Eine junge Psychologin ist die Hauptfigur in Theresa Pleitners erstem Roman »Über den Fluss«. Mit gerade abgeschlossenem Studium meldet sie sich freiwillig, um in einem provisorischen Aufnahmelager am Rand einer deutschen Großstadt geflüchtete Menschen zu betreuen. Bald erfährt sie, wie begrenzt ihre Möglichkeiten sind, den Traumatisierten in der hoch gesicherten Einrichtung zu helfen. Ihre Geschichten verfolgen sie bis in den Schlaf und treiben sie in die Vereinsamung. Immer stärker erlebt sie die Widersprüchlichkeit ihres Auftrags, zu dem es auch gehört, die Menschen notfalls zu entmündigen und Abschiebungen zu tolerieren – als Teil des Systems wird sie zum Teil des Problems. Als sie mit einem Geflüchteten konfrontiert wird, der sich das Leben nehmen will, gerät sie in ein moralisches Dilemma. Sie entscheidet – falsch – und verfasst einen eindringlichen Rechenschaftsbericht, nach dem man das Wort »helfen« nie mehr lesen wird wie zuvor.
Hey, German Book Prize, look HERE!! Debut novelist Theresa Pleitner, who studied Creative Writing and Psychology and used to work in a refugee asylum, has written an intellectually sharp, emotionally complex book about, well, a young psychologist working in a refugee asylum. The unnamed narrator tells the story after the fact: In the text, her younger self has recently graduated and is full of idealism to help people who had to flee their home countries. But soon, she realizes the magnitude of her task: People from all over the world, with different ages, beliefs and backgrounds are crammed in a former factory building, struggling to get a permit to stay permanently, and many already received the "white slip“, the notification that they will be deported – the only way to evade this is to be suicidal, or to be admitted to a psychiatric hospital. The young psychologist is dealing with these cases every day.
What makes the text so hard to bear is the desperation that permeates the pages, the nearly kafkaesk feeling of being trapped in a machine, the helplessness the compound holds. The title-giving river separates the outer parts of the city where the asylum is located from the main part of the city, where residents go about their daily lives. The narrator crosses the river daily (hello, mythology) and the feeling of being kind of a ferryman over the Styx, between the realm of the living and the dead, is eating her up.
In her shifts, she talks to numerous refugees, hears their stories and how they got trapped in bureaucratic limbo – and she is confronted with the question what it even means to help, and whether it can be done in the greater scheme of things, which is indeed a crushing, devastating question to face, also for the readers. This author refrains from giving answers, which makes the text even more challenging: There is no anonymous entity that can be blamed as the sole source of evil (see Erpenbeck’s Go, Went, Gone, where there is a monolith called "politics“ that seems to lead a life of its own). Reality is way more terrifying, and this book shows it: The readers can't lean back and say "well, but we're the good ones, we're on the right side", because in this book, everyone is shown to be made complicit in one way or another.
I hope Pleitner will receive quite some attention for her debut, because it does not just pose as "important literature“ (the refugee crisis!), but ponders the questions raised in such an intense, intelligent manner that it really adds to the conversation.
Sie möchte die Zusammenhänge verstehen, etwas tun, das sinnstiftend ist: Eine junge, namenlose Psychologin tritt eine Stelle in einer Flüchtlingsunterkunft an. Um zu helfen, vielleicht auch, um etwas zu verändern - so hofft sie. Doch schnell wird ihr klar, dass die Strukturen vor Ort eigenen Gesetzen folgen, das System nur Behandlungen nach strengem Protokoll zulässt. Individuelles Eingehen auf die verschiedenen Menschen ist kaum möglich. Hoch traumatisiert sind die meisten von ihnen, sie leiden unter Albträumen, dissoziativen oder gar psychotischen Zuständen. Die immer drohende Möglichkeit der Abschiebung verschlimmert die Zustände noch. Ausgerechnet die Einweisung in eine psychiatrische Klinik kann die Ausweisung verhindern, doch auch davor fürchten sich die meisten zu sehr - die Vorstellung, eingesperrt zu werden, triggert traumatische Erinnerungen. Die Arbeit setzt sich in der Psychologin fest, sie schläft schlechter, zweifelt an der Sinnhaftigkeit ihrer Möglichkeiten. Der Fall von Hernn Rahim geht ihr besonders nahe, bringt sie aber auch an ihre Grenzen und mündet schließlich in einer nachvollziehbaren, aber verheerenden Entscheidung. Rückblickend schreibt sie die Ereignisse auf und versucht zu rekonstruieren, wie es dazu kommen konnte.
Theresa Pleitner hat mit ihrem Debüt "Über den Fluss" einen bedrückenden Roman über die Situation in Flüchtlingsunterkünften geschrieben. Mit einer sehr sachlichen, distanzieren Sprache erzählt sie von einem System, das Menschen zu Fällen degradiert, von überforderten, unterbesetzten Einrichtungen und dem verzweifelten Versuch, Ordnung in ein katastrophales Chaos zu bringen. Nachdrücklich arbeitet sie die Diskrepanz zwischen der Hilfsbereitschaft und den systematisch gesetzten Grenzen heraus, die sowohl die Geflüchteten als auch die Psychologin in eine Spirale aus Wut, Hilflosigkeit und Resignation bringen. Ein wichtiger Text, der gerade durch seine knappe, distanzierte Art eine Wucht entfaltet, die noch lange in mir nachhallen wird. Ein dringende Leseempfehlung mit Uff und noch langem Nachdenken.
Über die Möglichkeiten und vor allem Grenzen einer Aufnahmeeinrichtung für geflüchtete Menschen (und derer, die dort arbeiten) - sehr differenziert, sehr realistisch. Bietet viele Perspektiven, die in anderen Büchern und teils auch in der Berichterstattung zum Thema oft übersehen werden. Man merkt, dass die Autorin selbst lange in einer Unterkunft tätig war und den Alltag, von der überbordenden Bürokratie über die zu häufige Hilflosigkeit bis zum tragischen Einzelschicksal, gut kennt.
Jeden Morgen macht sich die namenlose Protagonistin mit dem Bus auf den Weg über den Fluss zu einer großen Geflüchtetenunterkunft. Sie arbeitet dort als Psychologin, nachdem sie vor kurzem ihr Studium beendet hat. Sie möchte helfen, doch rasch merkt sie, wie gering der eigene Einflussbereich ist und wie schwierig es sein kann, sich von den persönlichen Schicksalen abzugrenzen. Die Protagonistin wird zunehmend durchlässiger, schläft schlecht. Die Grenze zwischen „privat“ und „beruflich“ verschwimmt.
Theresa Pleitner hat selbst als Psychologin in einer Unterkunft für Geflüchtete gearbeitet. Sie schreibt selbstreflektiert und selbstkritisch über die Arbeit in diesem Bereich und wirft wichtige ethische und moralische Fragen auf. Der Job ist eine widersprüchliche Aufgabe, denn es gilt, den Menschen zu helfen, sich aber auch an die Regeln eines Systems zu halten, das nicht immer fair mit ihnen umgeht. Die Autorin beschreibt sehr gut die Hilflosigkeit und Ohnmacht des Helfersystems. Auch den Ärzt*innen und Psycholog*innen bleiben oft nur Psychopharmaka, Hinweise auf gesunde Ernährung und regelmäßigen Sport, Entlastungsgespräche. Die Protagonistin möchte Gutes tun (und reflektiert ihre Beweggründe dafür durchaus kritisch), doch das starre bürokratische System lässt nicht viel Spielraum.
Als Psychologin, die auch schon mit Geflüchteten zu tun hatte, konnte ich einige Erfahrungen und Eindrücke teilen. Ein beklemmendes und immer noch sehr aktuelles Buch, das ich nur empfehlen kann.
Uff. Gerade im momentanen katastrophalen Diskurs zum Thema Migration ist dieses Buch eine große Empfehlung. Es gibt schmerzhaft realistische, absolut ungeschönte Einblicke in die derzeitige Situation in deutschen Einrichtungen für Geflüchtete und obwohl es distanziert bleibt, ist es die ultimative Erinnerung daran, dass jede Zahl ein Mensch ist mit einer Geschichte, Familie und Trauma. Es ist absolut kein hoffnungsvolles Buch, aber es sollte an die Menschlichkeit in uns allen appellieren, für würdevollere Prozesse zu kämpfen und vor allem jede Forderung der rechten Politik zu verachten.
Dieses Buch kann nur tiefgründig finden, wer Unterkünfte (oder das Unterbringungssystem für Geflüchtete) nicht kennt. Wer mit ihnen vertraut ist kann hier höchstens müde die Augen verdrehen. Die geschilderten Geschichten und Schicksale sind bedrückend, die Beschreibung der Unterkunft zeigt die Prekarität der Unterbringungsform eindrucksvoll. Vorab: Das ist der Autorin sehr gut gelungen. Man merkt, dass sie selbst dort gearbeitet hat.
Mich stört jedoch in großen Teil die Protagonistin, die als solche für mich nicht funktioniert. Entweder verstehe ich sie falsch oder sie ist wirklich so unausstehlich. Meiner Meinung nach befindet sie sich am Ende in keiner "moralisch scheinbar ausweglosen Situation", sondern schafft es nicht die Realität der Geflüchteten mit ihrer Realität übereinzubringen.
Eine Protagonistin, die ein klar gezeigtes Nähe-Distanz Problem hat und die, so lese ich es, aus den völlig falschen Gründen den Job angenommen hat. Nicht, um Menschen in vulnerablen und prekären Lebenssituationen irgendwie zu helfen/unterstützen, sondern um ihr eigenes Selbstbild und Selbstwert zu stärken. Sie, die sie Liebhaber hatte, aus den vertretenen Herkunftsländern. Sie, die eine jüdische Freundin hat, von welcher sie "Nazibraut" genannt wird. Hier geht es nicht um die Schicksale der Geflüchteten, es geht darum, wie sie diesen helfen möchte, um sich selbst zu helfen. Und wie sie daran scheitert und kaputt geht. Schlaflosigkeit, Meidung sozialer Kontakte. Kurzum zeigt sie direkt erste Burn out Symptome und schließlich Resignation vor dem System.
Das Ende bezeichne ich als entsprechend vorhersehbaren Handlungsfehler der Protagonistin, welcher sich aber durch ihre durchgängig überhebliche Art erklären lässt (ständiges anmerken, wie unwohl sie sich in ihrer Position fühlt, aber kündigen geht auch nicht - warum genau nicht?). Schließlich ist das System schuld und sie, die sie eigentlich nur helfen will (wirklich?), ist doch selbst nur ein Opfer des Systems und widersetzt sich diesem letztlich.
So einfach ist es aber leider nicht. Das System ist ohne Frage fehlerhaft und oftmals ungerecht, das Problem der Protagonistin liegt aber nicht im System - sondern in ihr selbst.
Jede geschilderte Geschichte wird von der Protagonistin direkt auf sich selbst bezogen - wie würde sie sich fühlen oder verhalten? überschreitet sie eine Grenzen, wenn sie ihre Klient:innen gewisse Dinge fragt? Da frage ich mich, ob sie ihren Job verstanden hat - die psychische Gesundheit zu beurteilen und im Zweifel den SpDi zu informieren. Ist das eine Entmächtigung? Natürlich Ob der SpDi einweist oder nicht, liegt jedoch nicht in ihrer Entscheidungsmacht. Es geht nicht darum, wie sich die Person fühlt, die diese Entscheidung trifft - es geht darum, dem leidenden Menschen zu helfen. Das ist natürlich eine extreme Machtausübung. Und evtl heißt das Einweisung. Und evtl wird sich dadurch nichts ändern - aber niemand ist Hellseher und Sachlagen ändern sind ständig. Das System wandelt sich ständig. Etwas, was die Protagonistin nicht zu verstehen scheint. Aufgabe der Protagonistin ist die psychologische Betreuung der Geflüchteten. Oftmals ist sie dadurch aussichtslosen Situationen ausgeliefert und kann nur sehr begrenzt helfen - das ist frustrierend, insbesondere da sie diese Erfolgserlebnisse für ihr eigenes Selbstbild dringend braucht und schon nach kurzer Zeit an ihre eigene Belastungsgrenze gerät.
Ich frage mich am Ende also - was will die Autorin, die selbst Psychologin ist und in einer Unterkunft gearbeitet hat, mir sagen? Will sie einfach auf die Lebenswelt der Unterkunft aufmerksam machen? Auf die oft vertrackte "Zwischen den Stühlen" Position, welche die Mitarbeitenden inne haben und sich fügen müssen? Ich weiß es nicht. Was ich weiß, und ich kenne die Arbeit in diesem Setting ebenfalls sehr gut, ist, dass die beschriebene Person einfach völlig fehl am Platz war und mich ihr Verhalten unglaublich genervt hat. Der Fokus, und vielleicht ist das die Kritik, da dies ein Problem in der humanitären Arbeit ist, lag nicht wirklich auf dem Wohl der Klient:innen, sondern darauf, dass sich die Protagonistin unwohl fühlt. Und sie fortan ihre Arbeit nicht danach ausrichtet, was für die Klient:innen unterstützend wäre, sondern für ihr eigenes Seelenwohl. Es geht ihr darum "zu helfen" - und dabei geht es darum, dass sie sich am Ende gut fühlt und noch im Spiegel angucken kann. Aber ist das eine Geschichte wert? Vielleicht bin ich "zu nah" an der Realität dran und sehe daher nicht, was genau hier das besondere sein soll.
Leider wurde ich enttäuscht von diesem Buch - ich hatte einfach mehr erwartet. Es blieb doch alles sehr oberflächlich - spannend hätte ich es gefunden, wenn es wirklich um eine kritische Auseinandersetzung mit der Dichotomie zwischen "Persönlicher Motivation" und "Aufgabe im System" gegangen wäre. Eine Protagonistin, die aus den richtigen Gründen den Beruf wählt und dann in einer moralischen Krise steckt, da das fehlerhafte System sie zwingt ihre Ideale in Teilen zu ignorieren - im Kern aber von der Relevanz ihrer Arbeit überzeugt ist und deshalb nicht aufhört und daher versucht die Lücken im System zu nutzen. In Ansätzen ging es wohl darum - aber eben nur sehr oberflächlich. Da die Handlung sich aber auch nur über 3 Monate erstreckt, ist diese Oberflächlichkeit aber vielleicht auch gewollt. Mir hätte ein tiefgründigeres Buch mehr gegeben. Schade.
Am Rande: der Begriff "Gast" ist völlig daneben und in diesem Kontext extrem unangebracht. Falls das aus der Realität gegriffen ist, hoffe ich doch sehr, dass dieser dort nicht mehr gängig ist.
Ein Buch über die Beziehungen zwischen Arbeitenden in Flüchtlingsunterkunften und den Geflüchteten selbst. Der Alltag wird gut und detailliert beschrieben. Im Fokus steht eine junge Psychologin, die Schwierigkeiten hat, die richtige Distanz zwischen sich und den Geflüchteten zu finden. Hier spielt viel mit rein und es wird aber auch einiges ausgelassen. Das Buch endet relativ abrupt, das hätte gerne innovativer sein können.
Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Das muss auch die Ich-Erzählerin in Theresa Pleitners Debütroman "Über den Fluss" erkennen, eine junge Psychologin, die direkt im Anschluss an ihr Studium ihre erste Beschäftigung in einer Unterkunft für Geflüchtete beginnt, mit großem Enthusiasmus.
Sie kommt mit Idealen - boshaft könnte man sagen, sie habe sich von Kindheit an auf eine Karriere als Gutmensch vorbereitet, spielte sie doch mit jenen, die irgendwie anders waren und auch im späteren Leben scheint sie Liebhaberinnen und Liebhaber nach dem Pronzip möglichst großer Diversität ausgesucht haben. Nun aber der Praxisschock - die erfahrene Kollegin erscheint ihr in abgestumpfter Routiniertheit erstarrt, zu wenig Widerstand entfaltend gegen die Strukturen, die Flüchtlinge letztlich vor allem verwalten.
Vor allem anfangs entsteht der Eindruck, die Erzählerin empfinde sich da als irgendwie besser, als eine, die Sand im Getriebe des Asylsystems sein will, die eher verächtlich den Hausmeister schildert, mit etwas mehr Sympathie die überwiegend migrantischen Sicherheitsleute.
Von "Gästen" wird im Lager gesprochen, das klingt netter. Doch auch hier gilt es Abschiebungen durchzusetzen. Ein Aufschub kann allerdings erreicht werden, wenn ein Gast als suizidgefährdet gilt. Im Fall von Herrn Rahim, einem jungen Syrer, engagiert sich die junge Psychologin besonders stark. Sie möchte helfen mit ihren Hinweisen, doch die Helferin muss ihre eigene Hilflosigkeit erkennen. Je weiter das Buch voranschreitet, desto klarer wird, dass es sich um eine Rechtfertigung handelt: Vor sich selbst, aber auch vor denen, die sie moralisch verurteilen könnten.
"Immer meinst du, dass du es besser weißt, willst die Gute sein, aber so funktioniert das nicht an einem Ort wie hier, an dem alle kurz vorm Durchdrehen sind", wirft ihr die Kollegin am Ende vor.
Die Autorin hat selbst als Psychologin in einer Flüchtlingsunterkunft geabeitet - und tatsächlich sind in diesem Buch die Passagen besonders gelungen, in denen das enge Aufeinanderleben von Menschen verschiedener Spracheu und Kulturen mit all ihren bereits vorhandenen Problemen auf engem Raum bechrieben wird. Aber auch die Bürokratie, die Menschen zu Fällen macht - ob sie nun Gäste genannt werden oder nicht - wird eindrücklich beleuchtet, wie auch das Dilemma, das das für jene mit sich bringt, die doch eigentlich nur helfen wollen.
„Über den Fluss“ (2023) ist der Debütroman von Theresa Pleitner. Die namenlose Ich-Erzählerin hat ihr Psychologiestudium abgeschlossen und tritt direkt ihre erste Stelle an. Wie es sich für eine Psychologiestudentin gehört, ist sie zielstrebig, fleißig und idealistisch. Weil sie die Welt verbessern will, übernimmt sie die psychologische Betreuung in einer provisorischen Asylunterkunft. Jeden Tag fährt sie über den Fluss ins Industriegebiet. Im Kontakt mit den Asylsuchenden - die „Gäste“ genannt werden - erlebt die Erzählerin ihre eigenen Grenzen. Wie die anderen Beschäftigten wird sie zur Komplizin eines Systems, das strukturell unfähig ist, Menschen in Notsituationen zu versorgen - mehr noch: das diese Notsituationen häufig sogar hervorruft.
Erst im Verlauf des Romans hinterfragt die Erzählerin ihre eigenen Motive. Sie ist nicht durchweg sympathisch. Wie sehr sie den Patient*innen tatsächlich hilft, bleibt fraglich. Die Handlung hätte das Potenzial, sehr klischeehaft zu sein. Sie ist es aber nicht. Gerade weil die Protagonistin unnahbar bleibt, ist es keine Erzählung über einen guten Menschen, der am System zerbricht.
Die Geschichte ist nicht komplex. Sie wirft aber viele interessante Fragen auf: Wie können Menschen in Care-Berufen in einem defizitären System ihren Patient*innen gerecht werden, ohne sie zu bevormunden? Machen sie sich unweigerlich zu Kompliz*innen dieses Systems? Wie kann eine Psychotherapie, die Selbstwirksamkeit fördern will, Menschen helfen, die nach traumatischen Fluchterfahrungen einem bürokratischen Abschiebesystem ausgesetzt sind? Wie weit darf eine Zwangsbehandlung gehen? Und wie können Ärzt*innen und Therapeut*innen beurteilen, was für diese Menschen richtig ist? Diese Fragen werden nicht beantwortet, sondern zunächst nur in den Raum gestellt. Dabei bleibt die Perspektive zwangsläufig defizitär, da die privilegierte Erzählerin immer die Möglichkeit hat, auszusteigen. Pleitners Schreibstil gefält mir sehr gut. Gerade für ein Debüt finde ich das „Über den Fluss“ grandios.
Was mich an dem Buch faszinierte war nicht die Handlung selbst, es war die Ähnlichkeit der jungen Psychologin mit mir. Beginnend mit dem Berufseinstieg direkt nach dem Studium, während ihre Freunde noch reisten (S.14), über die durchschimmernde Eigenschaft eigene Entscheidungen von verschiedensten Blickwinkeln zu beleuchten (z.B. S. 87) um Klarheit in die zugrundeliegenden Ursprünge und Motive zu erlangen - es gibt uns Orientierung, das Gefühl von Kontrolle - bis hin zum Überfließen der Probleme anderer, welchen man im beruflichen Kontext begegnet, auf die eigene Psyche (z.B. S. 115, 127). Dysfunktionale Abgrenzung: „Als alles in einem einzigen hypnotischen Strudel ineinanderfiel, konnte auch ich mich nicht mehr über der Oberfläche halten, spürte, wie es mich in die Tiefe zog.“ (S. 129).
Auch mit dem folgenden Textpassagen konnte ich mich besonders gut identifizieren:
„Im Nachhinein denke ich, dass genau das mein eigentliches Versagen war: dass ich mich zurückzog, alles mit mir selbst ausmachte.“ (S. 90)
„Jene Redewedung kam mir plötzlich in den Sinn: jemandem nicht mehr unter die Augen treten können. Ich fragte mich, ob diese Wendung auch reflexiv zu gebrauchen war.“ (S. 91)
„Mir kamen die Zweifel, ob die Sprache nicht manchmal nur ein Deckmantel ist, das Schweigen dagegen die ehrlichere Erzählung des Geschehenen.“ (S. 125)
This entire review has been hidden because of spoilers.
Ich fand das Buch leider überhaupt nicht nachhaltig. Ich fand es hat gut gestartet und den Leser schnell mitgenommen. Es war einfach zu lesen und bis zur Hälfte etwa habe ich es gerne aufgeschlagen. Neben den Beschreibungen über die Flüchtlingsunterkunft fand ich besonderns die eigenen Unsicherheiten der Protagonistin interessant und die Schwierigkeit nach dem theoretischen Studium, das Gelernte wirklich einzusetzen. Da ich selbst Psychologie studiere hat es mich getroffen, wie sehr einem die Hände gebunden sind und es oft nicht mehr gibt, als Sport und gute Ernährung zu empfehlen. Leider hat mir die Pointe komplett gefehlt. Das im Klappentext versprochene moralische Dilemma wurde auf den letzten zwei Seiten beschrieben und aufgearbeitet und hat mich persönlich nicht berührt, da die verstorbene Person so wenig beschrieben wurde, dass man keinen Bezug zu ihr hatte. Die Zwangseinweisung eines anderen Gastes hat mich da mehr berührt und zum Nachdenken gebracht. Generell wurden einzelne Schicksale benannt aber auch schnell abgearbeitet und ich hätte mir gewünscht mehr den Fokus auf 2-3 Personen zu haben und dann wirklich in deren Lebensgeschichte eingearbeitet zu werden. Für mich hat der Klappentext leider nicht das gehalten, was er versprochen hat.
This entire review has been hidden because of spoilers.
Auch wenn der Klappentext etwas in die Irre führt und ich bis zum Schluss auf einen großen „Schockmoment“ gewartet habe, hat mich das Buch tief bewegt. Es schockiert, macht traurig und nachdenklich – und lässt mich stellenweise fassungslos auf unser System blicken. Zwar war mir bewusst, dass Menschen, die so viel zurücklassen, um hier ein neues Leben zu beginnen, und bereit sind, sich aktiv in unsere Gesellschaft einzubringen, dennoch abgeschoben werden – doch das Buch hat mir die Tragweite und Ungerechtigkeit dieser Realität noch einmal auf erschütternde Weise vor Augen geführt. Eine aufwühlende, erhellende und notwendige Lektüre.
Ich habe mir von dem Buch leider viel mehr erhofft, vor allem eine tiefere Auseinandersetzung mit der Thematik „Geflüchtete & Arbeit in einem System & Auseinandersetzung mit den eigenen Idealen“. Das Buch war mir dahingehend zu oberflächlich, zu emotionslos und zu wenig komplex um mich begeistern zu können.