Livealbum ist das erste Buch von v. Stuckrad-Barre, das ich gelesen habe und ich bin sehr froh, nun auch mal einen Text zu dem Autor zu kennen, von dem mir bisher nur sein Gesicht und seine Medianauftritte bekannt waren. Der Plot der Geschichte ist schnell erklärt: Ein Autor (der von "Soloalbum" nämlich) begibt sich auf Lesereise, um sein neues Buch vorzustellen. Wie ein Rockstar liest er sich von Show zu Show und lernt dabei etwaige Prominente und Vertreter:innen der Medienbranche kennen.
"In Buchhandlungen zu lesen würde nicht mein größtes Hobby werden. Das Ladenneonlicht blieb an. Und als sie es auf meine Anregung hin ausknipsten, sah es sogleich nach Weihnachtsfeier im Gemeindehaus aus. Las Vegas war weit weg - es gab nicht mal einen separaten Bühnenaufgang, der Künstler, der Autor, der Star, der vom Plakat, ich nämlich, mußte kurz vor Lesungsbeginn durchs Publikum hin zum Lesetisch gehen, und das ist dann recht unpop."
Die Erzählung hat mich - ganz getreu des Mottos - wahnsinnig gut unterhalten. Nicht selten haben mich die humorvollen Wortneufindungen und verschachtelten Satzkonstruktionen zum Schmunzeln gebracht. So richtig ernst nehmen konnte ich die Erzählung aber nicht - auch aufgrund der Kontroverse um den Autor als möglichen autofiktionalen Erzähler. Obwohl Themen wie Kritik am Literatur- und Medienbetrieb, Drogenkonsum und Esstörung eine zentrale Rolle spielen, kommt die Erzählung meiner Meinung nach nicht über eine oberflächliche Darstellung des Ich-Erzählers hinaus. Trotz oder gerade deswegen werde ich sicher noch weitere Romane von v. Stuckrad-Barre lesen und kann Livealbum als beispielhafte popliterarische Erzählung sehr empfehlen.
Zum Abschluss hier noch eine meiner Lieblingsstellen:
"Ich hatte gelesen, daß man abschweifende Gedanken, die einen am Einschlafen hindern, beenden kann, indem man sich ein Stop-Schild vorstellt. Aber in mir raste es so, das Stopschild wurde glatt überfahren. Fenster auf, Fenster zu, lesen, Licht aus, Licht wieder an, ohne Decke, mit Decke, nur halb zugedeckt - auf der Digitaluhr am Fernseher sah ich es 02:00 werden, ich sah es 03:00 werden, und um 04:00 hängte ich dann eine Wolldecke drüber, um später die 5 nicht sehen zu müssen. - Guten Morgen, Sie wollten geweckt werden. Ja. Nein. Ich hätte ganz gerne geschlafen."