Spaltung eines Landes Der Streit um die Sklaverei treibt den Norden und Süden der Vereinigten Staaten immer weiter auseinander - bis dieser Konflikt nur noch mit Gewalt zu lösen ist. Vier Jahre lang ringen zwei riesige Heere um die Einheit der USA.
Als Apu aus The Simpsons bei seinem Einbürgerungstest auf die Frage, wie es zum Amerikanischen Bürgerkrieg gekommen sei, zu einer umfassenden Erklärung der auseinanderlaufenden sozioökonomischen und politischen Interessen der Nord- und alten Südstaaten der USA anhebt, wird er von dem etwas genervten Beamten mit dem oben angeführten Ratschlag unterbrochen, dem er sich natürlich gerne anschließt. Man hat fast den Eindruck, die Verantwortlichen für Heft 60 des GEO-Epoche-Magazins, in dem es um den inneramerikanischen Konflikt geht, der in der ersten Hälfte der 60er Jahre kulminierte, haben dasselbe getan.
Doch zunächst zu den guten Seiten dieser Ausgabe. Wieder einmal ist es GEO-Epoche gelungen, eine Vielzahl fundierter Beiträge zu einem hochinteressanten geschichtlichen Thema zu vereinigen. So beleuchtet Markus Wolff beispielsweise eindringlich den Glanz der dünnen Schicht der Pflanzeraristokratie und das unsägliche Elend der Sklaven, aus deren Entrechtung und Ausbeutung sich dieser schmutzige Reichtum speiste. Auch die erste Schlacht von Bull Run bzw. Manassas sowie die den Umschwung des Krieges herbeiführende Schlacht von Gettysburg werden in zwei ausführlichen Artikeln behandelt. Ebenso interessant ist Mathias Mesenhöllers Artikel über Abraham Lincoln als Privatmann und Politiker, über seine Entschlossenheit, die Union als letztes erfolgreich gebliebenes Experiment in Sachen Demokratie zu erhalten – ein Ziel, zu dessen Erreichung er auch seine persönlichen Überzeugungen in der Frage der Sklaverei zunächst einmal hintanstellt – und über John Wilkes Booth, den Mann, der Lincoln hinterrücks erschoß. Am interessantesten fand ich persönlich Sebastian Kretz‘ Beitrag über das „Duell der Panzerschiffe“, in dem deutlich wird, wie der Süden durch neuartige Schiffe – z.B. die sogenannten ironclads oder durch die Nutzung eines U-Bootes – versuchte, die materielle Überlegenheit des industrialisierten und moderneren Nordens auszugleichen, und so nebenbei die britische Seeherrschaft prinzipiell obsolet machte. Auch der berüchtigte Marsch Shermans durch Georgia und South Carolina wird in einem anderen Aufsatz unter dem Gesichtspunkt der Prägung des modernen Krieges durch den Bürgerkrieg dargestellt – nämlich als erstmals in der Geschichte bewußt und systematisch gegen die feindliche Zivilbevölkerung gerichteter Krieg.
Neben diesen und anderen informativen Artikeln beeindruckt das Heft wieder einmal durch sein Bildmaterial, dieses Mal durch nachkolorierte zeitgenössische Photos, die dem Bürgerkrieg eine Unmittelbarkeit verleihen, welche ihm als erstem modernen Krieg wohl auch zukommen dürfte.
Enttäuschend fand ich allerdings die Art, wie die Vorgeschichte dieses Krieges behandelt wurde, kleben die Verfasser des Heftes doch in erster Linie an der Deutung, daß es vornehmlich darum ging, das Unrecht der Sklaverei aus humanitären Erwägungen abzuschaffen. Die Lesart, daß der Krieg deshalb ausbrach, weil der Norden die Einheit der Union aufrechterhalten, der Süden hingegen sein vermeintliches Recht, aus der Union auszutreten, nicht aufgeben wollte, wird mehr oder weniger der konservativ-revisionistischen Linie der Lost-Cause-Historiker zugeordnet. Vielleicht kann sich dieses Dilemma in seiner Bedeutung für den Kriegsausbruch relativieren lassen, wenn man zwischen Kriegsursachen und dem letztlichen Anlaß des Krieges trennschärfer unterscheidet. Was meines Erachtens allerdings eindeutig zu kurz kommt, ist eine Berücksichtigung der wirtschaftlichen und politischen Antagonismen zwischen dem Norden und dem Süden, die sich unter anderem in immer wieder aufflammenden, mit notdürftigen Kompromissen beruhigten Auseinandersetzungen um die Schutzzollpolitik oder in einer Kritik des Nordens an dem unverhältnismäßigen Übergewicht, das prominente Südstaatler in den Institutionen der Union aus verschiedenen Gründen behaupten konnten, übten. Auch wurde die Sklaverei im Norden nicht allein aus humanitären Erwägungen verurteilt, sondern auch weil diese Form der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft den Erfordernissen der wirtschaftlichen Entwicklung des Nordens in vielerlei Hinsicht zuwiderlief. Seltsamerweise wird das m.E. vorbildliche Werk Für die Freiheit sterben des Historikers James M McPherson, in dem sich eine ausgezeichnet erläuterte Vorgeschichte des Bürgerkrieges findet, nur im Zusammenhang mit der Schlacht von Bull Run erwähnt, nicht aber, wenn es darum geht, die Gründe für den verheerenden Waffengang zwischen dem Norden und dem Süden herauszuarbeiten.
Dies finde ich bedauerlich, denn Geschichtsschreibung sollte sich hüten, der Mythenbildung der Sieger Vorschub zu leisten – selbst wenn, wie in diesem Falle, durch den Sieg eine gute Sache befördert wurde.