsteller des Prager Kreises um Max Brod) schreibt so exzellent, dass das Buch kaum aus der Hand zu legen ist.
Für ein historisches Werk zu viel hineininterpretiert und dazuerfunden: Gedanken, Konversationen, ... Für einen Roman auch zu fad und langatmig. Sehr repetitiv. Meiner Meinung nach nicht sehr gelungen.