Wien 1903. Auf dem nächtlichen Naschmarkt, dem größten Viktualien-Markt der Stadt, wird ein brutaler Mord verübt. Das die junge Gräfin Hermine von Hainisch-Hinterberg, eine Waise aus reichem Haus, die bei ihrer Tante und ihrem Cousin in der Wiener Innenstadt lebte.Die Presse macht viel Lärm um den &quo;Naschmarkt-Mord“, vor allem der Journalist Leo Goldblatt übt Druck auf die Polizei aus. Doch das kümmert Joseph Maria Nechyba, ermittelnder Inspector des kaiserlich-königlichen Polizeiagenteninstituts, zunächst wenig. Der korpulente Genussmensch widmet sich lieber seinem leiblichen Wohlbefinden und seiner neuen Liebe, der Köchin Anna Litzelsberger. Bis am Naschmarkt ein weiterer Mord geschieht …
Bio vom Verlag Gmeiner: Gerhard Loibelsberger, geboren 1957 in Wien, startete 2009 mit den »Naschmarkt-Morden« eine Serie historischer Kriminalromane rund um den schwergewichtigen Inspector Joseph Maria Nechyba. 2010 wurden »Die Naschmarkt-Morde« für den Leo-Perutz-Preis nominiert. Darüber hinaus wurden die Werke des Autors bereits mit dem silbernen sowie goldenen HOMER Literaturpreis ausgezeichnet. Im Jahr 2017 erschienen der Italien-Thriller »Im Namen des Paten« - als Fortsetzung des Venedig-Thrillers »Quadriga« - sowie der erste Nechyba-Comic »Der Bankert vom Naschmarkt«. Zu Loibelsbergers 60. Geburtstag erschien der Lyrik-Band »Ants & Plants« als E-Book.
Der Erstlingsroman von Gerhard Loibelsberger wurde 2017 in einer sehr schön gestalteten Jugendstil-Sonderausgabe neu aufgelegt, und ich habe natürlich sehr erfreut zugegriffen. Diese historische Regionalkrimireihe spielt im Wien um die Jahrhundertwende und präsentiert neben viel Lokalkolorit auch noch ein wundervolles Abbild der Zeit des Fin de Siecle. Ich persönlich wurde auf den Autor aufmerksam, als ich letztes Jahr eine Graphic Novel basierend auf dieser Reihe hier in goodreads rezensierte, die mir ausnehmend gut gefallen hat. Nun wollte ich natürlich auch noch die gesamte doch etwas tiefergehende Hintergrundgeschichte erforschen und erleben.
Josef Maria Nechyba, ein K&K Polizeiinspector - in seiner Freizeit ein Gourmet vor dem Herrn - kann sehr ungewöhnlich für die Zeit, in der der Roman spielt auch noch recht ordentlich kochen. Er wird mit einer „schenen unbekannten Leich“ konfrontiert, von der sich nach einigen Ermittlungen herausstellt, dass es sich um eine Adelige respektive um eine Frau Baronin handelt, die sich nächtens in der Strizzi-Welt des Naschmarktes (ein historischer Wiener Lebensmittelmarkt am Tage und ein Sündenpfuhl von Prostituierten und Kleinganoven bei Nacht) auf Grund eines „schlamperten Verhältnisses“ (eine amouröse unschickliche Affäre mit einem nicht standesgemäßen Mann) herumgetrieben hat.
Wundervoll beschreibt Loibelsberger das historische Biotop der Gegend um den Naschmarkt. Die hochherrschaftlichen reichen Adels- und Staatsbeamten-Haushalte mit ihren Bediensteten an der linken Wienzeile und der Bodensatz der Gesellschaft in der Mitte am Naschmarkt und auf der rechten Wienzeile. Weiters werden ziemlich grandios mehrere wichtige Hotspots, wie Kaffeehäuser in anderen Bezirken, Heurigenlokale, Ausflugsziele und viele andere Lokalitäten der Stadt Wien und der Umgebung sehr genau - fast schon plastisch - geschildert, sodass der Leser einen recht genauen Einblick ins Wien um die Jahrhundertwende bekommt.
Wie Ihr seht, habe ich bereits im zweiten Absatz meiner Rezension mehrere österreichische Spezialausdrücke verwendet, die aus dem Tschechischen, Jiddischen etc. entstammen, dies ist auch dem Roman geschuldet, denn der geneigte deutschsprachige Leser muss sich auf eine andere Welt und eine andere Sprache einstellen, was der Autor aber ziemlich praktisch und großartig unterstützt, da auf jeder Seite in den Fußnoten die österreichischen Wörter, Speisen etc. genau und hinreichend erklärt werden. Dabei habe sogar ich noch einiges gelernt, denn die Speisen zu dieser Zeit, die in den hochherrschaftlichen Haushalten tagtäglich kreiert wurden, unterscheiden sich doch sehr von der modernen österreichischen Küche. Die Sprache - insbesondere der Wiener Dialekt - hat sich zumindest für meine Generation in den letzten 110 Jahren noch nicht wesentlich geändert. Auf jeden Fall kann auch der Leser aus Deutschland durch die guten Erklärungen sehr leicht der Geschichte folgen.
Das restliche „Personal“ abseits des Herrn Inspectors wurde in diesem Krimi derart liebevoll konzipiert, dass es die reine Freude ist. Spannend war für mich die Figur des Pospischil, der Assistent von Nechyba, der das krasse Gegenteil des vor Kraft strotzenden etwas fülligen Polizeikommissars darstellt. Rachitisch, mit teigiger Gesichtsfarbe, duckmäuserisch nach oben und nach unten tretend bzw. zu Gewaltausbrüchen gegen Verdächtige neigend, poliert er einerseits im Polizeidienst sein Ego auf und versucht andererseits durch Anbiederung an Vorgesetzte und höhergestellte Persönlichkeiten seine Karriere nicht zu verderben.
Auch die Köchin Aurelia, in die sich Nechyba ein bisschen verliebt hat, ist sehr gut gezeichnet. Zudem bereitet sie tagtäglich für die Familie des Herrn Hofrat ein köstliches Essen zu, das derart detailliert beschrieben wird, dass dem Leser das Wasser im Mund zusammenläuft. Ich empfehle, das Buch keinesfalls hungrig zu lesen, denn die Koch- und Essorgien sind mit leerem Magen kaum zu ertragen.
Zudem existieren auch noch die typischen reichen nutzlosen Lebemann-Charaktere im Stile des Joseph Roth, wie zum Beispiel der spielsüchtige Baron, der in der ganzen Stadt Schulden gemacht hat, der wegen seiner Ehre schon überlegt, sich zu entleiben und dann dennoch zu seiner Mutter betteln geht, damit diese seine Ehrenschuld begleicht.
Einer der größten Pluspunkte des Krimis ist der Umstand, dass auch historische Persönlichkeiten konsistent in die Handlung eingebaut auftreten. Da gibt es zum Beispiel einen köstlichen Dialog zwischen Gustav Klimt himself und Baron Schönthal-Schrattenbach, in dem sich der Künstler aufpudelt (aufregt), dass die feinen Leut immer über seine Bilder reden wollen, anstatt die Augen aufzumachen und sie einfach anzuschauen. Auch Otto Weininger und ein paar andere Persönlichkeiten werden glaubwürdig mit ihrer Biografie in den Plot integriert.
So könnte ich ewig weiter die Figurenentwicklung loben, aber ich möchte nun nicht mehr weiterspoilern, auf jeden Fall wird dem Leser ein genaues Bild der Bevölkerung sowohl aus der Unterschicht als auch von den oberen Zehntausend und auch von vielen irgendwo dazwischen, wie dem angestellten Hauspersonal, gegeben.
Sprachlich ist der Krimi wundervoll und der etwas bodenständigere derbe Wiener-Schmäh (Humor) blitzt auch aus allen Kapiteln reichlich hervor. Ich habe mich köstlichst amüsiert. Die Szene mit dem Hund Seppi oder die Beschreibung des Katers (im Sinne von Hangover) vom Redakteur Goldblatt inklusive der morgendlichen Körperfunktionen, die in einem solchen Zustand zu tragen kommen, haben mich vor Lachen fast vom Sessel gerissen.
„Eine Frauenstimme keifte: „Seppi! Hierher! Sapperlot! Seppi, du Rabenvieh, wirst herkommen? Seppi, hier! Wenn du jetzt nicht sofort parierst, kommst du ins Gulasch!“ Diese Drohung machte Eindruck, denn knurrend und fletschend trollte sich der Seppi zurück in den Hof, aus dem er wie ein Deus ex Machina hervorgeschossen war. Nechyba versuchte, sich den Geschmack eines Hundegulaschs vorzustellen. Dabei kam ihm der pelzig ranzige Geruch, der den meisten Hunden im Sommer eigen ist, in den Sinn. Ob sich diese Ausdünstungen mit dem würzig-süßen Paprika-Zwiebel-Aroma eines ordentlichen Gulaschs vertragen würden? Ein Gedanke, bei dem der Inspector erschauerte.
Bei all der wundervollen Übererfüllung von erzähltechnischen Anforderungen ist der Kriminalfall letztendlich zwar ordentlich ausgeführt, aber dient irgendwie nur als Nebenhandlung zur Beschreibung des historischen Wiens. Das fand ich dann schon ein bisschen schade, denn für mich war der Täter recht schnell erkennbar.
Fazit: Ich serviere Euch ein echtes Wiener-Schmankerl mit wärmster Leseempfehlung von mir – ein wundervolles Sittenbild von Wien um die Jahrhundertwende quer durch alle Schichten inklusive kulinarischer Reise und mit ein bisschen Mord und Totschlag garniert.
In dem stimmungsvollen Kriminalroman „Die Naschmarktmorde“, begeben wir uns auf Zeitreise in die Vergangenheit, nach Wien des Jahres 1903.
Am nächtlichen Wiener Naschmarkt, wird die junge und gut situierte Gräfin Hermine von Hainisch- Hinterberg, die bei ihrer Tante und ihrem Cousin Baron von Schönthal Schrattenburg in der Wiener Innenstadt wohnt, erdrosselt aufgefunden. Joseph Maria Nechyba, Inspektor des königlich- kaiserlichen Polizeiagenteninstitues hat nun die Aufgabe den schaurigen Mordfall aufzuklären. Ihm zur Seite steht der junge Polizeiagent Pospischill, der mit viel Eifer versucht die Ermittlungen voran zu treiben. Ganz im Gegensatz zu Nechyba, der keine Hektik kennt und sich vorrangig um sein leibliches Wohlbefinden kümmert. Als absoluter Genussmensch, verbringt er gerne seine Zeit beim alteingesessenen Fleischhauer, im Altwiener Kaffehaus Sperl oder flaniert durch das historische Wien. Die Presse, allen voran der Journalist Leo Goldblatt, drängt zur Aufklärung des Mordfalles und als man schließlich das Privatleben der ermordeten Gräfin durchleuchtet, fällt der Verdacht auf Stanislaus Gotthelf, einen zwielichtigen Horoskopverkäufer, der mit seinem schrägen Papagei täglich über den Wiener Naschmarkt streift um seine Prophezeiungen an den Mann zu bringen. Auch der Fleischhauergeselle Anastasius Schöberl gerät in Fadenkreuz der Wiener Polizei. Doch als ein zweiter Mord geschieht, sieht sich Nechyba mit neunen Rätseln konfrontiert.
Ich habe es sehr genossen in diesen gemütlichen Kriminalroman einzutauchen, wobei die literarische Kriminalhandlung eher zur Nebensache wird. Viel mehr besticht der Roman durch seine atmosphärischen Beschreibungen Wiens um die Jahrhundertwende. Der Autor Gerhard Loibelsberger schafft es, mit typischem Altwiener Dialekt und Schmäh, die damalige Lebensart anschaulich näherzubringen. Man wird förmliche entführt in das historische Wien und findet sich in einer anderen Welt wieder. Sehr beschaulich und authentisch für ihre Zeit, beschreibt Gerhard Loibelsberger die Protagonisten in seinem Roman. Der Autor setzt einen besonderen Schwerpunkt auf die Wiener Küche und deren Köstlichkeiten und so begleiten wir Inspektor Nechyba auf vielen wohlschmeckenden Streifzügen. Wir bekommen Einblicke in die Wiener Kaffeehauskultur und unternehmen beispielsweise einen Ausflug in die Maurer Weinberge. Als Kenner der Gegend erlebt man hier natürlich ein besonderes Lesevergnügen. Die gelungene Mischung aus Krimi und historischem Flair, machen Lust auf weitere Kriminalromane rund um Inspektor Joseph Maria Nechyba.
The book is great. Vienna 1907: Next to the main act - the crime - you also will get an experience about the people, the cooking, the living ..... Vienna at 1903 has a special charm. After this book, some street names make more sence now :-).
Sehr unterhaltsam, voller Historie über Wien. Ich habe es geliebt in all die Beschreibung, Kochrezepte und Eigenarten der damaligen Zeit einzutauchen. Freu mich auf Band 2.
A criminal case in Vienna in the early 20th century is told here by Gerhard Loibelsberger. It seems to me that the female murders are actually just the framework for a cultural and culinary story of the expiring empire. The funniest are the translations of Viennese expressions into Northern German given in the footnotes. Probably a disappointment for crime fans, but certainly an amusement for those interested in language development.
Hätte mir besser gefallen, wenn der verfressene Kommissar nicht so unsympathisch wäre. Er schaut tatenlos zu, wie ein Metzger auf dem Naschmarkt junge Dienstmädchen sexuell belästigt und verprügelt. Und das nur, weil ihm der Metzger immer die besten Fleischstücke verkauft. Ansonsten fand ich die Schilderungen des alten Wiens ganz amüsant, auch wenn der Roman nicht so spannend ist und die Morde in den Hintergrund rücken.
Loved it. A crime novel in which the crime takes a back seat to the atmosphere of a colourful fin De Siecle Vienna. There are wonderful characters, locations from squalid to decadent and descriptions of recipes and meal preparations that make the taste buds tingle. It's also very funny.