Marie Antoinette war nicht nur die letzte Königin Frankreichs, sondern auch die einzige, die in Versailles wirklich regiert hat. Früher als viele ihrer Untertanen begriff sie die Chancen der Aufklärung.
Was junge, royale Frauen heute mit großem Erfolg vormachen, war für sie bereits Tagesgeschä schöne Kleider tragen, winken, lächeln. Sie strahlte inmitten einer jugendlichen, privaten – und nahm sich ungeniert einen Geliebten.
Eine wahre Flut an Fake News schlug über dem Kopf der »Ausländerin« zusammen. Die Habsburgerin wollte Herrin ihres eigenen Lebens sein. Dies vor allem wurde ihr zum Verhängnis. Und kostete sie den Kopf.
Eigentlich wollte ich etwas Andereres aus der Bibliothek ausleihen. Warum mich ausgerechnet dieses rosafarbene Buch mit dem reißerischen Titel ansprach, ist mir nicht ganz klar. Stefan Zweigs Biografie wollte ich irgendwann mal lesen, aber nun ist es erstmal eine 2023 erschienene Biografie geworden, die viel besser war, als Aussehen und Titel vermuten ließen.
Lindinger, die allerdings keine Historikerin ist, versucht sich Marie Antoinette aus einer feministischen Sicht zu nähern und das Mädchen, später die Frau hinter den Gerüchten und Beschuldigungen zu entdecken. Sie macht das mit einer Sprache, mit der ich an einigen wenigen Stellen etwas gehadert habe, weil sie zu zeitgemäße Ausdrücke und Vergleiche verwendet, aber entweder wurde es mit der Zeit besser oder ich hatte mich an den Stil gewöhnt, jedenfalls ist das Buch gut lesbar, ohne platt oder banal zu sein und ist vor allem nicht reißerisch, wie es der Titel zunächst nahelegte.
Gezeigt wird ein wenig begabtes Mädchen, das von seiner „Über“mutter Maria Theresia aus politischen Erwägungen viel zu jung mit dem französischen Kronprinzen verheiratet wird, der sich für Schlosserei und Jagd interessiert, aber nicht für seine sehr junge Frau und auch nicht für die Politik. Marie Antoinette hat eigentlich als Frau am Königshof nichts zu melden und sich ihrem Mann in jeder Hinsicht unterzuordnen. Sie durchschaut zwar nicht die Intrigen, aber sie bemerkt instinktiv, dass sich das noch geltende starre System Ludwig des XIV., das ins Detail geregelte, sehr unpersönliche Leben am Hof, hoffnungslos überlebt hat und sucht sich persönliche Nischen. Als Königin ein Privatleben zu haben, ist bereits ein Affront gegen den Adel am Hof. Neid, der Hass auf Frauen, der Hass auf Österreich und viele Vorurteile bilden die Grundlagen für eine großangelegte Hetzkampagne gegen Marie Antoinette. Geschickt setzen die konkurrierenden Adligen die Medien ein, um Verschwörungstheorien und Falschbehauptungen massenhaft zu verbreiten. Damit lassen sich Bevölkerungsgruppen lenken und für eigene Ziele einsetzen. So kam es, dass sich auch an der Königin die Französische Revolution entzündete, der viele der Intriganten und Gegner Marie Antoinettes später ebenfalls zum Opfer fielen.
Sehr gut wurde gezeigt, dass die Revolution gerade in Frankreich „in der Luft lag“. Die Monarchie war unter Ludwig dem XIV. zu einem so starren System geworden, das sich überlebt hatte, aber sich nicht von innen heraus verändern konnte. Marie Antoinette hatte mit Änderungen in der Frisuren- und Kleiderordnung, mit dem Anlegen von Gärten im englischen Stil usw. zwar durchaus die Zeichen der Zeit erkannt, aber gerade das wurde ihr von ihren Feinden vorgeworfen. Zumal diese Dinge Unsummen verschlangen und der König sich um die Führung des Landes und die Staatskasse überhaupt nicht kümmerte. Der Bruder der Königin in Österreich ging geschickter ans Werk und konnte die Monarchie durch kluge Politik erhalten. Seine Schwester in Frankreich wurde zum Sündenbock. Unzufriedenheit und Hass großer Bevölkerungsschichten konzentrierten sich auf diese Frau, die nicht nur als „Madame Defizit“ für die leere Staatskasse verantwortlich gemacht wurde, sondern der zahllose Affären mit nahezu allen Männern und Frauen am Hof nachgesagt wurden, von denen evtl. keine einzige der Wahrheit entsprach.
Marie Antoinettes Leben, so wie es hier erzählt wird, ist ein Lehrstück über die Macht der öffentlichen Meinung und die Möglichkeiten, diese zu lenken. Aber auch ein Beweis für die Unzulänglichkeiten der Monarchie bzw. jeder Herrschaftsform, bei der eine Person die Geschicke des Landes lenkt (was vermutlich jedem klar ist, aber die Notwendigkeit und Möglichkeit der Veränderung werden hier gut herausgearbeitet.)
Bereits auf den ersten Seiten wird ein Thema erwähnt, das sich durch die gesamte Biografie zieht: Sex, Mätressen und Sexarbeit am Hof. Im Verlauf der 294 Seiten wirkt es teilweise so, als müsste dieses Thema immer wieder aufgegriffen werden, um interessant zu bleiben. Meiner Meinung nach wirkt die Biografie dadurch nicht wissenschaftlich, sondern so, als sollte ein möglichst weites Publikum unterhalten aber nicht wissenschaftlich informiert werden. Die Biografie beginnt bereits mit einem unnützen Zitat eines Liedes der Band Rammstein. Wahrscheinlich wurde die Ausgabe gedruckt, bevor der Skandal öffentlich wurde und trotzdem stellt sich mir die Frage: Was macht dieses Zitat hier? In der Biografie finden sich viele Zitate, Aussagen von historischen Personen und wichtige Informationen, die anscheinend in Briefen etc. zu finden sind, es wurde jedoch nie etwas belegt. Am Ende findet sich ein Literaturverzeichnis, es wird jedoch niemals vermerkt, welche Literatur sich auf welchen Eintrag bezieht. Manche Passagen sind wertend geschrieben, es werden Ausdrücke verwendet, die in wissenschaftlichen Ausarbeitungen nicht vorkommen sollten und teilweise werden "Fakten" eingeworfen (natürlich ohne Belege), die sehr weit hergeholt wirken. Das Lesen war jedoch auch an einigen Stellen sehr interessant, obwohl gewisse historische Ereignisse nur sehr kurz abgehandelt wurden. Die politische Situation wird nur wenig behandelt, da das Augenmerk dann doch auf persönlicher Ebene lag.
Fast auf den Tag genau 230 Jahre ist es jetzt her, dass Königin Marie Antoinette von Frankreich (oder die "Witwe Capet", wie sie damals offiziell hieß) in Paris die Guillotine besteigen musste. 91 Jahre ist es wiederum her, dass die bekannteste und derzeit einzige deutschsprachige Monographie über die Königin auf Deutsch erschienen ist: Stefan Zweigs "Marie Antoinette: Bildnis eines mittleren Charakters". (Was die ganze Sache in vier Worten zusammenfasst ...) Höchste Zeit also, eine neue Biografie der Königin vorzulegen. Michaela Lindinger und dem Molden Verlag ist es zu verdanken, dass man sich heute ebenso frisch wie fundiert mit dem Leben der Tochter Kaiserin Maria Theresias befassen kann. Es war höchste Zeit, denn inzwischen haben mehrere Filmemacher Werke über die Königin vorgelegt, die dringend einer sachlichen Darstellung des Themas bedürfen. Nun ist es in der Geschichtsschreibung so, dass immer neue Quellen auftauchen, die bewertet werden müssen. Briefe, Akten, Memoiren etc. Wenn nun nahezu hundert Jahre vergehen, bevor sich jemand wieder mit dem Leben einer historischen Persönlichkeit befasst, bedeutet dies, dass falsche Behauptungen stehen bleiben. Dass Fabeln weitergetragen, sprich: abgeschrieben werden. Wenn dann solch alten Zöpfe abgeschnitten werden und das Bettzeug ausgeschüttelt wird, freue ich mich ganz ungemein. Ein Beispiel: Bei Zweig wird noch jene Geschichte kolportiert, dass Marie Antoinette, als sie an den französischen Hof übergeben wurde (das geschah auf einer Insel vor Straßburg, im Niemandsland sozusagen), nackt ausgezogen worden sei (vor den versammelten Höflingen), eine Linie habe überschreiten müssen, um dann französische Kleidung angelegt zu bekommen. Eine ebenso rührende wie falsche Geschichte, die Generationen von LeserInnen mit Mitleid für das gedemütigte junge Mädchen erfüllt hat. Es gab nichts dergleichen. Nicht eine zeitgenössische Quelle berichtet von dieser Entkleidung. Tatsächlich bekam sie zwar französische Kleider, aber so wie man das normalerweise tut: hinter verschlossenen Türen. Es ist Michaela Lindinger vorbehalten gewesen, mit dieser Mär aufzuräumen. Lindinger gebührt ebenfalls ein großes Lob dafür, dass sie das Thema an sich in die Gegenwart transportiert hat. Was früher Lügen und Propaganda hieß, sind heute Fake News. So befasst die Autorin sich nicht nur mit dem Schicksal Marie Antoinettes in dieser Zeit, sondern mit dem Schicksal der Frauen im revolutionären Frankreich insgesamt. Eindrucksvoll schildert sie das Schicksal der wenigen in der Revolution an der Spitze mitkämpfender Frauen. Überraschung! Sie wurden sehr schnell von den Männern vertrieben. Und zwar entweder auf die Guillotine, oder an den Herd, denn dort war - aus der Sicht des Revolutionärs - der einzig richtige Platz für eine Frau. Dort sollte sie viele, viele kleine Revolutionäre gebären und großziehen. FAZIT: Michaela Lindinger gelingt es mit ihrer Biografie, die Schwierigkeiten, in denen sich Marie Antoinette befand, in die Gegenwart zu übertragen. Man begreift sehr schnell, dass die politische Situation des Ancien Régime und der Revolution auch noch heute nachvollziehbare Ursachen hatten. Ja, Marie Antoinettes Schicksal wird zum beinahe exemplarischen Frauenschicksal in Zeiten massiver Veränderungen. Es ist eine eigentlich zeitlose Geschichte, die hier vorgestellt wird. Unterhaltsam und spannend geschrieben, kann sie sicherlich auch jüngere Leser für das Thema interessieren. Wobei es - wohlgemerkt - natürlich kein Jugendbuch ist. Das verwendete Bildmaterial wurde nicht in einem Mittelblock zusammengefasst, sondern an der jeweils passenden Stelle eingefügt, wo es das zuvor Gelesene illustriert und auf den Punkt bringt. Das gefällt mir sehr gut, denn so wird vermieden, einfach ein Sammelsurium an netten Fotos zu präsentieren. Wem würde ich das Buch empfehlen? Im Prinzip jedem, der sich zum einen für das französische Königtum interessiert und zum anderen für die individuellen Lebensgeschichte(n). Außerdem ist es ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Frauen.