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Deutschland dritter Klasse: Leben in der Unterschicht

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Viel ist geredet worden über das "abgehängte Prekariat", die "neue Armut" oder die Unterschicht. Wer dabei selten zu Wort kam, waren die Betroffenen selbst, aber auch die Helfer in der Schule, in den Ämtern, in den Familien. Dies Buch gibt diesen Menschen eine Stimme - sie selbst erzählen, wie es ist, ganz unten zu leben.

In den vergangenen Jahren hat sich eine Gruppe der "Ausgeschlossenen" gebildet - Menschen, die nicht mehr am Leben in diesem Land teilnehmen und kaum Hoffnung haben, dass dies eines Tages wieder gelingen wird. Die Autoren haben sie aufgesucht - Familie Weber und die Schüler der Förderschule in Wattenscheid; Heidemarie Danzer, die Menübotin in Berlin, die arm ist, obwohl sie arbeitet; die Mitarbeiter und "Kunden" des reformierten Arbeitsamtes Hagen und die Insassen im Jugendarrest in Wetter an der Ruhr. Neuste Zahlen und Fakten ergänzen die Geschichten und stellen sie in einen größeren Zusammenhang. Ein brisantes Buch über die soziale Schieflage in Deutschland.

207 pages, Paperback

First published January 1, 2009

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Julia Friedrichs

10 books18 followers

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Profile Image for Jan-Maat.
1,719 reviews2,602 followers
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July 16, 2018
This is one of my collection of books bought at airports, I was travelling, but was naturally compelled to slip into the newsagent to peruse the available books, selected this one, presumably on the basis that a sad tale is best for travelling by 'plane, in the hope that the contrast might take my mind off the proceedings. None of which has anything much to do with the content of the book.

In which book the authors build up from interviews with individuals each who exemplifies a different aspect of life in the 'underclass', it does feel rather uncomfortable that the authors use the term uncritically from the title on, but then when you are at the bottom, that's certainly how if can feel. So among others there are the children brought up by unemployed parents in a de-industrialised / post-industrial Rhineland city, a woman delivering meals on wheels in Berlin and a man doing skilled factory work through an employment agency. The title and the notion is more than a little uncomfortable and clumsy, I mean one might conceive as class as fairly fixed, chances to ascend or descend are fairly limited and controlled. Whereas the lives described, although all broadly are excluded from a traditional labour market of long term full time employment with a range of defined and predictable benefits (such as the steady joy of regular hours), are all quite different, no employment is different, one feels, to bad employment and even within bad employment there are as many if not more circles than in Dante's Hell . So for example the skilled forklift truck operator is relative to the others doing well financially but of course his position is extremely precarious, and in terms of resilience one doubts he has much ability to save money, leaving him vulnerable when his car breaks down and probably not very able to help out family or friends financially, the individual condition implies less resilience in the system overall. The woman chasing her tail delivering cooked meals in her own car against a schedule to the elderly in Berlin eventually escapes to Austria, where presumably at the time of writing the conditions of the contemporary labour market had not been so far liberalised. This jump was only possible because her partner was able to accumulate enough money for them both to task the risk of life in a new country.

For the Rhinelander without work because the industries had packed up and moved on - there was no hope, the industries themselves are doing fine, just in new places from which in time they too will move on from.

The text is interspersed with references to reports which put the personal stories in the broader context. Fairly bleak reading. And now with climate change and the death of insects you can't even always rely on being able to consider the lilies in the field. Cheerful holiday reading.
Profile Image for Klaus Mattes.
858 reviews19 followers
January 14, 2025
Das ursprünglich bei Hoffmann und Campe erschienene Buch gehört der Gattung der klassischen Sozialreportagen an. Die Autoren verarbeiteten Eindrücke, die sie bei Recherchen für Sendungen des WDR während drei Jahren vor allem in NRW, Wattenscheid, Hagen, aber auch in Berlin, bei Hartz-IV-Empfänger-Familien sammeln konnten. Sie suchten ihre Gesprächspartner mehrfach auf, mit längeren Intervallen dazwischen. So wird einerseits ein überschaubares Personal mit dem Leser schnell vertrauten individuellen Zeugen vorgestellt, andererseits mit kurzen Kapiteln hin und her „geschwenkt“ zwischen den Schauplätzen, den unterschiedlichen Menschen bzw. ihren Problemlagen.

Es geht um eine ehemalige Apothekenhelferin, die in ihrem Leben einige Jahre gebummelt hat, dann nirgendwo mehr rein kam, jetzt für einen privaten Caterer Seniorenmenüs ausfährt. Pro Essen bekommt sie 0,43 Euro. Irgendwann errechnet sie, dass dies einem Stundenlohn von zirka 4 Euro brutto gleichkommt. Nach einem kurzen Monat steht sie mal mit 271 Euro Lohn da.

Es geht um technische Helfer in Fabriken. Als Leiharbeiter-Kolonne werden sie von Woche zu Woche woanders hingeschickt („Randstad, die haben immer was“), sind nach Jahren, bei Abschluss der TV-Reportage, allerdings kein Stück weiter. Nach wie vor arbeiten sie für Unternehmen, die in der Vergangenheit eigenes Personal beschäftigt hatten, arbeiten etwas unter dem halben Lohn der „Festen“, die gleich neben ihnen dieselben Tätigkeiten ausführen. Von einem, der irgendwo mal fest übernommen worden wäre, haben sie in den vergangenen drei Jahren nie was gehört.

Ähnlich geht’s den auf dem Hagener Friedhof zur Pflege von Wegen und Grabsteinen als „AGH - Arbeitsgelegenheit“ (1-€-Jobs) eingesetzten Männern mittleren Alters. Was sie tun, nimmt keinem in der Volkswirtschaft seinen ordentlichen, anständig bezahlten Arbeitsplatz weg, wird gesagt, denn solche AGH werden in Kooperation mit den Jobcentern nur als „zusätzlichen Bedarf“ eingerichtet. Der vom Gartenamt aus zuständige Beamte geht, seiner Erfahrung nach, davon aus, dass die AGH-Leute eh nur halbe Leistung bringen, oft seien sie krank oder fehlten unentschuldigt. Von einem straffälligen jungen Mann wird erzählt, er habe nach einem Tag Arbeit hingeworfen und sei später wieder in den Knast eingefahren. Andere, die noch dabei sind, sagen allerdings das, was die Menschen von der Arbeitsverwaltung gern hören: „Wir können nicht erwarten, dass nur andere immer was tun für uns. Wir müssen jetzt wieder eigene Leistung zeigen. Ich bin hier gerne.“ Dennoch kommt auch durch diese Maßnahme kein Einziger in längerfristige, sozialversicherte Arbeit hinein, die nicht vom Staat weiterhin per Aufstocken subventioniert werden müsste. Die Hartz-Reformen scheinen neue Fallen errichtet zu haben.

Wir hören von Kindern, sie stehen morgens alleine auf und gehen unbegleitet zur Schule. Ihre Eltern, Hartz-Empfänger, bleiben länger liegen. Der Tag ist auch so noch lang. In der Schule ist aufgefallen, dass zahlreiche Kinder in der ersten Stunde einschlafen, weil sie kein Frühstück hatten. Darum hat man sogenannte Arbeitsteams geschaffen, die morgens und mittags in den Eckstunden zusammen einkaufen gehen, Mahlzeiten zubereiten und etwas essen. Gekauft werden nur billige Waren und nach einem bestimmten Schlüssel den betroffenen Eltern vom Jobcenter in Rechnung gestellt, also vom Hartz abgezogen.

Man unterhält sich mit dem Direktor einer Sonderschule, die es so, sagt er, nur in Deutschland gebe, inzwischen nennt man sie Förderschulen, hat an der Sache grundsätzlich aber nichts geändert. Sonst in der EU, sagt er, wäre üblich, dass Lernbehinderte und andere Behinderte in die normalen Klassen integriert werden, wie auch die Gesellschaft all ihre Mitglieder wahrnehmen und integrieren sollte, aber in Deutschland würden Randgruppen exkludiert. Der Mann hat durch seine Aussagen in der Wattenscheider Zeitung viele gegen sich aufgebracht. Er sagt: „Diese Kinder werden die Armut von ihren Eltern erben. Ihr ganzes restliches Leben werden diese Menschen draußen vor der Tür bleiben.“ Darum hat er einen Hartz-Mathematik-Unterricht erfunden. „Wir malen den Grundriss einer Wohnung, die vom Jobcenter wegen ihrer Größe gerade noch gefördert werden kann, und rechnen die noch mögliche Raumtemperatur anhand der aktuellen Gaspreise aus.“ In Sport werden Rückwärtsgehen und Senkrechthalten geübt. Die Kinder der Unterschicht würden zu Hause Fernsehen und Chatten im Netz lernen, aber keine Körperbeherrschung.

Wir lesen von einem älteren Mann, der früher jahrelang eine herausragende Stellung bekleidet hat. Sein Arbeitgeber ging Konkurs, nach einem Jahr Arbeitslosengeld 1, für das er in die Sozialkassen eingezahlt hatte, war er beim Hartz IV und also in der „Unterschicht“ angekommen. 559 Absagen auf Bewerbungen habe er in dieser Zeit gesammelt. Vom Jobcenter gefördert, frischt er dann sein SAP auf. Aber es ändert sich nichts, weitere Absagen, er schiebt das auf sein Lebensalter und die Konkurrenz im Arbeitsmarkt. Er schämt sich. Nach wie vor komme er mit dem Hartz-Geld nicht zurecht und erhalte heimlich von einem Sohn noch was zugesteckt. Er, der drei Kinder zu ordentlichen Erwachsenen erzogen habe, das wäre würdelos. Mittlerweile stellt der Mann die deutsche Sozialordnung in Frage. Das sei kein anständiges Land mehr.

Er denke viel darüber nach, wie sein Leben jetzt aussehen würde, wenn er seine Stelle nicht verloren hätte, und wie alles wäre, wenn es die Hartz-Reformen nie gegeben hätte. Und er hofft, dass die, die die Gesetze geschrieben haben, dies auch tun. „Das wäre wirklich schön“, sagte er. „Wenn wirklich jemand von oben sagen würde: Leute, das tut uns leid. Das war leider alles nichts. Wir müssen alles rückgängig machen oder es zumindest neu planen. Aber eigentlich glaube ich nicht, dass das noch passieren wird.“

Wir lesen von Jugendlichen, die zugeben, dass sie schwächere Kinder auf dem Schulhof drangsalieren, erpressen, ausrauben. So verschaffe man sich Respekt, wer es nicht mache, werde über kurz oder lang zu den Opfern gehören. Ein Mädchen war im Jugendgefängnis. „Der Stress zu Hause geht jetzt also wieder los. Das war ja Erholung.“

Bis sie die Danzers, das Berliner Ehepaar mit den den Menüfahrten, noch mal aufgespürt haben, müssen Jutta Friedrichs und Kollegen am Schluss erst mal lange telefonieren. Die Danzers wohnen jetzt in einer kleinen Stadt in Österreich. Fürs Serviceteam einer Autobahnraststätte hat man sie brauchen können. Mindestlohn gibt es in Österreich schon, in Deutschland befindet er sich zu dieser Zeit noch in der Debatte. Von allen, die für die Arbeit an diesem Buch besucht wurden, sind die zwei Danzers die Einzigen, die eine feste, normal bezahlte Vollzeitstelle bekommen haben.

Eine dritte Person kommt noch dazu. Das ist ein junges Mädchen, die vorher stets gesagt hatte, sie werde ihren Hauptschulabschluss schon noch schaffen, sie werde bei Kaufland eine Ausbildung bekommen (sie bekam sie nicht), ihre Mutter lebe vom Hartz, ihr werde das nicht passieren. Dass es nicht dazu kam, liegt an einem Unternehmer, der die Fernsehreportage von Friedrichs gesehen hatte und die junge Frau in seine Firma im Ruhrgebiet holte. Armutspolitik nach Gutsherrenart, wie sie sich in unseren Talk Shows immer sehr gut macht.

Ein Buch, dem man nach und nach Vertrauen schenkt. Nach Polemik sieht das nicht aus, sondern nach beharrlicher Arbeit. Ein Buch, das geeignet ist, an die Mitleidensfähigkeit zu appellieren. Allerdings kein Buch, das ökonomisch oder politisch irgendetwas neu analysieren, weiterdenken oder Lösungsstrategien anbieten würde. Hautnah am Leben und somit immer am Einzelfall. Perspektiven wird man andernorts suchen müssen.
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