Eine Schachtel mit vergilbten Zeitungsausschnitten, ein Schrank mit unberührten Kindersachen, ein Schlafzimmer, das leersteht. Anwalt Joachim Vernau vertritt Margarethe Altenburg , die vor dem Berliner Landgericht auf einen Mann geschossen hat. Ihr Haus wirkt verstörend auf Vernau. Wie gut kennt er die alte Dame wirklich? Da geschehen weitere Morde. Die Fäden laufen an einem Ort zusammen: Im Landgericht. Dort scheint Justitia mehr als einmal versagt zu haben. Vernau steht plötzlich vor der Frage: Was ist Gerechtigkeit?
Elisabeth Herrmann ist eine der aufregendsten Stimmen unserer Zeit. Lebendig, abgründig, atmosphärisch – ihr Stil begeistert Krimileser seit der Veröffentlichung von Das Kindermädchen. (In der Verfilmung für das ZDF wird Jan Josef Liefers in der Hauptrolle zu sehen sein.) Mit Zeugin der Toten legt Elisabeth Herrmann nun einen Spannungsroman vor, der eine ganz ungewöhnliche Heldin vorstellt. Die Autorin lebt mit ihrer Tochter in Berlin.
Wieder ein sehr gutes Buch von Elisabeth Herrmann. Es startet mit einem Unfall, einer Szene, die so eindringlich beschrieben ist, dass man glaubt dabei zu sein. Der nächste Todesfall kommt direkt im folgenden Kapitel, und hat anscheinend nichts mit der ersten Szene zu tun. Und um was handelt es sich - um einen Unfall oder ist es Mord? Schließlich dann der erste Auftritt meines Lieblings-Anwalts, der einen Gerichtstermin hat, welcher in einem Fast-Mord endet. Auch dieser Fall ist auf den ersten Blick nicht mit den beiden anderen Fällen verknüpft. Dann werden die ersten Verbindungen deutlich.
Elisabeth Herrmann ist groß darin, Charaktere zu konzipieren, die in sich stimmig sind, echt wirken und mit ihren kleinen und größeren Macken schon etwas skurril wirken, allerdings immer so, dass es noch glaubwürdig ist. Manche Szenen sind wirklich witzig. Und was ich außerdem sehr mag, sind die menschlichen und auch moralischen Themen, die in jedem Band bisher behandelt wurden. Das Verhältnis zwischen dem Anwalt und seiner Mutter kommt fast immer vor und wird trotz aller Seltsamkeiten (Hüthchen und vor allem Withers) ernst genommen. Das moralische Thema dieses Bandes möchte ich nicht verraten, aber die Darstellung ist nicht platt, was bei diesem Thema schnell passiert, sondern eher so, dass es zum Nachdenken anregt - und auch zu der Einsicht, dass jeder von uns plötzlich mit einer solchen Situation konfrontiert werden kann und dann damit umgehen muss.
Audiobook-Rezension: In seinem dritten Fall Die letzte Instanz verstrickt sich Joachim Vernau tief in der schwierigen Frage nach Gerechtigkeit. Zunächst wird er Zeuge, wie Margarethe Altenburg, eine ältere Dame aus Görlitz, versucht, seinen Mandanten, einen Obdachlosen, vor dem Gerichtsgebäude zu erschießen. Sie verfehlt ihn und bricht dann selbst zusammen. Vernau hat Mitleid mit der Dame, die offensichtlich verstört und zugleich von einem inneren Drang angetrieben wird. Er beginnt zu nachzuforschen und stößt auf Hinweise auf Gerichtsverfahren, bei denen die Täter ohne oder mit geringer Strafe davongekommen sind, obwohl sie offensichtlich schuldig sind. Handelt es sich um einen Racheakt? Schließlich wird sein Mandant doch tot aufgefunden und es geschehen weitere, auf den ersten Blick zusammenhanglose Morde. Es bedarf einer geduldigen Recherche, um sich der Wahrheit langsam anzunähern, wer da mordet und warum. Vernau ist gleichzeitig schwer verliebt in die eiskalte Staatsanwältin, die mit dem Fall auf mehr als eine Weise zu tun hat. Diese Verfallenheit vernebelt ihm phasenweise den Blick und wirkt auch ein bisschen übertrieben und aufgesetzt für den sonst durchaus logisch und intelligent agierenden Rechtsanwalt. Dies trübte auch ein wenig den Genuss dieses sonst gut konstruierten Krimis.
Fünf Sterne, weil Elisabeth Herrmann mit Vernau einen Ich-Erzähler mit dem Potential hat, Leser/innen auch durch die absurdesten Handlungsstränge zu tragen und schlagartig zwischen Betroffenheit und Humor hin und her springen kann, ohne dass es albern wirkt. Zwar ahnte ich hier - einfach, weil ich schon sehr viele Krimis gelesen und gesehen habe - welch ein Schema hinter Tätern und Opfern steht und dass eine gewisse Frau im Umfeld von Vernau weitaus mehr von den Hintergründen weiß als sie zugibt, dennoch hielt die Autorin eben allein durch ihren Stil und den Aufbau der allmählichen Enthüllungen weiter einen guten Spannungsbogen. Nur das letztliche Ende war nicht ganz so der Paukenschlag und schielte vielleicht zu sehr in Richtung Verfilmung mit dem doppelten Showdown, nachdem man schon weiß, was "los ist". Als Lektorin hätte ich ehrlich den Tipp gegeben: Wie wäre es z.B. wenn der Mörder die letzten Morde so geschickt anstellt, dass die Staatsanwältin als scheinbare Täterin dasteht und festgenommen wird. Das wäre eine allerletzte erfolgreiche Rache gewesen.
Geschrieben wäre er ja nicht so schlecht, aber man droht immer, den roten Faden zu verlieren und fragt sich verwundert, was man jetzt schon wieder vergessen hat (auch wenn nur ein Tag dazwischen liegt). Wenn die Handlungsstränge stimmiger und nachvollziehbarer wären, könnte man durchaus auch vier Punkte vergeben.
Justizia Der Anwalt Joachim Vernau hat seinen Mandaten Hans-Jörg Hellmer rausgehauen. Doch als Hellmer das Berliner Gerichtsgebäude verlässt, stellt sich ihm eine alte Dame entgegen und schießt auf ihn. Die ungeübte Schützin verfehlt ihr Opfer, dass unverletzt fliehen kann. Margarethe Altenburg jedoch bricht erschöpft zusammen. Vernau, der das Ganze mitbekommen hat, übernimmt sofort die Regie und sorgt dafür, dass Frau Altenburg ins Krankenhaus gebracht wird. Dort weigert sie sich zwar, ihm eine Vollmacht zu unterschreiben, bittet ihn aber, ein paar Sachen aus ihrem in Görlitz zu holen. Vernau macht sich auf den Weg gen Osten und kommt auf die Spur einiger Todesfälle, bei deren Beurteilung die Gerichte zu versagen schienen.
Die Verfilmung dieses Romans von Elisabeth Herrmann wurde bereits im Januar diesen Jahres im ZDF ausgestrahlt. Nach meiner Erfahrung ist es gut, wenn zwischen dem Sehen einer Verfilmung und Lesen oder Hören der Handlung geraume Zeit verstrichen ist, so dass man beides voneinander trennen kann. Ob hier der zeitliche Abstand gereicht hat, kann ich nicht so genau sagen. Wenn meine Erinnerung mich nicht völlig täuscht, gibt es erhebliche Abweichungen, die vielleicht sogar zu unterschiedlichen Geschichten führen.
Natürlich kommt man nicht umhin, sich unter Jochaim Vernau das Gesicht des Schauspielers Jan-Josef Liefers vorzustellen. Das ist aber durchaus positiv, auch wenn man nicht die eigene Phantasie spielen lässt. Dieses Hörbuch ist von Herbert Schäfer hervorragend gelesen. Seine Stimme verleiht den handelnden Personen jeweils einen eigenen Charakter und gibt der Handlung Spannung und Tempo. Nach und nach kommt Vernau hinter das Geheimnis von Margarethe Altenburg. Diese hat mit Hilfe ihres Bekannten Otmar Koplin einen Plan ausgeheckt, der an Perfidität kaum zu überbieten ist. Weit in der Vergangenheit wurde der Grundstein von Taten gelegt, die nun in mehreren Todesfällen gipfeln.
Durchdacht, fesselnd und in weiten Teilen anders als die Verfilmung entwickelt sich der Fall, mit dem verschiedene Thematiken unseres leider nicht perfekten Rechtssystems angeschnitten werden. Ein intelligenter Roman mit intensiven und gründlichen Ermittlungen und einem Ende, dass keine völlige Sicherheit hinterlässt.
Eines der lobenden Cover-Zitate zum zweiten Joachim Vernau Band war Elisabeth Herrmann kann einfach schreiben und dem kann ich nicht widersprechen. Es gibt wenig Autoren bei denen ich mir beim Lesen so viele Sätze rausschreiben/anstreichen möchte weil sie einfach so wunderschön sind (ich tus dann doch nicht...weil ich nur bei E-Books markiere und zum 'Zettel zum Aufschreiben' holen dann doch zu faul bin). Der Krimi an sich ist auch wirklich gut und anders als viele andere Romanen in denen das Thema Selbstjustiz aufgegriffen wird geht es hier nicht um kaltblütige Mörder die davongekommen sind. Es haben nicht mal alle selbst die Tat begangen, sondern sind "nur" im moralischen Sinne (mit)schuldig. Auch wenn der größte Teil der Opfer seine Handlungen nicht bereut und nur einer sich wirklich verantwortlich fühlt ist das trotzdem noch ein Unterschied zu der in vielen anderen Krimis dieser Art üblichen schwarz-weiß Malerei. Leider kann das Buch trotzdem nicht so wirklich überzeugen. Die Geschichte braucht ein paar zu viele glückliche Zufälle um zu funktionieren und was noch wesentlich mehr ins Gewicht fällt: Ich konnte Vernau nicht abnehmen, dass er wirklich so unsterblich in Salome verliebt ist. Denn er ist es wirklich, er sagt es selbst und er macht Entschuldigungen für ihr Verhalten wie es sonst nur ein frisch verliebter Teenager könnte. Nur...warum? Von Anfang an behandelt sie ihn unmöglich, lügt ihn an, weicht aus wenn er fragen stellt...es gibt kaum Momente in denen sie wirklich freundlich ist (und die sind allesamt sehr kurz). Dass sich Vernau trotzdem so unsterblich in sie verliebt war einfach nicht wirklich glaubwürdig...und da ihr Verhältnis auch Einfluss auf den Kriminalfall hatte zieht das die Wertung dann doch nach unten.
Das Motiv von Die letzte Instanz ist mir in diesem Jahr schon mehrmals untergekommen. Vielleicht wusste ich deshalb schon recht früh, wie der Hase läuft. Allerdings hat Elisabeth Herrmann einige Details eingebaut, mit denen ich so nicht gerechnet hätte und die das Buch spannend gemacht haben.