Das Wichtigste gleich vorab: dieses Buch macht Spaß! Es bedient "die Leidenschaft des Schauens" und lädt zum Schmunzeln, Bewundern, Lachen und Nachdenken ein. Wer waren die Modelle, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts in den Ateliers der Pariser Fotografen ganz so wie die Natur sie geschaffen hatte, ablichten ließen? Dirnen, Varietékünstlerinnen oder gar Damen des Bürgertums? Wie fand die Verbreitung der lange als obszön geltenden Darstellungen statt? Welchen Einfluss hatte die Aktfotografie auf die Entwicklung der Sexualmoral der Gesellschaft? Und wie unterscheiden sich die Werke von damals von heutigen erotischen Bildern? Fragen, die der Band offen lässt, aber zu weiteren Recherchen anregen.
Besonders bereichernd sind die Ausführungen zu den verschiedenen Epochen und Kategorien der Aktfotografie, wodurch der Blick der Leser und Leserinnen auf das Thema noch einmal geschärft wird. So lehnte sich die Bildsprache des Genres lange Zeit an die der Malerei an, um dem Medium einerseits eine künstlerische Legitimation zu verleihen und andererseits, um die Zensur zu umgehen und fand erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu seiner ganz eigenen Ausdrucksform und Ästhetik. Ebenfalls erfreulich ist die Vielfalt der Motive, sei es in Hinblick auf die Körperformen der Abgebildeten oder erotischen Vorlieben - offenbar besteht der Wunsch des Menschen, sich auch in sexueller Hinsicht frei entfalten zu können, seit jeher. Andererseits weist die Sammlung Scheid aus heutiger Sicht gewisse Lücken auf (z.B. gibt es kaum Abbildungen von People of Color oder Arbeiten von weiblichen Künstlern), was jedoch an der Zeit und den Möglichkeiten, in der die Bilder entstanden sind, liegen mag. Warum der Band allerdings eine Fotografie Willy Zielkes enthalten muss oder Knabenakte, bleibt das Geheimnis der Herausgeber.
Alles in allem ein sehr aufschlussreicher und unterhaltsamer Überblick des Stoffes, den man sich wie eine gut kuratierte Austellung nicht entgehen lassen sollte.