✨wer nicht alles lesen will✨
Ich bin ohne Erwartungen in das Buch reingegangen. Der Schreibstil ist zu Beginn holprig, die Liebesgeschichte erinnert mehr an ein Jugendbuch (auch wenn paar Szenen dabei sind, die nicht sehr jugendlich sind *husthust*). Der Plot ist spannend, aber das Pacing wirkt etwas unbeholfen, als hätte Lionera spontan entschieden, die Geschichte in eine andere Richtung zu treiben. Trotzdem hat die Story etwas und die Welt ist durchaus interessant. Zudem hatte ich hier und da wirklich Spaß beim lesen (was eigentlich auch nur Halvard zu verdanken ist). Alles im allem ist es eine nette Literatur für zwischendurch und wenn man mit dieser Erwartung reingeht, auch ein unterhaltsames und interessantes Buch.
✨Schreibstil✨
Hierzu habe ich noch nie etwas wirklich geschrieben, aber bei dem Buch muss es sein.
Am Anfang ist der Schreibstil so sehr verschnörkelt und verschönert, dass es teilweise wirklich schwer fällt, die Sätze zu lesen. Zumindest ging es mir so. Das wird allerdings mit der Zeit besser, als hätte Lionera ihren Flow gefunden. Am Anfang stolpert man über die Sätze und ich musste teilweise Absätze zweimal lesen, bis ich sie wirklich verstanden habe. Das hat den Lesefluss durchaus gestört. Aber wie gesagt, ungefähr nach 1/4 des Buches wird es erträglicher und danach besser.
Allerdings zieht sich durch das gesamte Buch eine Art Naivität und Einfachheit, die eher in ein Jugendbuch passen würde. Dies scheint mir aber besonders relevant, wenn wir über die Beziehung der zwei Protagonisten sprechen, because: what the fuck? (s. weiter unten).
✨Yrsa✨
In einer Rezession habe ich gelesen, dass die Person unzufrieden war, weil die Protagonistin als stark und unabhängig beschrieben wird, allerdings nichts alleine meistern kann.
Nun, das ist wahr. Und ich sehe das hier nicht als eine Verfehlung der Autorin in der charakterlichen Darstellung der Protagonistin, sondern als Absicht. Yrsa versucht ständig stark und unabhängig zu agieren, muss aber immer wieder feststellen, dass sie es nicht kann. In manchen Szenen erinnert sie beinahe an ein junges Mädchen, statt an eine junge Frau. Sie ist eine Clananführerin, welche nie in ihren führen Anführerjahren eine wissende und starke Leitfigur hatte, welche sie nach und nach an ihre Aufgaben herangeführt hat. Sie musste ihren Weg selbst finden und herausfinden, was für eine Anführerin sie sein möchte. Es gibt eigentlich niemanden in ihrem Dorf (bis auf ihre Schwester), dem sie sich anvertrauen oder um Rat bitten kann. Somit finde ich, dass ihr Wunsch stark und unabhängig und eine gute Anführerin zu sein, es aber einfach noch nicht ist, sehr gut dargestellt.
Zudem bekommen wir den Blickwinkel eines anderen Charakters auf sie, welcher die feinsäuberliche Fassade wahrhaftig als mutig und stark interpretiert. Wir haben also die zwei Seiten: Yrsa, die unsicher ist bzgl ihrer Fähigkeiten und ihres Auftretens und die andere Seite: Kier, der eine mutige und starke Anführerin nach außen und innen hin sieht.
Schlussendlich muss ich allerdings sagen, dass es sich bei Yrsas Charakter durchaus um eine starke Protagonistin handelt, aber um eine schwache Anführerin. Ich hätte mir mehr Szenen gewünscht, in welchen sie wahrlich als Clananführerin agiert und so streng und zielgerichtet ist, wie viel beschrieben wird, aber da lag wohl nicht der Fokus drauf. Was seltsam ist, weil eigentlich geht’s ja in dem Buch genau darum: den besten Anführer unter all den Anführern zu wählen!
Es wird durchaus die ganze Zeit diese starke, unabhängige und unbeugsame Kriegerin und Anführerin beschrieben, allerdings (ja, immer wieder dieses blöde 'allerdings'…ich werde nach Synonymen suchen) trifft dieser Charakterzug nicht zu, wenn wir uns die Beziehung bzw. die Liebesgeschichte genauer anschauen. Leider, leider (*tiefer Seufzer* so viel Potenzial…verschwendet). (again s. weiter unten).
✨Kier✨
Es ist doch durchaus mal angenehm, nicht einen männlichen Protagonisten zu haben, der geheimnisvoll, in Schatten gehüllt und besserwisserisch ist. Nennt mich altbacken, aber ein Mann, der geduldig, besonnen und rücksichtsvoll ist, ist wahrlich der bessere Fang als ein grummeliger, hunderte Jahre alter Typ, der makellos erscheint und perverse Spielchen mit der Protagonistin treibt, die später als Heldentaten dargestellt werden (looking at you, Rhysand).
Ich fand Kier sogar teilweise spannender als Yrsa, weil hierbei über das ganze Buch hinweg die Frage an einem genagt hat: „was zum Teufel hast du getan, dass jeder dich so abfällig behandelt?!“ Es wird somit eine Art der Neugierde geweckt und sehr lange hochgehalten.
✨Nebencharaktere✨
Halvar hat mein Herz gestohlen. Genau mein Humor. Ich habe einfach eine schwäche für treu-bis-in-den-Tod Gefährten, die immer ihren Mund in den falschen Momenten aufreißen müssen und gleichzeitig wahnsinnig intelligent sind.
Astrid hat eine solch ausgeprägte Charakterstimme, dass man sofort jedes Mal weiß, dass sie spricht, selbst dann, wenn es nicht explizit gesagt wird. Nichtsdestotrotz kann ich sie nicht leiden.
Und jedes Team braucht eine Vangar. Warum genau, weiß ich nicht. Aber irgendwer muss ja die Dummheit und grenzenlose Schamlosigkeit anderer Charaktere im Zaum halten und die Menschen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen.
✨Die Liebesgeschichte✨
…wenn man es denn so nennen kann.
Ungefähr auf Seite 316 hat es bei mir Klick gemacht, was mich an dem Buch und der Darstellung der Liebesgeschichte so irritiert und warum ich das Gefühl habe, dass es ein vierzehnjähriges Liebeskrankes Mädchen geschrieben hat bzw. ein liebeskranker Junge.
Der Schreibstil klingt teilweise wie ein Tagebuch. Als würden die Charaktere nicht in der Geschichte wahrlich leben, sondern ihre Geschichte in ein Büchlein schreiben und dabei alle Vorsicht fahren lassen. Zumindest dann, wenn nicht gerade etwas Externales passiert, sondern sich sehr viel Internal abspielt und wir immer und immer wieder den Gedanken der Protagonisten folgen müssen.
Sätze wie: »Zum Glück hat mich dann der Traumkier von meiner Enttäuschung abgelenkt.« unterstreichen eben diese Erkenntnis.
Ganz anders ist es jedoch dann, wenn es sich nicht um die Liebesgeschichte dreht. Hierbei wird der Ton erwachsener. Was sehr angenehm ist. Unweigerlich muss man sich dann fragen: ist das Absicht? Wollte die Autorin diese naiven Gefühle unterstreichen, die bei der aller ersten Liebe so hochkommen? Werden wir dann nicht alle etwas lächerlich und hoffnungsvoll? Dieser Ausdruck einer kindlichen Neugierde und Naivität, zieht sich dabei durch das ganze Buch, wenn es um die Gefühle der beiden geht.
Doch …
Leider passt sowas in ein Setting wie dieses einfach nicht rein und wirkt eher irritierend. Es handelt sich um erwachsene Menschen, auf dessen Schultern mehr Verantwortung lastet, als man sich vorstellen kann. Der krasse Kontrast zwischen einer Anführerin, die ein Mitglied ihres Clans sterben lässt, weil er einen Fehler gemacht hat, zu der jungen Frau, die sich nicht auf ihre Aufgaben konzentrieren kann, weil „was macht wohl gerade Kier und warum habe ich keinen Brief bekommen?“ ist extrem und unschön. Und stört, verdammt nochmal.
Ganz vielleicht, liegt es auch einfach nur an meinem Alter und meinem Wunsch, eine etwas erwachsenere Liebesgeschichte in einem solchen Setting, welches geprägt ist von Tod, Überlebenskämpfen und dem Alles-oder-nichts-Prinzip, zu sehen.