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Die Wiedererfindung der Nation

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Bei Intellektuellen steht der Begriff der Nation unter Generalverdacht. Doch wer sagt denn, dass Nation automatisch ethnische Homogenität und eine "Volksgemeinschaft" bedeutet, die andere ausschließt? Das ist die Sicht von Rechtsextremen, die den aufgegebenen Nationsbegriff inzwischen für sich erobert haben. Die Friedenspreisträgerin Aleida Assmann ruft dazu auf, die Nation neu zu denken und sie gegen ihre Verächter zu verteidigen.Die Tabuisierung der Nation hat in Deutschland zu einem Mangel an Aufklärung und Diskussion über Sinn und Rolle der Nation geführt. Aleida Assmanns neues Buch möchte zu einer solchen Debatte Es plädiert für die Wiedererfindung einer Form von Nation, die sich als demokratisch, zivil und divers versteht und sich solidarisch auf die gewaltigen Zukunftsaufgaben einstellen kann. Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist nicht nur in Deutschland ein Problem. Um die aktuelle Krise der Nation auch in anderen Ländern besser zu verstehen, ist es unabdingbar, die Narrative zu untersuchen, mit denen gesellschaftliche Gruppen ihre Vergangenheit, Zukunft und Identität bestimmen. Sie erweisen sich als ein Schlüssel für die Frage, was Nationen spaltet – und was sie wieder zusammenbringen kann.

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About the author

Aleida Assmann

78 books41 followers
Aleida Assmann is a Professor of English Literature and Literary Theory in the Department of Literature, Art and Media at the University of Konstanz in Germany. She has also been a guest lecturer at universities including Rice, Princeton, Yale, and the University of Chicago. She is the author of several German-language books and has received international recognition for her scholarship, including the Max-Planck-Research Prize for History and Memory in 2009 and an Honorary Doctorate from the Theological Faculty at the University of Oslo in 2008.

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Displaying 1 - 3 of 3 reviews
Profile Image for Gavin Armour.
645 reviews131 followers
January 28, 2021
In ihrem jüngsten Buch DIE WIEDERERFINDUNG DER NATION. WARUM WIR SIE FÜRCHTEN UND WARUM WIR SIE BRAUCHEN (2020) nimmt Aleida Assmann den Dreisatz Nation – Patriotismus – Nationalismus unter die Lupe und untersucht u.a. das Verhältnis der Linken und der Liberalen zum Thema. Und sie bemüht sich, den Begriff jenen zu entreißen, die auf ihm aufbauend ein neues völkisches Denken etablieren wollen.

Assmann erläutert einige jüngere Konzepte zur Frage der Nation – darunter das von Francis Fukuyama – und erklärt den Zusammenhang mit der Identitätsfrage. Es werden jedoch auch ältere, historische Ansätze geschildert – darunter der „Mythos des Kriegserlebnisses“, der nach dem Ersten Weltkrieg verhinderte, die Nation nicht in Gegnerschaft zu anderen, sondern als eine unter vielen zu denken, und damit direkt in die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges führte. Sie untersucht die Ansätze eines „Verfassungspatriotismus“, wie ihn einst Jürgen Habermas bestimmte und wie ihn heute eine Historikerin wie Jill Lepore auch in den USA fordert, ebenso wie den des „Bekenntnisses zur Nation“ unter Vernachlässigung jener Teile der Geschichte, die die einheitliche Erzählung stören oder unterminieren würden. Diese Problematik betrifft – Assmann gibt anschauliche Beispiele – vor allem die USA, deren Narrativ sehr lange ein exklusives gewesen ist und wo wir gerade aktuell beobachten können, welch Verwerfungen es hat, wenn eine signifikante Minderheit, in diesem Fall der schwarze Teil der Bevölkerung, sich aufmacht, das eigene Narrativ in den Pool der nationalen Erzählungen einzubringen. Und einfordert, gehört zu werden. Doch Assmann weist ebenfalls darauf hin, daß diese Problematik durchaus auch Europa und Deutschland im Besonderen betrifft. Denn auch hier gibt es Parallelerzählungen – bspw. jene der Mitbürger mit dem berühmten „Migrationshintergrund“ – und identitäre Gruppen, gerade in der LGBTQ-Gemeinde, deren Geschichten oftmals ausgespart wurden zugunsten einer einheitlichen Narration.

Assmann verdeutlicht, worauf die Frage der Nation u.a. rekurriert: Erinnerungskultur, die bereits erwähnte Identitätsfrage, die Vielfalt eigener und fremder Erzählungen und deren Korrespondenz untereinander – und der gegenseitigen Befruchtung. Sie plädiert eindringlich dafür, die Nation wieder in einen verbindlichen Diskurs zurückzuholen, den auch die Linke bedient. Denn gerade die Linke in der Bundesrepublik vor 1989 hatte ein zutiefst gespaltenes Verhältnis zum Nationenbegriff, weshalb er nicht nur aus dem Diskurs selbst verschwand, sondern er wurde auch in Universitäten, in Schulen und den Feuilletons ausgeschlossen, vernachlässigt, übergangen. So konnte es einer wieder erstarkenden Rechten und den Populisten – und damit ist nicht der Konservatismus der CDU/CSU gemeint, auch nicht jener eines Frank Schirrmacher oder anderer konservativer Denker der jüngeren Vergangenheit – gelingen, den Begriff zu besetzen und mit ihrer höchsteigenen Agenda zu füllen. Dann geht es um Thymos und eine andere, bereinigte Erinnerungskultur, dann geht es um „Schuldkult“ und eine angeblich an sich selbst krankende Nation. Oder gleich ein an sich selbst verzweifelndes Volk.

Dabei sollte man unvoreingenommen mit dem Begriff umgehen, sollte sich verdeutlichen, wo die Nation als Sinnstiftendes, aber auch rein praktisch, immer noch das Konstrukt ist, das gewissen Problematiken und Krisen am besten begegnen kann. Die Coronakrise, in der sich Deutschland wie der Rest der Welt seit nun einem Jahr befindet, zeigt es deutlich: Obwohl Europa versucht, einheitlich und gemeinsam zu handeln, sind es letztlich die nationalen Bestimmungen, die sehr unterschiedliche Erfolge zeitigen. Und gerade in den Fragen des Impfstoffes kann man erkennen, daß das europäische Haus noch nicht wirklich funktioniert – und vielleicht auch falsch gebaut wurde, wo es zu sehr auf ökonomischen und zu wenig auf kulturellen Belangen fußt. In diese kulturellen Belange fällt auch eine gemeinsame Erinnerungskultur, ein Austausch unter Nationen. Auch ein Austausch über die Verletzungen, die es im Laufe einer letztlich ja gemeinsamen Geschichte immer wieder gegeben hat. Und es gibt diese Bemühungen ja längst, denkt man bspw. an die seit den 80er Jahren unternommenen Versuche, gemeinsam der deutsch-französischen Geschichte zu gedenken und dabei nationale Eigenheiten nicht aufzugeben.

Assmann schlägt eine ganze Reihe von Möglichkeiten vor, wie der Begriff der Nation wieder in ein gemeingesellschaftliches – nationales wie internationales – Narrativ zurückgeholt werden kann. Sie beschreibt Beispiele, wo solche Anstrengungen eben schon unternommen wurden und worauf dabei zu achten ist. Allerdings – und das ist vielleicht einer der wenigen Kritikpunkte an diesem im Übrigen gut lesbaren Buch – verengt sich diese Betrachtung dann doch wieder auf Gedenktage, Denkmäler und Museen. Sicher, Assmann weist auch eindringlich darauf hin, daß es eine neue Art der Vermittlung und Forschung eben in Schulen und Universitäten braucht, einen offeneren Diskurs, die Nation als Konstrukt, als Mythos und Erzählung zu behandeln, zu reflektieren. Doch wirkt es schlußendlich so, als liefen diese Überlegungen dann doch auf die offiziellen Termine und staatlich verordneten Gedenkmuster hinaus. Doch ist die Nation so nicht einzufangen. Wir werden uns neu mit der Frage nach dem Nationalen befassen und dabei auch angstfrei jene Bereiche berühren müssen, die zunächst abwegig und auch ein wenig unappetitlich erscheinen.

Wesentlich ist, daß es uns gelingt, Diskurse aufzubrechen, gesellschaftsfähig zu machen, weniger zu tabuisieren und offener zu gestalten, auch auf die Gefahr hin, gelegentlich „feindliches“ Terrain zu betreten und uns auch dort durchsetzen zu müssen. So schön Bekenntnisse zu den „Vereinigten Staaten von Europa“ sind, so sehr dies als Utopie an einem doch noch fern erscheinenden Horizont wünschenswert wäre – noch ist das Konstrukt „Nation“ nicht überwunden und es ist doch zweifelhaft, ob dies in absehbarer Zeit so geschehen wird. Doch macht es keinen Sinn, einen solch wirkmächtigen Begriff, nicht nur historisch betrachtet, schlicht auszuschließen oder als Gegenstand zu diskreditieren; ganz im Gegenteil sollte auch die Linke ebenso wie die pluralistische, freiheitliche Gesellschaft generell, unvoreingenommener damit umgehen, eigene Ideen und Vorstellungen entwickeln und die „Nation“ so aus der Schmuddelecke der Deutschtümelnden, Völkischen, Ewiggestrigen herausführen und in einem neuen, auch positiven Bezugsrahmen setzen, wo sie ihre eigene, auch der Zukunft zugewandte Erzählung, die auch die Schattenseiten mit einbezieht und sich nicht geschichtsvergessen an sich selbst berauscht, entwickeln kann.
Profile Image for Simon Nürnberger.
3 reviews
November 2, 2021
Aleida Assmann tritt dafür ein den Begriff ‚Nation‘ neu zu besetzen, denn der sei im Gegenteil zum
Nationalismus, in sich neutral. Die Nation als Konzept ist nicht verschwunden, sowie es einige
prophezeit und oder sich gewünscht hatten. Und viele, gerade Intellektuelle scheuten sich den
Begriff überhaupt in den Mund zu nehmen. Allerdings erleben wir gerade, wie die Rechten
versuchen dieses Thema für sich zu vereinnahmen.
Um dem zu begegnen, analysiert Assmann unterschiedliche Narrative, die über Deutschland erzählt
werden und macht klar, es gibt deutlich negative und schädliche Erzählung über unser Land, aber es
gibt auch positive, inklusive und offene. Dabei ist es der Autorin wichtig immer wieder die
Geschichte genau zu betrachten, um diese Narrative zu verstehen und gemeinsam neue
auszuhandeln. Das geht nur, wenn wir für einen Gemeinsinn bereit sind, eine Solidarität, ein Gefühl
für das gemeinsame Projekt der Menschen in Deutschland. Oft berühren sich die Geschichten der
Menschen an bestimmten Stellen, werden aber unterschiedlich erzählt. Um einen Zusammenhalt zu
entwickeln, der alle trägt, müssen wir uns auf diese Gespräche einlassen. Dann kann das Projekt der
deutschen Nation positiv in die Zukunft wirken.
This entire review has been hidden because of spoilers.
Profile Image for Martin.
190 reviews3 followers
December 13, 2025
Die Autorin vertritt die These, dass der Begriff der Nation heute weitgehend von rechten politischen Kräften besetzt sei, weil linke und liberale Milieus ihn seit Langem meiden. Dadurch hätten sie, so Assmann, die Möglichkeit verspielt, den Nationsbegriff positiv und zeitgemäß zu deuten.

Nation versteht sie dabei als ein Gebilde, das sich wesentlich aus Narrativen speist: aus gemeinsamer Geschichte, Kultur und Erinnerung, die teils real, teils konstruiert sind. Dieses kollektive Gedächtnis soll nach Assmanns Vorstellung dialogisch sein, also nicht nur heroische, sondern auch traumatische Erfahrungen einschließen und ausdrücklich auch die Perspektiven von Minderheiten berücksichtigen.

Um den Begriff von seinem nationalistischen, militanten Beiklang zu lösen, schlägt sie die Idee einer „zivilen Nation“ vor: demokratisch, rechtsstaatlich, ethnisch vielfältig und offen für Migration. Der Nation komme dabei nach wie vor eine zentrale Rolle als politisches Macht- und Solidargefüge zu. Den Verfassungspatriotismus im Sinne Jürgen Habermas’ hält Assmann dagegen für unzureichend, da er aus ihrer Sicht keine vergleichbare Bindekraft entfalte.

Mich hat dieser zentrale Gedanke einer „zivilen Nation“ jedoch nicht überzeugt. Der Nationsbegriff ist historisch stark vorgeprägt, und ihn lediglich neu zu etikettieren, macht ihn aus meiner Sicht nicht unproblematischer. Wer sich bewusst als Teil einer Nation versteht oder verstehen soll, wird sich schwer tun, dieses Zugehörigkeitsgefühl gleichzeitig konsequent offen, plural und multikulturell zu denken. Der Begriff der Nation bringt strukturell ein „Wir“ hervor, das sich von „den Anderen“ abgrenzt. Ob und wie sich diese Logik dauerhaft überwinden lässt, erscheint mir zumindest fraglich. Auch weniger skeptische Kritiker als ich haben darauf hingewiesen, dass Assmann offenlässt, wie eine solche zivile Nation praktisch funktionieren soll.

Ich selbst neige im Gegenteil eher dem Verfassungspatriotismus zu, wenn nicht sogar einem kosmopolitischen Ansatz. Warum sollte man den Begriff der Nation nicht hinter sich lassen und stattdessen den Staat als bestehende politische Organisationsform ernst nehmen – einen Staat, der alle Menschen auf seinem Territorium möglichst gleichberechtigt behandelt, unabhängig von Herkunft, Religion oder Aufenthaltsstatus? Damit meine ich ausdrücklich auch Migranten, Asylsuchende, Geduldete und Flüchtlinge – historisch ebenso wie gegenwärtig: von den Hugenotten des 17. Jahrhunderts über die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zu den Arbeitsmigranten aus der Türkei oder Geflüchteten aus Syrien oder Ukraine.

Vielleicht genügt es bereits, konsequent von Staaten statt von Nationen zu sprechen. Denn mit dem Nationsbegriff ist der Nationalismus nie weit – und wohin dieser führen kann, lässt sich derzeit auf beunruhigende Weise wieder beobachten.

Rating: 2/5
Sprache gelesen: Deutsch
Gelesen im Jahr: 2025
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