Monstrare (lat.): zeigen. Nora Gomringer zeigt große und kleine Monster, innere, unsichtbare Bestien und sehr sichtbare Wesen. Sie hat die Filmlegenden der 20er, 50er und 80er zwischen die Zeilen genommen und die Monstrositäten des Alltags vor Augen. In allem und jedem ein Monster? Wenn man es gezeigt bekommt bzw. wenn sie sich zeigen … schon. Der Zyklus "Monster Poems" ist das Ergebnis des Suchens und Findens des Menschlichen, allzu Menschlichen: nie ganz beendet, an keiner Stelle, zu keiner Zeit - also immer - auf Anfang. Zum Schmunzeln sind Gomringers Monster übrigens auch: wenn sie von der Redaktion der GQ befragt werden, Norman Bates und Sylvia Plath zusammenziehen und Freddy Krüger herbeigezählt wird. Auch wie unheimlich es um Richard Gere steht, das de-monst-riert dieser Band.
Reimar Limmer hat sich Nora Gomringer angeschlossen auf der Suche nach dem Ding im Schrank und dem unter dem Bett … und er hat keine Bilder zu Gedichten gestaltet, sondern Bilder aus Gedichten.
Gomringers Eltern sind die Germanistin Nortrud Gomringer und Eugen Gomringer. Sie ist das Jüngste von acht Kindern und die einzige Tochter. Wegen der Heimat ihres Vaters besitzt sie die deutsche und schweizerische Staatsbürgerschaft.
Aufgewachsen ist Gomringer in Wurlitz bei Hof, 1995 zog sie mit ihrer Familie nach Bamberg. Dazwischen verbrachte sie wegen einer Professur ihres Vaters längere Zeit in den USA und machte 1998 in Lititz in Pennsylvania einen Highschool-Abschluss. Die Schulausbildung schloss sie 2000 mit dem Abitur am Franz-Ludwig-Gymnasium in Bamberg ab. Anschließend nahm Gomringer das Studium an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg mit den Fächern Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte auf, das sie 2006 abschloss. Momentan arbeitet sie an einer Dissertation in Amerikanistik, die sich mit Horrorfiktion in Film und Literatur befasst.
Seit April 2010 hat Gomringer die Leitung des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg übernommen, was mit einer Residenzpflicht verbunden ist. Im Juni 2010 war Gomringer für eine Poetik-Dozentur an die Universität Koblenz-Landau eingeladen.
Es kann nie schaden, seiner Gedichtsammlung ein Shakespeare-Zitat voranzustellen. Bei Nora Gomringer ist dies immerhin keine Dekoration, sondern Programm: die Monster sind hier, sie leben versteckt in den hintersten Winkeln unseres Bewusstseins und sie leben öffentlich in allen Formen von (Pop-)Kultur. Wir erschaffen sie, aber dann scheinen sie ein Eigenleben zu entwickeln und uns, wie Freddy Krüger, in unseren Traumlandschaften heimzusuchen. So begegnen uns hier neben erwartungsgemäßen Schauergestalten wie Vampiren und Werwölfen auch unerwartete Zusammenkünfte, beispielsweise in einem Prosagedicht Sylvia Plath und Norman Bates, oder in einem anderen - Josef Mengele und Freddy Krüger, die sich "ein Jahrhundert teilen". Die Welt schreibt in ihrer Review: "Der Horror kommt als leichtfüßiger Spaß, als Rätsel und mörderischer Hauch". Mal werden Täter beleuchtet, mal Opfer, mal Assoziationen aus Werbung, B-Filmen oder den Nachrichten zu sprachlichen Monstercollagen gebastelt. Das wirkt nie erzwungen, und immer interessant. Von "Mädchen" zu "Monster", weil man neu sortiert wurde. Das Wort "sortieren" klingt plötzlich nicht mehr neutral, sondern böswillig. Man bekommt Lust, selbst mit Sprache zu experimentieren, nachdem man gehört hat wie Nora Gomringer diese Gedichte liest. Der Band beinhaltet nämlich noch eine Audio-CD mit Aufnahmen aller Gedichte, sowie begleitenden Illustrationen von Reimer Limmer, der ebenso leichtfüßig und doch eindringlich Ängste weckt oder in Erinnerung ruft - das Verstörende ist auch in den Illustrationen täuschend spielerisch, und hinterlässt vielleicht gerade darum einen so tiefen Eindruck.
*This book fulfills task #17 of the Bookriot Read Harder Challenge 2015: A collection of poetry.
Eine interessante Mischung aus Popkultur, Horror und Trash: Hier sammeln sich altbekannte Monster und Leinwandhelden, Ängste und andere Gruselfaktoren. Gerade die stilistische Verbindung aus Gedicht und Illustration überzeugt, zumal die Bebilderung selbst mit verschiedenen Medien arbeitet.
Collagen, Montagen, Grafikdesign – all das belegt die Verse mit einer (post-)modernen Ästhetik, wobei die Gedichte ohne Illustration eher blass bleiben würden. Umso besser, dass man sich für das Gesamtpaket entschieden hat.