Intensiv romantisch-ironische Verhandlung über die Trauer, einen Menschen zu verlieren.
Inhalt: 5/5 Sterne (Trauer der Endlichkeit)
Form: 5/5 Sterne (einzigartig wortgewandt)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (wild-artistisch, frei)
Komposition: 5/5 Sterne (intensiver Weltausschnitt)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (nachhallend-traurig)
--> 25/5 = 5,0 = Sterne
Siebenkäs stammt aus dem Jahr 1797, neu herausgegeben 1818, und gilt als einer der zugänglichsten Romane des Satiriker-Eudämoniums, Jean Paul, der vor allem durch sein Hesperus Berühmtheit erlangt hat und sogar durch Anraten Georg Wilhelm Friedrich Hegel eine Ehrendoktorwürde verliehen bekam. Er selbst fand wohl, dass Titan sein Hauptwerk sei. Neben Siebenkäs verblassen seine andere Werke jedoch, zumindest ideen- und literaturgeschichtlich gesehen, denn in diesem wird statt das kontrovers Zeitpolitische des ausgehenden 18. Jahrhunderts das Thema Ehe und Beziehung in aller Ausführlichkeit behandelt und zudem der Verlust eines geliebten Menschen und die Trauer darüber:
Auch keine Freunde mehr – nein – wir stehen alle auf ausgehöhlten Gräbern nebeneinander – und wenn wir nun einander so herzlich an den Händen gehalten und so lange miteinander gelitten haben: so bricht der leere Hügel des Freundes ein, und der Erbleichende rollt hinab, und ich stehe mit dem kalten Leben einsam neben der gefüllten Höhle – – Nein, nein; aber dann, wenn das Herz unsterblich ist, wenn einst die Freunde auf der ewigen Welt beisammen stehen, dann schlage wärmer die festere Brust, dann weine froher das unvergängliche Auge, und der Mund, der nicht mehr erblassen kann, stammele: nun komm' zu mir, geliebte Seele, heute wollen wir uns lieben, denn nun werden wir nicht mehr getrennt.
Jean Paul vermag wie kaum ein anderer Alltäglichkeit mit romantischer Sehnsucht, Trivialität mit berauschenden kosmogonischen Allüren zu beschreiben, in denen, nebst Erbsen und Bohnen und Kohl eben die Träume, das Möglichkeitsdenken sich stets wieder aufs neue entfalten. Siebenkäs handelt von zwei Freunden, die nicht gemeinsam durchs Leben gehen können, da beide doch in ihrer Eigenart zu unterschiedlich sind: der eine eher sittsam, der andere eher abenteuerlich, reisefröhlich; der eine eher nachhaltig-verzeihend, der andere eher aufbrausend und rächend. Grundthema des Romans lautet nun, wie der abenteuerliche Freund dem sittsamen hilft, nicht im Leben schon zu sterben, und zwar, indem er aus einer selbsterwählten Ehetristesse einen Ausweg findet. Er ist sich aber nicht sicher:
Aber als die Sonne hinter die Erde sank – – so flog in die leuchtende Welt, die hinter den zwei wasservollen Augen Firmians wie eine ausgedehnte, flackernde, feurige Lufterscheinung zitterte, plötzlich der Engel eines höhern Lichts, und er trat blitzend wie ein Tag mitten in den nächtlichen Fackeltanz der hüpfenden Lebendigen, und sie erblichen und standen alle. – – Als er seine Augen abtrocknete, war die Sonne hinunter und die Erde stiller und bleicher, und die Nacht zog tauend und winterlich aus den Wäldern. Aber das zerflossene Menschenherz schmachtete nun nach seinen Verwandten und nach allen Menschen, die es liebte und kannte, und es schlug unersättlich in diesem einsamen Kerker des Lebens und wollte alle Menschen lieben. O an einem solchen Abend ist die Seele zu unglücklich, die viel entbehret oder viel verloren hat! –
Siebenkäs lässt sich mit kaum einem Buch vergleichen, vielleicht noch mit Friedrich Hölderlins Hyperion, vielleicht auch ein wenig, nicht sprachlich, aber inhaltlich mit Hermann Hesses Narziss und Goldmund, nur eben doch völlig anders, denn Jean Paul vermag es mit seiner eigentümlich wirren, ausufernden Sprache den tristen Alltag literarisch produktiv zu gestalten. Siebenkäs lässt seine Figuren äußerst lebendig werden, sodass alles, was ihnen zustößt, intensiv erfahren wird. Insgesamt erscheint Jean Pauls Roman als großes Bekenntnis zum Hier und Jetzt, zu dem Getümmel, Rummel, zum Chaos des Menschlich-Allzumenschlichen, eine Fabulation ins Unendliche, um gegen das Endliche zu protestieren.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: es liest sich schwer, anstrengende Metaphern verbauen zuerst den Leseeindrücke, nach und nach wird klar, dass diese Art zu schreiben, den Schreibenden vom Realismus befreit, alles wirkt artistisch, verfremdet, erfunden, die Fiktionalität wird unterstrichen, und hierdurch verschafft er sich eine große lebendige Meinungs- und Kommentarfreiheit, die er wild ausspielt. Mich hat das Buch sehr mitgenommen, mitgerissen, mit Traurigkeit und Humor erfüllt, mich in das Leben von Firmian und Lenette hineingezogen, und auch in die Trauer dieser Menschen, nicht das Leben führen zu können, das ihnen vorschwebt, ohne zu wissen, worin denn ein solches Leben bestehen könnte.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja
●ein zweites Mal lesen? Auf jeden Fall.
--> 5 Sterne
Inhalt:
●Hauptfigur(en): Firmian Stanislaus Siebenkäs; Ehefrau Lenette Egelkraut; Schulrat Stiefel; Heinrich Leibgeber; Heimlicher von Blaise; Venner Everard Rosa von Meyern; Natalia Aquiliana. 1784 in Kuhschnappel.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: [ausführlich auf meiner Webseite - zu lang für Goodreads]
●Kurzfassung: Zwei beste Kumpels, Firmian und Heinrich, sehen sich sehr ähnlich und tauschen aus Jux die Namen. Der eine, nun Firmian, beschließt ein bürgerliches Leben als Advokat zu führen und eine Frau zu heiraten (Lenette); der andere bleibt ein Springinsfeld und Lebenskünstler. Der Namenstausch führt dazu, dass Firmian das Erbe mütterlicherseits nicht antreten kann. Der zuständige Vormund weigert sich und Heinrich beleidigt ihn so sehr, dass er für ein Jahr das Weite suchen muss. Firmian vermisst ihn sehr und gerät in arge Geldnöte. Auch die Ehe mit Lenette kriselt, da sie, sehr hausbacken, ihn eher bei seiner kreativen Arbeit stört als unterstützt. Als Schützenkönig bringt er sie noch über den Winter und bekommt ein wenig Geld von Heinrich, der ihn fast ein Jahr später nach Bayreuth beordert, wo er die gleichgesinnte, intellektuelle Natalie kennenlernt. Dort beschließen Heinrich und Firmian, dass Firmian stirbt, um Lenette von ihrem Ehegelöbnis freizusprechen. Sie inszenieren seinen Tod. Heinrich hat Firmian zudem eine Stelle bei Grafen in Vaduz verschafft. Da sie nun, nachdem Firmian gestorben ist, nicht mehr zusammen gesehen werden dürfen, müssen sich ihre Wege trennen. Wieder ein Jahr später erfährt Firmian, dass Lenette wieder geheiratet hat, aber im Kindsbett gestorben ist. Er besucht ihr Grab und trifft dort Natalie wieder.
●Charaktere: (rund/flach) sehr ausgestattet, mit vielen Facetten, sehr detailliert, widersprüchlich und ambivalent dynamisch.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: schwierig, viele seltsame Vorreden, Zwischenreden, Dornen- und Blumenstücke, die den Text aufsprengen. Der Fall der Kindsmörderin wird nicht wirklich aufgelöst. Die Rahmenhandlung mit Pauline, Teil der Vorreden, erscheint auch etwas müßig, da diese Vorreden eher Werbetrommeln für Jean Pauls andere Werke (Titan, Hesperus) schlägt.
●Besondere Ereignisse/Szenen: „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei“ – berühmter Abschnitt über die leere, triste Welt des Atheisten. Etwa gleichzusetzen mit dem Großinquisitor von Dostojewski.
●Diskurs: Armut, vor allem alltägliches Eheleben, Zusammenleben von Adel und Bürgern, der wirre menschliche Kosmos.
… „Siebenkäs“ verhandelt die Problematik, wie der einzelne im dichten Lebensgewirr, im sozialen System, noch lebendig, spontan, glücklich, gleitend bleiben kann. Es geht um Person vs. Selbst, also Authentizität und Form, Förmlichkeit, um die Problematik Sicherheit und Glück, Opferbereitschaft für ein gesichertes Auskommen. Die Welt erscheint in Jean Pauls Roman weit und groß – nur die der Menschen nicht, die sich aber abschotten gegen die Riesigkeit des Kosmos.
… „Siebenkäs“ ist auch einer der Eheromane, in denen sehr früh bereits das Zusammenleben von verschiedenen Charakteren beobachtet, beschrieben, reflektiert worden ist, auch die Vorstellung von Mann und Frau.
… es ist aber auch ein Roman über den Tod, die Problematik des Endlichen, des Sterben-Müssens, die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen, Partner, Freund. Die Endlichkeit selbst gegen die Unendlichkeit der Welt, des Alls, des Gottes- und Seelenglaubens, und die Ethik, die sich daraus entspinnt, gnädiger mit den Mitmenschen zu sein.
… sehr einmaliges Werk, das sich sehr heraushebt, unheimlich intensiv das Nicht-Zusammenpassen zweier Menschen erörtert, zweier Menschen, die sich aber mögen, sich nichts Böses wollen, nur ein anderes Leben führen möchten.
--> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: verrückt, verschwurbelt, aber doch konsistent im roten Faden, klarer Rahmen, klarer Fokus auf die Freundschaft, auf die Sehnsucht, lebendig zu bleiben, spontan, frei und offen. Dies inmitten eher versteinerter Verhältnisse.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nicht wirklich klar, der Erzähler erweist sich als ein Reisender, der Paulines tristes Leben aufheitern möchte, und zwar mit Siebenkäs‘ Lebensgeschichte.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: ironisch, kauzig, driftend, abschweifend, überdreht, verschwurbelt, allegorisiert.
●Einschätzung: Jean Paul besitzt große Leichtigkeit durch seinen sprachlichen Frei- und Unsinn. Hierdurch kann er über alles und nichts erzählen, abdriften, ohne dass es stört. Seine Texte gleichen riesigen monumentalen Wandgemälden, die so detailliert geschaffen wurden, dass einem stets etwas zum Entdecken bleibt, so überladen erzählt er.
--> 5 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) durch die Sprache enorm artistisch, absolut fiktional, Schriftdeutsch, kein bisschen alltäglich, funktional.
●Wortschatz: überbordend, mittelalterlich, gehäuft, gewandt, der Romanschriftsteller mit dem breitesten Wortverwendungsfeld
●Type-Token-Ratio: 0,15 bei sehr langen Texten außergewöhnlich – vgl. klassische Erzähprosa 0,06-0,09 und realistische Romantradition 0,08-0,11 bei einem Textumfang von 180 000 Wörtern.
●Satzlängen-Verteilung-Median: 28,6 Wörter – Median 23 Wörter – STAB 24,5.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: knapp unter 70% (Musil/Mann <70% - Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: unglaubliche 2790 Wörter (assoziative Expansion).
●Auffälligkeiten: die Metaphern, die Verfremdung, die Verballhornungen von Sinnornamenten.
●Innovation: an seiner Sprache und seinem Schreiben fast alles innovativ
--> 5 Sterne
Komposition:
●Signal/Noise-Ratio: wohlaustariert, Jean Paul kommt immer schnell zum Punkt zurück. Er hat eine wirkliche Problematik vor Augen.
●Operative Geschlossenheit: Rahmen, Kuhnschnappel, das alltägliche Leben und darin, der Code, die Dynamisierung, die beiden Freunde, die nicht aufhören wollen, spontan und frei zu bleiben.
●Rahmenstabilisierende Details: Kuhnschnappel wirkt sehr lebendig, die Bewohner, die Nachbarn interagieren, großes Geflecht.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): eher gleichlaufend, ironisch-fröhlich beruhigend.
●Extradiegetische Abschnitte: Die Rede des toten Christus, der Traum Marias, viele kleine Abschnitte, bspw. wenn Heinrich sich vorstellt, Adam zu sein.
●Lose Versatzstücke: der Kindsmörderin-Fall
●Reliefbildung: starkes Relief, Szenen mit großer Intensität und Leidenschaft, und dann auch solche des Rummels, des Gewusels.
●Einschätzung: der Text erschafft sich selbst eine Welt, in der er lebt, auf die er Bezug nimmt, die er kommentiert und erschafft zugleich
--> 5 Sterne
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