Diejenigen, die es nach Walbrzych verschlagen hatte, vermehrten sich in der Hoffnung, die Kinder würden mit den Wurzeln geboren, die man ihnen abgeschnitten hatte, und dann würden sie sich an ihren verwurzelten Kindern festhalten können und sich am richtigen Ort fühlen, zuhause, nicht mehr wegzukriegen. - S. 62
Wow. Noch nie habe ich ein Buch gelesen, das eine zum Teil so banale Prämisse hat, und doch durch seinen Schreibstil und das Talent für Charaktere der Autorin zu einem fast schon epochalen Werk polnischer Nachkriegsgeschichte wird.
Hierin geht es um Piaskowa Góra, zu deutsch Sandberg, eine Gegend in Walbrzych, in der während des Kriegs sowie zu Zeiten des kommunistischen Polens kaum einer gelebt hat, in das aber viele Polen umgesiedelt werden. Dazu zählt Jadzia, die mit ihrer Mutter Zofia in der Nähe gelebt hat, und dort nun schließlich mit ihrem Mann Stefan hinzieht, da er Kontakte zur Kommunistischen Partei hat und diese ihnen eine etwas besser situierte Wohnung besorgen können. Und auch wenn er nicht unbedingt ihr Traummann ist, kriegen die beiden gemeinsam eine Tochter, nämlich Dominika. Und Dominika ist das exakte Gegenteil von dem, was Jadzia sich wünscht - sie hat einen dunklen Teint, total chaotische Haare, interessiert sich für Naturwissenschaften und passt einfach überhaupt nicht in das Bild einer feminen Tochter, von dem sie immer geträumt hat. Und so bewegen sich die beiden stets in einem Spannungsfeld zwischeneinander aus zerschellten Träumen, unerfüllten Sehnsüchten, fehlender Akzeptanz und dem Wunsch, aus Sandberg herauszukommen - auch wenn zumindest Jadzia das nicht gerne zugeben will.
Damit stürzt uns Bator, die selbst in einer ähnlichen Gegend aufgewachsen ist, in ein kleines Familienepos, was auf der einen Seite gar kein Epos ist, weil es um sehr gewöhnliche Menschen geht, die davon so verunsichert sind, dass sie nichts anderes als Gewöhnlichkeit akzeptieren, auf der anderen aber eben genau das ist, weil die Autorin es so eloquent, feinfühlig und spannend erzählt. Man steigt zwar ein in die gegenwärtige Situation von Jadzia und Dominika, allerdings beginnt mit dem zweiten Kapitel quasi eine Reise in die Vergangenheit, in der man die Kindheit und den Werdegang einer jeden Person in diesem Buch kennenlernt. Man lernt Zofia kennen und die Umstände des 2. Weltkrieges, die sie als junge Frau miterleben musste, und wie sie die Ereignisse dort vielleicht zu der lieblosen Mutter gemacht haben, die Jadzia von Beginn an ihren Selbstwert genommen, dafür aber einen krankhaften Fimmel für Hygiene geschenkt hat. Man lernt Jadzia kennen und wie sie anfangs ganz große Fantasien für ihr Leben hatte, jedoch erkennen musste, dass sie diese vermutlich nie für sich selbst wird erfüllen können. Und dieses Unglück trägt sie dann an ihre Tochter weiter, nur möchte diese sich nicht so sehr an die Wünsche ihrer Mutter anpassen wie Jadzia es einst tat - ein Umstand, durch den sie eventuell den Kreis des Leids in ihrer Familie durchbrechen könnte.
Ein Umstand, den Bator hervorragend beschreibt, weil sie jeden ihrer weiblichen Hauptcharkatere wunderbar kennt und sich auch nicht zu schade ist, mehrere Seiten dafür auszuholen, um die Gedankenprozesse ihrer Figuren zu beschreiben.
Es kommen wie gesagt auch Nebenfiguren zu Wort, wie Stefan, der ebenfalls von einem Traum des Sich-Beweisens getrieben ist, allerdings immer mehr dem Alkoholismus anheimfällt, oder Jagienka, die Dominika das Leben in der Schule zur Hölle macht, zuhause jedoch von ihrem Polizistenvater selbst schikaniert wird. Und während das manchmal ein wenig zu ausführlich ist, zeigt es doch, was die Autorin mit dieser Geschichte zeigen wollte: In jeder Familie gibt es einen Zirkel der ungelösten Traumata, einen Kreis von Dingen, die sich eingebürgert haben und die schwer wieder zu lösen sind. Und dass jeder seine Gründe für sein Handeln hat, mögen sie noch so banal sein oder die Figuren unsympathisch machen.
Man könnte diesen Roman daher als Charakterstudie beschreiben, größtenteils ausgeweitet auf die ganze Familie, und manchmal auch ausgeweitet auf ganz Sandberg oder ganz Polen, welche nun ihre Identität nach dem Kommunismus neu finden müssen. Und oh mein Gott, dieses Buch fühlte sich dadurch an wie Nachhausekommen, und das auf die lustigste und zugleich schrecklichste Art überhaupt. Denn meine Verwandtschaft kommt aus dem Norden Polens, ebenfalls aus einem winzigen Dörfchen voller Traditionen und ,,Das gehört sich so''s und Menschen, die von Angesicht zu Angesicht freundlich sind und dann hinter dem Rücken übereinander lästern - und ich war in vielerlei Hinsicht wie Dominika. Eine Individualistin, die jedes ,,Das gehört sich so'' hinterfragt, nicht gerne in die Kirche geht, nicht dem typischen Rollenbild einer Frau entspricht und die einfach etwas anderes für sich will als das, womit sie großgezogen wurde. Daher fühlte sich das Buch unglaublich nah und real an, und das obwohl man ganz klar herausliest, dass die Autorin viele Aspekte dieses dörflich-einfältigen Lebens als lächerlich ansieht und es auch oft so überspitzt, dass es fast wirkt wie eine Parodie. Fast, weil ich als Leserin, aber auch Tochter einer dörflichen, polnischen Familie viele dieser Situationen wiedererkannt habe und es erschreckend ist, dass ein Buch, das in den 70er Jahren ansetzt sich noch genauso aktuell anfühlt wie heutzutage.
Dadurch, dass einem alles so bekannt vorkommt, kann man sich unglaublich gut mit Dominika identifizieren und Empathie für sie entwickeln, und auch wenn viele andere Figuren dieses Buches furchtbar sind, so entwickelt man auch Empathie dafür, dass sie mit ihrem Erlebten nicht umgehen können und sich deswegen schrecklich verhalten. Das schafft die Autorin eben durch ihre eloquente und intelligente Art, diese Erlebnisse und Gedanken zu erzählen, und zugleich zu so einem Drama zu machen, dass man darüber lachen muss. Wie oft musste ich schmunzeln, als Dominika irgendwelche Kleidung getragen hat, die ihrer Mutter nicht passt, und sie mit einem panischen ,,Was sollen die Leute denken?'' versucht, ihrer Tochter ein schlechtes Gewissen zu machen. Die Angst vor einem schlechten Ruf, der fast schon pedantische Wunsch, nicht aufzufallen und irgendwas zu verändern, das Beschreiben seiner zwei neuen, zusammenlebenden männlichen Nachbarn als ,,Homodingsbums'', weil man Homosexualität in Polen (heute leider immer noch) als unnormal ansieht, die Idealisierung der neu entstandenen BRD und wie man fast schon als reich gilt, wenn man es schafft, irgendein Produkt daraus zu ergattern - es ist alles so banal und genau aufgrund dessen unglaublich lustig zu lesen! Und das, obwohl auch viele schreckliche Dinge geschehen, Dinge, die davon zeugen, dass die Autorin sich mit psychischen Krankheiten auskennt und auch keine Angst hat, diese und den ungesunden Umgang mit diesen zu thematisieren.
Bator hat daher ein mehr als außergewöhnliches Talent, ihre Charaktere zu beschreiben und selbst die banalste und unaufgeregteste Gegend so zu beschreiben, dass es unterhaltsam für den Leser ist und interessant bleibt, auch wenn man von einem Ort liest, in dem nie irgendwas passiert - bis auf die schrecklichen Familienschicksale, über die niemand redet, natürlich. Es ist wirklich überraschend, über Stefans Essstörung und ihre Entstehung zu lesen sowie Jadzias obsessives Bedürfnis zu putzen und dass sie nach der Geburt Dominikas eine Postpartum Depression entwickelt hat. Dadurch bekommen die tiefgründigen, und zugleich etwas cartoonhaften Figuren eine interessante Hintergrundgeschichte und machen die Geschichte zu einer Ansammlung hochspannender Psychogramme.
Allerdings sollte man sich eben dessen bewusst sein, dass es genau das ist, was das Buch ausmacht: Charaktere, ihre Geschichte, und auch ihre fehlende Entwicklung oder ihre Fehlschläge, sich zu entwickeln. Die Autorin fokussiert sich ausschließlich auf ihre Stärke, diese Familiengeschichte und Polen zu dieser Zeit (und mehrheitlich auch heutiger) zu beschreiben, und lässt viele andere Aspekte einer Geschichte unter den Tisch fallen. Daher fühlen sich manche Passagen auch ziemlich langgestreckt an, besonders da es bis gegen Ende fast nie zu einem richtigen Knall zwischen Dominika und Jadzia kommt. Daher sollte man sich schon ausschließlich vom Stil der Autorin sowie ihrem Character Building einnehmen lassen, denn bis auf die Familiengeschichte gibt es keinen großen Plot oder viele Wendungen. Lediglich am Ende scheint es so, als wäre die Autorin selbst ein wenig in den Geschmack der Soap Operas gekommen, die Jadzia gerne guckt, weil schließlich ein recht schrecklicher Schicksalsschlag passiert und dieser auch recht plötzlich und unvorhergesehen kommt. Dies reißt einen ein wenig aus der Geschichte raus, tut allerdings keinen Abbruch zu der zuvor geschriebenen, großartigen Charakterstudie sowie Kritik und Betrachtung eines identitätslosen Polens.
Vielleicht ist das ein Buch, das man aus äußerst spezifischen Gründen mögen kann. Es ist sehr intelligent erzählt, zieht die Wünsche und Bedürfnisse der Charaktere zwar ein wenig ins Lächerliche, behandelt ihre Probleme und ihre Persönlichkeit aber mit gebührendem Ernst, und erzählt letztlich eine Geschichte von vielen polnischen Familien. Eine Geschichte geprägt von vielen Träumen und wie diese aufgegeben werden, einer Geschichte, in der der Kommunismus in Polen nicht gesiegt hat, und dafür ein großes Loch in das Land gerissen hat, und Personen, die mit diesen Umständen klarkommen müssen. Eine Geschichte von Diskriminierung, dem Erkennen seines eigenen Potentials, dem Erkennen, dass man verlorenen Zielen hinterherläuft, und alles in allem eine Geschichte von Tochter und Mutter, die sich lieben wollen, es aber nicht tun. All das wird wunderschön erzählt mit einem der komplexesten und doch am leichtesten zu lesenden Schreibstile, der perfekt zur Geschichte passen, und sowohl empathisch heranführt wie auch scharf kritisiert. Ein tolles Buch, wenn auch sicherlich für eine recht eingegrenzte Zielgruppe!
Gesamtwertung: 4/5 Punkte