Artur Weigandt schreibt als Chronist der Heimatlosen über den Zusammenbruch der Sowjetunion, die Suche nach der eigenen Herkunft und den Krieg in der Ukraine.
Uspenka, ein Plandorf im heutigen Kasachstan, gelegen in der weiten Steppe, in dem alles parallel zueinander verläuft: Straßen, Menschen, Kühe. Alles, was in Uspenka geschah, könnte auch im Rest der UdSSR so geschehen sein: die Repressionen, der Zwang, die Deportationen. Mit dem Zerfall der Sowjetunion verwaiste Uspenka. Viele Menschen gingen weg und begannen ein neues Leben in der Fremde. Und wurden damit zu Verrätern ihrer Heimat. Artur Weigandt, selbst in Uspenka geboren, hat einen journalistischen Heimatroman geschrieben, über ein unscheinbares Dorf und die Menschen, die einst darin wohnten, in deren Erinnerungen das Dorf weiterlebt. Er zwingt sich, seiner eigenen Herkunft zu begegnen – und zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie beängstigend Heimat sein kann, erst recht, wenn ein Krieg ausbricht.
"PostOst, das ist eine fluide Selbstbezeichnung für alle Menschen, die einen Bezug zum geografischen Raum des Warschauer Paktes haben."
Artur Weigandt hat einen Roman geschrieben, den ich am liebsten mal wieder jedem und jeder als Pflichtlektüre auferlegen würde. Die erweiterte Russische Invasion der Ukraine 2022 hat sie wieder auf den Plan geholt, die postsowjetische Welt, die bis dahin so vergessen dalag, so vernachlässigt und belächelt vom Westen.
Aber was hat der Zerfall des Sowjetunion eigentlich mit denjenigen gemacht, die in den 90ern nicht in Ostdeutschland, sondern in der Ukraine, in Georgien, in Belarus oder, wie Artur Weigandt und seine Familie, in Kasachstan waren? Wer sind diese Familien, was ist ihre Geschichte? Wie geht es der bunten, der vielfältigen PostOst-Szene in Deutschland heute, vor allem jetzt, wo der Russische Angriffskrieg Trennlinien durch Stammbäume zieht, die es vorher nie gab?
Artur Weigandt ist Journalist - und das merkt man. Lesbar, präzise, prägnant, verständlich und trotzdem emotional nahbar sind die Texte, die zwischen den Buchdeckeln von "Die Verräter" auf uns Leser*innen warten. Ich für meinen Teil hätte beim Lesen gerne durchgängig genickt. Weil dieser Roman Millionen von Menschen ein Gesicht verleiht, das sie in der westlichen Öffentlichkeit so lange nicht hatten.
Ich denke an meine Freunde in der Ukraine, an meine Bekanntschaften aus Georgien, meine Kontakte in Belarus. Wann immer ich vor Februar 2022 von ihnen erzählt habe, wollte niemand zuhören. Weil meine Geschichten gar nicht zu den herrschenden Vorurteilen passten. Linke Hipster in Untergrundbars? Veganes Essen in Kyiv? Gute Literatur aus Georgien? Konnte alles nicht sein. Und ich hasse es, dass es erst dieses Morden brauchte, damit Menschen hingucken, mal ganz genau hingucken und sich ums Verstehen bemühen.
Ich habe auch noch so viel zu lernen, so viele Gespräche zu führen und so viel zuzuhören. "Die Verräter" ist ein hervorragender Einstieg für alle, die offen dafür sind, PostOst endlich zu sehen und das eigene Weltverständnis wieder gen Osten zu öffnen. Fünf von fünf Sternen. Jetzt lesen.
Danke an Hanser Berlin für das Rezensionsexemplar.
Artur Weigand geboren im heutigen Uspenka, Kasachstan, reflektiert im Zuge des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine seine Familiengeschichte. Außerdem ist er durch seine Arbeit als Journalist sehr eingebunden in die Situation in Russland und der Ukraine. Immer wieder versucht er mit Menschen, die in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen sind und versucht diese hinsichtlich ihrer nationalen Identität zu befragen. Persönliches und sehr aktuelles Buch.
[ „es ist nicht schlimm, wenn eine neue Heimat, die alte ersetzt“, sagt mein Vater. „Es ist schlimm, wenn man die alte vergisst. Jeder Mensch, der seine Heimat verlässt, muss mit dieser Angst leben. Ich habe das Gefühl, Deutschland will manchmal, dass wir das alte vergessen, weil das Land mit seiner eigenen Geschichte nicht umgehen kann“ ich glaube, er hat recht. Deutschland, das ist ein Land, das fremde Geschichten nur schlecht in seine eigene Geschichte einbetten kann. ]
In seinem Buch „Die Verräter“ nimmt uns der Autor Artur Weigandt mit auf die Reise in die Geschichte seiner Familie. Einer Geschichte geprägt von der Frage nach Identität und Heimat. Geprägt von Vertreibung, Flucht, Hoffnung und „im Stich lassen.“
„Die Verräter“ ist ein Text, welcher mich nachempfinden lässt, wie schwer für die Menschen aus Osteuropa die damalige und aktuelle Weltlage sein muss(te). Die Frage, was eigentlich Heimat für sie selber bedeutet und wie auch andere darauf schauen. Sie sind mehr als einfach nur „Russen“ - auch das sollten wir hier als „Deutsche“ lernen, denn manchmal wissen sie gar nicht, wer sie sind.
[ Wir sind 3,5 Millionen Menschen mit komplexen Herkunftsgeschichten. Wir sind die Verräter. Für die anderen Minderheiten. Für die Deutschen, die glauben, dass alle Osteuropäer in Deutschland Putinisten seien. Und wir sind Verräter für unsere eigene Heimat. Denn unsere Heimat ist nichts mehr als eine Erinnerung, die schön sein kann wie ein Sommerurlaub – oder wie eine Panne, mitten in der Pampa, also ein Albtraum. Es fühlt sich bis heute so an, als wäre ich unvollständig. ]
This book lacks focus. It seems written from a distinctly „germanised“ gaze, with Weigandt trying too hard to convince and educate the German reader. However, the messaging ends up feeling either overly simplistic or quite confusing.
As a way to process russia’s war of annihilation against Ukraine for one’s own peace of mind, I understand it; but as a work of autofiction or political essay, it feels too messy to offer much in the end. Especially if you’re already familiar with the history Weigandt is writing about.
I recognize that I’m simply not the target audience for this book, and that makes me quite sad, because it feels like either much of the complexity has been simplified or there was too much of explaining going on for the sake of reaching a wider audience. At some point, I think this approach needs to stop because it simply reads as a justification of one’s existence.
„Deutschland, dass ist die Heimat des Verrats. Hier geht es nicht um Menschlichkeit. Es geht um den Schein. Es geht darum, so zu tun, als wäre dieses Land auf der guten Seite der Geschichte.“
„Es gäbe so viel zu sagen & zu verstehen, was ich noch nicht verstehe. Alles, was ich hier geschrieben habe, ist ein einziger Verrat an der russischen Welt. An der Erinnerung. An meiner Heimat. Hier, genau hier ist die Nulllinie die den Verrat von der Angst trennt. Dazwischen ist da Niemandsland. Du musst dich bloß entscheiden.“
Zwischen diesen zwei Absätzen stehen Erinnerungen & Geschichten. Über Familie & Verrat. Über Krieg, Flucht & Heimat. 155 Seiten, die sich lohnen!
Ich bin ganz ehrlich: Ich war fassungslos, wie passgenau dieser journalistische “Heimat”roman auf mich zugeschnitten ist. In “Die Verräter” erzählt uns Artur Weigandt nämlich erinnerungshaft davon, wie es war, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit einer komplizierten Herkunftsgeschichte aus eben dieser in den 90ern nach Deutschland migriert zu sein & wie sich das auf unser jetziges Leben - mit besonderem Blick auf den aktuellen Krieg - auswirkt. Ich habe mich in meiner Identität/Herkunft/Heimats/Geschichte authentisch im Text wiedergefunden; allein die Erinnerungen, die er hier aufzählt wurden, haben mich wirklich sprachlos gemacht - gebrannte PS1-Spiele, Tanten und Onkel an Küchentischen… So ziemlich alles in diesem Buch kenne ich. Und das war ein seltsames, aber auch befreiendes - und irgendwie ein gemeinschaftsstiftendes - Gefühl, das ich bisher kaum aus der Literatur kenne.
Wie gründlich reflektiert, kritisch und bodenständig auf diverse Begriffe, Erinnerungen und Erfahrungen eingegangen wurde ist bereichernd für alle, ob ihr nun selbst eine ähnliche Geschichte habt oder außenstehend seid. Und insbesondere die Schlussworte sind unglaublich ermutigend. Absolute Leseempfehlung.
Der in Kasachstan geborene Journalist Artur Weigandt hat mit Die Verräter ein ungewöhnliches, beeindruckendes Buch geschrieben.
Sein Vater ist Weißrusse, die Mutter Ukrainerin und Belarussin. Gelebt haben sie in Uspenka in Kasachstan. Dann gingen sie nach Deutschland, wo Artur aufwuchs.
Die Frage der Identität beschäftigt Artur stark und so geht es vermutlich vielen seiner Generation, die aufwuchsen, nachdem die Sowjetunion zersplitterte.
Das Buch zeigt Arturs frühe Jugend, aber es ist auch sehr zeitnah mit dem Gegenwartsplot, in dem der Krieg in der Ukraine alles beherrscht. Mit zahlreichen Gesprächen zeigt der Autor, wie zerrissen die Menschen sind. Nationalismus und Fanatismus ist weit verbreitet. Die Propaganda Putins wirkt.
Das Buch ist eine Mischung aus Roman, Autobiografie und journalistische Reportage. Eine Form, wie man es so selten liest. Sehr überzeugend, sehr lesenswert!
Anhand der Geschichte seiner Familie macht sich Weigandt in seinem journalistischen Roman auf die Suche nach der eigenen Identität und Herkunft. Er schreibt über Vertreibung, den Zusammenbruch der Sowjetunion und postsowjetische Migration. Damit verleiht Weigandt den Menschen ein Gesicht und eine Stimme, die in der westlichen Öffentlichkeit und deutschsprachigen Literatur fehlten. Er macht PostOst sichtbar.
Die sprachliche Intensität Weigandts hat mich zutiefst beeindruckt und berührt. Das Buch hat mich zum Nachdenken gebracht und wird mich noch eine Weile beschäftigen. Es hallt nach. Und das ist gut so. Absolute Herzensempfehlung! Alle lesen bitte, danke.
Was ist identitätsstiftender für ein Kind in der Diaspora als sich nie so wirklich seiner Identität bewusst zu sein? Es beginnt mit einem fehlenden H im Namen. Zeigt sich durch das für die deutsche Schulklasse zu stark rollendem R. Geht mit der Erkenntnis einher, dass die Aufnahmebereitschaft Deutschlands bei Schutzsuchenden nur eine Farce ist und geht so weit als dass man im Herkunftsort seiner Eltern als Verräter gilt.
Anekdotisch schreibt Artur Weigandt aus dem Heute und aus dem, was war mal. So fügt sich seine Biographie zusammen. Ein must read für vor allem all diejenigen, deren Eltern nicht aus einem anderen Ort nach Deutschland kamen, mit der Hoffnung den Kindern eine bessere Zukunft zu garantieren und dabei auf die eigene zu verzichten.