Achtung! Streckenweise ziemlich toxische Lektüre
Opus zwei von Jonathan Franzen und in mancherlei Hinsicht Vorstufe zu den Korrekturen, aber auch zu Freiheit, denn die kaputte Umwelt ist mit JFs Generalthema kaputte Familie ganz eng verwoben. Denn der Holland-Clan macht sich nicht nur gegenseitig fertig, sondern ruiniert mit der Verklappung von Giftmüll in tieferen Erdschichten auch die Umwelt und provoziert damit ein Erdbeben, das am Ende etliche Teile von Boston dem Erdboden gleich macht; auch den Familiensitz. Die Geologin Renée Seitchek ist dem Skandal auf der Spur und gewinnt den Familienrebellen Louis, der lieber für einen unterfinanzierten Lokalsender arbeitet als von schmutzigem Geld zu leben, als zeitweiligen Liebhaber. Louis, dessen akademische Karriere durch unbegründete Vergewaltigungsvorwürfe an seinem Studienort in Houston zu Ende ging, arbeitet lieber als unterbezahlter Techniker als sich im Familienimperium zu engagieren. Das Interesse des verlorenen Sohnes an der Aufkärung des Umweltskandals ist allerdings noch mehr dem Rachegefühl gegenüber seiner Mutter/Schwester verpflichtet als der Liebe zu Renée oder gar einen journalistischen Ethos. JF verweigert seinem angeschlagenen Helden die blütenweise Idealistenweste und der Mehrzahl der Leser die Identifikation, erst recht als die Liebe mit Renée ihren ziemlich gewalttätigen Lauf nimmt.
Sonderpreis für schlechten Sex
Aha, ein Vorläufer von Chip, werden sich die Korrekturenleser angesichts gewisser Parallelen sagen, aber der arme Louis hat in Sachen Beziehung auch seinen Teil Gary abbekommen. Renée lässt zwar sein Kind abtreiben und gerät deshalb ins Visier von militanten Abtreibungsgegnern, die auch vor Schusswaffengebrauch nicht zurück schrecken, aber in Sachen Liebe muss alles genau nach ihrem Kopf gehen. Und von Zärtlichkeit hält die streithafte Geologin und leidenschaftliche Punkerin schon mal gar nichts: Renee nahm die Brille ab, legte sich neben ihn auf den Wirtschaftsteil. Als sie sich küssten, rieb er die wulstige Jeansnaht zwischen ihren Beinen, unterhalb vom Reißverschluss. Diese Einforderung von unbedingter Aufmerksamkeit auf Frühstückstisch ist der einzige sublime Moment in dieser Beziehung. Doch als sich Louis weigert, sie ein bisschen zu schlagen oder wenigstens zu Beißen, folgt prompt der Liebesentzug. Vermutlich war diese Art der Erotik nicht nach jederfrau, jedermanns Geschmack. Nach meinem auch nicht. Ich bin sonst alles andere als ein Verfechter von clean Romance, aber bei dem, was zwischen den beiden so an gegenseitiger Gewalt abläuft, damit Madame auf Touren kommt, wundert es mich schwer, dass beide nicht bei jeder Nummer schwere Schädel-Hirn-Traumata davon getragen haben. Die Szenen zwischen Louis und Renée gewinnen bei mir, trotz Peter Nadas mehrere hundert Seiten andauerndem langem Fick den Sonderpreis für besonders schlechten Sex.
Narzistische Verletzungen und Balsam fürs Ego
Zumal gewisse Motivationsprobleme dazu kommen. Denn statt sich für oder mit ihrem Kerl zu prügeln, streckt die sonst so streitbare Feministin Renée, die Waffen, sobald eine Jüngere auch nur auftaucht und die Augen des Männchens zum Leuchten bringt. Louis ist mitten im Umzug zu Renee, da steht auf einmal die alte, uneinholbare und acht Jahre jüngere Liebe Lauren in der Tür und will ihren Fehler wieder gutmachen. Sprich sich in therapeutischem Auftrag mit Liebe für die Vorwürfe revanchieren, die Louis Karriere sabotiert haben. Ein Missverständnis mit absehbaren Folgen, denn die Wiedergutmachungszone endet strikt oberhalb der Gürtellinie. Doch als Louis zu seiner neuen Adresse zurück kommt, steht sein Krempel samt der Schmutzwäsche vor Renées Haustür. Anscheinend war die narzistische Verletzung zu groß für die auf volle Aufmerksamkeit programmierte Renée, die im zweiten Teil gleichermaßen von Louis Mutter Melanie wie vom geistlichen Oberhaupt einer frommen Truppe umschwärmt wird, deren Gottvertrauen die Grenze zur Idiotie massiv überschreitet. Denn die frommen Frauen und militanten Abtreibungsgegner haben sich in baufälligen Häusern in der übelsten Bebenregion niedergelassen. Da sich Pfarrer Philip Stites zu viel mit der Abtreibungswilligen abgibt, läuft seine Gefolgschaft Amok. Renée, die sich zudem beim Chemieriesen unbeliebt gemacht hat, bekommt zum Ende des zweiten Teils vier Kugeln ab.
Der dritte Teil schildert die Vorgeschichte von den Zeiten der Indianer an. Franzen versucht die Geschichte der Besiedelung und Ausbeutung Neuenglands durch die Weißen mit dem Umweltskandal von Sweeting-Algren in Verbindung zu bringen. Die ineinander verwobenen Öko- und Familienkatastrophe ist der Gipfel von schweres Beben. In diesem Verlauf liefert JF auch eine herrliche Hommage an die amerikanischen Gesellschaftsromane der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Besonders gelungen ist das Segment mit der Geschichte vom erfolgreichen Anwalt, der in eine ruinierte Patrizierfamilie einheiratet, aber von den Frauen nie für voll genommen wird, obwohl er der einzige Verdiener ist. Er nimmt eine ziemlich perfide Rache an den hochnäsigen und absolut lebensuntüchtigen Damen. Die Rachegeschichte im Stil der Epoche ist brillant, in alten Zeiten gönnt JF dem ausgenutzten Mann sogar eine gelungene Rache. Allerdings hat der Anwalt auch den fiesen Chemiekonzern geschmiedet, der u.a. die berüchtigten Entlaubungsmittel des Vietnamkriegs zusammenbrauen sollte. Das Finale ist dagegen ein ganz übles Knall-Bumm-Peng und natürlich finden die Liebenden wieder zueinander, die Schussnarben fungieren in der zärtlichsten Szene als besonderes Aphrosidiakum:
Ihre Möse erschien ihm als ein Ding unglaublicher Schönheit. (…) Von allem Fettgewebe entblößt, zeigten sich die einzelnen Muskeln an Armen und Beinen in ihrer schlanken, filetgleichen Pracht. Ihre Bauchhölennarbe beschrieb einen großen Kreis geheilter Verwundung, der von einem Punkt unterhalb des Brustbeins ausging und unter den Rippen bis zum Rückgrat umlief. Passend oder nicht wurde sein wippender Schwanz ganz hart, als er ihren Körper umdrehte und den schlingernden Pfad der Narbe, ihre purpurnen und roten Runen, durch ihre verschiedenen Zonen verfolgte. (…) Er leckte über die kühle Narbe des Brustwandschnitts. Er küsste den wild gezackten Stern der Austrittswunde unter ihrer rechten Brust. Eine Kugel war hier ausgetreten und hatte Knochensplitter und Teile des Lungengewebes mitgerissen (…) Sie spielte mit seinem Schwanz, öffnete den Ring aus Daumen und Zeigefinger, zog das zähe, klare Sekret zu Fäden...
Die ganze Szene zieht sich über gut zwei Seiten hin und bleibt als finaler Eindruck und Warnung vor einer streckenweise ziemlich toxischen Lektüre stehen. Wenn jemand unbedingt eine vergleichende Bewertung zum Bestseller braucht, dann würde ich sogar die Korrekturen als Fortschritt bezeichnen.