Ein Sachbuch, das mich um so mehr interessierte, weil in dem Gebäudekomplex, indem sich das beschriebene Kinderheim/Krankenhaus befand, auch eine Jüdische Mädchenschule befand, in der man heute koscher essen kann. Ich habe dort vor einigen Jahren zum ersten Mal ein Pastrami-Sandwich gegessen.
Das Geländeauf dem sich AHAWAH befand, grenzte früher direkt an das der Synagoge (heute Neue Synagoge) in der Oranienburger Straße und war mit diesem wohl auch verbunden.
Ein bisschen mühsam zu lesen ist das hin und wieder, denn Scheer, die sonst oft Romane schreibt, hat sich hier für einen nicht-fiktionalen Text entschieden und ich bin nun einmal in erster Linie Romanleserin. So sind Beschreibungen manchmal etwas langatmig. Das absolut wichtige zweite Kapitel über die Geschichte von jüdischen Krankenhäuser und die Situation der Juden in Berlin hat mich so hin und wieder zum Überfliegen der Zeile motiviert, weil doch einiges bekannt ist bzw. vom eigentlichen Gegenstand erst einmal wegführte.
Dann gibt es aber doch immer wieder sehr interessante Passagen, z.B. über den Kunstmäzen und Förderer sozialer Zwecke James Simon. Man darf nicht vergessen, dass Scheer dieses Buch 1992 schrieb, also kurz nach der Wende. Im Buch bedauert sie noch, dass der Name Simons durch die Nazis verschwand. Da kann ich mit dem Blick von heute erleichtert sagen, er ist zum Glück wieder sichtbar in Berlin, beispielsweise in der neuen James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel.
Überhaupt gefällt mir der ganz persönliche Blick der Erzählerin auf ihren Gegenstand. Sie lebte in Ost-Berlin, ging dort in den 1960er zur Schule und studierte an der Humboldt-Universität. Ihre Erlebnisse sind daher oft besonders von diesen ostdeutschen Verhältnissen geprägt. Zum Beispiel, dass man als Antifaschisten natürlich Kränze für die verfolgten Juden niederlegte, aber im Einzelfall sich mit jüdische Kultur wenig auseinandersetzte, gelegentlich sogar feindlich reagierte, weil das Verhältnis zu Israel ja auch nicht gerade das Beste war.
Unterm Strich muss ich aber sagen, dass die sehr interessanten und detailliert recherchierten Informationen alle wichtig und richtig sind, sich das Buch für mich aber hin und wieder etwas zäh las. Das wird mich aber nicht davon abbringen, noch einen Roman von Scheer zu versuchen, denn interessante Themen macht sie durchaus auf.
Berliner Geschichte ist ein wahres Faszinosum für mich, da war es gar nicht verwunderlich, dass mir nach den beiden Romanen Reginas Scheers auch ihr 1992 erschienenes Sachbuch "AHAWAH" in die Hände fiel. Die "Auguststraße" in Berlin ist für mich keine unbekannte Ecke und trotz allem war dieses Sachbuch sehr erhellend. Wohne aktuell selber in einem Viertel, das einst zu großen Teilen jüdisch bewohnt und geprägt war und das durch diverse Tafeln/Stolpersteine, etc. daran erinnert. Die komprimierte Geschichte, die sich aus der Spurensuche der Autorin ergibt, war für mich äußerst spannend. Die Entwicklung der jüdischen Gemeinde ab 1700 in Berlin folgen wir bis in die Gegenwart (70er/80er Jahre), in denen die Autorin unzählige Menschen befragt, teils ehemalige Bewohner:innen, Arbeiter:innen, Krankenpfleger:innen und Nachbar:innen. Der Beginn des Buches ist etwas - nun ja - zäh?! Erstmal bekommt man etwas mehr Lebensgeschichte der Autorin und sieht ihr eher beim Scheitern ihres Vorhabens zu. Aber nach und nach findet sie die richtigen Gesprächspartner:innen, kann in Archive gehen und hat vor allem die Zeit (nach 1. Kind & Scheidung), um sich dem Thema ausführlicher zu widmen. Ab Seite 125 geht es dann konzentrierter um die AHAWAH und ab da begann ich viel intensiver und begeisterter zu lesen als zuvor. Da wurden immer mehr Geschichten offenbar, es gab chronologisch viele Ereignisse aufgearbeitet und das persönliche Befinden der Autorin trat mehr in den Hintergrund. Das letzte Drittel des Buches widmet sich dann Einzelschicksalen, da gibt sie entweder längere Interviews wieder oder erzählt selbst Geschichten, die sie aus verschiedenen Akten/Quellen zusammengesammelt hat. Nicht unspannend jedenfalls! Für mich definitiv der Anreiz, einmal wieder in der Auguststraße vorbeizugehen und Ausschau zu halten. :) Das Buch geht jetzt in sein 30. Jahr. Seitdem hat sich doch einiges getan in Berlin, in der Auguststraße im besonderen. Und auch die Erinnerungskultur Berlins/Deutschlands schläft ja nicht ein. Wenn man die Themen ihrer Romane mochte, wird man, denke ich, auch mit "AHAWAH" nicht unglücklich werden. ;) (3.5-4.0 / 5.0)
Das Buch wurde mir gratis über Netgalley zur Verfügung gestellt.
Regina Scheer erzählt in diesem lesenswerten Buch von ihrer Suche nach Geschichte und Geschichten, die mit einem Haus in der Auguststraße in Berlin zu tun haben, in dem sie eine Zeit lang zur Schule gegangen ist. Dabei lässt sie uns teilhaben an ihrer Suche, erzählt uns von Begegnungen mit Menschen, mit Archiven, von ihren Reisen innerhalb Deutschlands und nach Israel. Denn das Haus, dessen Geschichte und Geschichten sie so interessieren, war einmal ein jüdisches Kinderheim. Und wie so viele Häuser und ihre Geschichte und die Geschichte ihrer ehemaligen jüdischen Bewohner*innen, war dies in Vergessenheit geraten. Regina Scheer findet viele Geschichten, entdeckt Held*innen, findet Überlebende, gewinnt Erkenntnisse über von den Nationalsozialist*innen Ermordete, und schafft es dabei, sehr lesenswert, persönlich, wertschätzend und aufschlussreich zu schreiben. Auch wenn oder gerade weil in weiten Teilen des Buches eher die Menschen im Vordergrund stehen als das Haus, ist dieses Buch eine so lesenswerte Lektüre. Dazu kommt. dass sie bereits zu DDR-Zeiten diese Suche begann, als die jüdische Geschichte dieses Hauses komplett in Vergessenheit geraten war (oder geraten 'wurde'), sodass Teile des Buches auch sehr interessant sind im Hinblick auf den Umgang des ostdeutschen Staates mit der unliebsamen Vergangenheit. Wobei sie auch dabei sorgfältig bleibt, nicht verallgemeinert oder simplifiziert. Zusätzlich ist das Buch alleine schon deshalb so wichtig, weil Scheer es schafft, an viele Menschen zu erinnern, deren Namen und Lebensgeschichten uns sonst für immer verloren geblieben wären.
AHAWAH: Das vergessene Haus - Spurensuche im jüdischen Berlin von Regina Scheer
Neuauflage
gelesen dank Netgalley als EBook
Der Untertitel ist Programm, denn dieses Buch schreibt noch mehr von der Recherche, als dass es Geschichte und Geschichten vermittelt.
Regina Scheer geht in der DDR in Berlin zur Schule und ihre Schulgebäude wirkt nicht wie eine Schule. Auf Rückfragen erfährt sie nur Schlagwörter wie "Judenhaus" und Frau Scheer beginnt einige Jahre nach der Schulzeit mit einer Recherche über die Geschichte ihrer Schule. Sie stößt auf Schweigen, nicht Gesehenes und gräbt sehr langsam in Jahren und Jahrzehnten immer tiefer, gräbt Schicht für Schicht aus. Erzählt von der Geschichte der jüdischen Gemeinde und wie sich daraus das Haus in der Auguststr. ergab. Nähert sich langsam, zögernd der Zeit des dritten Reichs und verfolgt, später nach der Grenzöffnung auch weltweit Spuren und Hinweise. Sie nennt Namen von Menschen, die sonst vergessen scheinen, staunt, wen sie noch finden und sprechen kann, verliert sich fast in Details und Schicksalen und macht alles an dem Knotenpunkt dieses Hauses fest.
Eine großartige Recherchearbeit, ein anstrengendes Buch, das aber sein Ziel die Geschichte des Hauses wachzuhalten gut und über mehrere Neuauflagen immer vollständiger erfüllt.
Keine leichte Kost, kein unterhaltsames Zwischendurch, aber eine Lesearbeit, die sich lohnt.