Ein Waisenheim ist halt ein Waisenheim. Und wenn man sein ganzes Leben in einem Waisenheim gewohnt hat, weiß man auch gar nicht, wie es anders sein könnte. Es ist eben so.Sie haben keine Eltern. Sie sind anders. Hovanes ist der älteste von ihnen. Älter als Sirup, Tiko, Eilis und Gaya, mit denen er gemeinsam im Haus Betlehem lebt, unter der Obhut von Schwester Miki und Schwester Rosa. Sie sind eine Zwangsgemeinschaft, eine ungewollte Gemeinschaft und dann doch wieder eine Gemeinschaft. Begleitet von kindlich-jugendliche Reibereien, von adoleszenter Identitätssuche, von verschiedenen Sehnsüchten und unerfüllten Träumen, geprägt durch einen schlimmen Unfall und der damit verbundenen Schuldfrage, aber auch erfüllt von so manchem schönen gemeinsamen Moment.Sarah Michaela Orlovský gelingt ein beeindruckender Debütroman, der das Leben von behinderten Kindern in einem Waisenheim beschreibt, wie es ist - ohne Plattitüden und ohne Sozialromantik. Ein Buch über blonde Augen, tote Kaninchen und Tomaten, die keinen Regen mögen
Auch dieses Buch musste ich für die Uni lesen. Ich hatte nicht erwartet, dass es mir überhaupt gefallen würde, da ich ehrlich gesagt Geschichten mit defizitären Ich-Erzählern (ist das nicht herrlich politisch korrekt und dennoch nichts sagend? Man lernt ja so viel auf der Uni...) nicht wirklich mag, Daher war ich eher positiv überrascht vom Ergebnis.
INHALT Eine genaue Analyse hierzu habe ich bereits bei meinem Test geschrieben, daher kurz worum es geht. Im Haus Betlehem sind Waisenkinder untergebracht, die alle die eine oder andere Behinderung haben. Von vielen erfahren wir aber gar nicht genau was ihnen denn nun fehlt. Ich Erzähler ist Hovanes, der sich mit Hingabe um den Garten kümmert, sich von der Institution aber mehr und mehr eingeschränkt fühlt.
ALLGEMEINES Die verschiedenen Defizite der Kinder werden nur am Rande sichtbar, dennoch steht/stehen sie in Form von Hovanes im Mittelpunkt. Er ist der Ich-Erzähler, wobei wir zwischen drei Erzählsträngen hin und her springen: Gegenwart, Traum, und kurze Kapitel aus der Perspektive der Reporterin Ana. Hier spielt die Autorin mit uns, denn man erfährt erst gegen Ende was Hovanes hat, und kann auch dann erst das volle Ausmaß dessen, was es für ihn bedeutet erahnen (denn wirklich nachvollziehen behaupte ich mal können wir, die das nicht selbst erlebt haben nicht).
SCHREIBSTIL Das Buch ist flüssig geschrieben, und wie bereits erwähnt wird man kompetent in die Irre geführt. Immer wieder hat man einen Verdacht, was Hovanes für ein Defizit haben könnte, nur um im nächsten Moment verunsichert zu werden.
CHARAKTERE Das Haus Betlehem wird von Zwei Nonnen geführt. Schwester Rosa und Schwester Miki. Schwester Rosa ist Mutter Oberin und hat somit das sagen. Sie versucht wohl alle Kinder gleich aber auch mit liebevoller Strenge zu behandeln. Schwester Miki scheint vor allem zu Hovanes einen besseren Draht zu haben, aber generell auch näher an den Kindern dran zu sein. Es wird aber deutlich, dass sich beide große Sorgen um die Kinder machen, und das Beste für sie wollen. Hovanes ist ein toller ich-Erzähler, den ich sehr gut nachvollziehen konnte. Manches Mal habe ich mich aber gewundert warum er nicht mehr versucht seine Perspektive einzubringen. Im Verlauf der Handlung hatte ich das Gefühl, dass er sich immer mehr zurück zieht, und auch immer mehr unter der Situation leidet, aber sich an niemanden wendet (kann/will?). Ich verstehe warum er den hyperaktivem Sirup nicht leiden kann, der würde mich auch Wahnsinnig machen,...
MEINUNG Zeit für unpopuläre Meinungen. Ich gehe sicher dem aktuellen Trend entgegen, denn ich mag keine "diversen" Geschichten. Ein kurzer Einblick wie hier ist toll, und es ist auch gut umgesetzt. Dennoch ist es nu mal nichts was ich in meiner Freizeit lesen möchte. Aber Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, und jeder der auf sowas steht wird hierin ein gutes, wenn auch eher kurzes, Buch finden. Die 3* hat "Tomaten mögen keinen Regen" also mehr, weil mich das Thema wenig interessiert, als wegen der Umsetzung. Sowohl Stil als auch sprachliche Gestaltung waren nämlich gut durchdacht.