Eine Vielzahl von bisher unpublizierten Texten, Bildern und Dokumenten eröffnet eine neue und unerwartete Perspektive auf das Leben und Werk Theodor W. Adornos. Von den frühen Zeugnissen aus der Kindheit, wie etwa einem bisher unbekannten Jugendtagebuch, das transkribiert und z.T. faksimiliert vorgelegt wird, über Dokumente aus seinen Studien- und Exiljahren bis hin zur Rückkehr nach Frankfurt und seiner Arbeit am Institut für Sozialforschung und an der Frankfurter Universität verfolgt der Band das Leben Adornos am Leitfaden von überaus anschaulichen, prägnanten, im besten Sinne »sprechenden« Zeugnissen. Neben einem weiteren Tagebuch aus dem Jahr 1949 finden sich zahlreiche, hier erstmals veröffentlichte Briefe, Notizen, Kompositionen, Photographien und Skizzen aus seinem Nachlaß.
Ich habe dieses Buch kostenlos bei einer Aussortierung mitnehmen können, weil ich es für eine sehr lustige Idee hielt. Ich hätte für dieses Werk niemals Geld bezahlt oder es aus eigener Kraft gekauft. Wahrscheinlich war es auch mal ziemlich teuer, die Fertigungsqualität ist sehr hoch, obwohl es "nur" ein Paperback ist.
Bunte Biographien von "Prominenten", wie erfolgreichen Bands oder "Visionären" sind mir bereits bekannt; hierbei scheint es sich um das bildungsbürgertümliche Äquivalent zu handeln. Der einzige Sinn, den ich in solchen Werken sehen kann ist eine Besessenheit des Käufers von der behandelten Person. Und offensichtlicherweise wird es auch über die Person verkauft (immerhin lautet der Titel schlicht "Adorno").
Ich finde so etwas recht unsinnig. Ich habe beispielsweise bereits die Dialektik der Aufklärung im Regal stehen, und sie wird vom physischen Format dieses Buches deutlich überragt. Auch Satz und Druck sind in diesem Suhrkamp deutlich schöner gestaltet. Es scheint so, als wenn Leser der tatsächlichen Werke solcher Autoren diese auch gerne ohne aufwendige Präsentation erwerben würden, wohingegen für diese "Monographie" (was übrigens, wie später erklärt, Unsinn ist) sich auf anderem Wege verkaufen muss: Durch Zugänglichkeit. Die nicht gerade als die erste Eigenschaft von Adornos Arbeit gilt. Es wirkt also als ob Leser/Käufer der Dialektik und diejenigen der "Bildmonographie" (auch fragwürdig) komplett verschiedenen Zielgruppen sind.
Der Grund dafür wie auch die zugänglichkeit ist offensichtlich: Es deutlich leichter, persönliche Briefe zu lesen, als vollendete akademische Werke. Ja, auch Adorno ist nicht sehr schwer zu verstehen, wenn man Auszüge aus seinen Reisetagebüchern liest, wo er darüber schreibt, wie gut er schläft, was er isst, und wen er nicht leiden kann. Hat man auf dieser Basis "Adorno" verstanden, oder etwas über ihn gelernt? Ich glaube nicht wirklich. So wie das Buch angelegt ist, verleitet es auch gerade dazu, die wenigen Abschnitte, in denen es tatsächlich einmal um theoretische/philosophische Arbeit geht, zugunsten von weiteren Reise- und Kunstbeschreibungen Adornos (die vor allem aus "herrlich", etc. bestehen), zu überlesen. Zumal Notizen, die er für sich selbst als Gedächtnisstütze geschrieben hat, für einen Leser von außen selbstverständlich vollkommen kryptisch daherkommen. Was von ihm an Texten abgedruckt wird, die weder aus Privatbriefen, noch aus Reisetagebüchern bestehen, und sich tatsächlich an mehr als eine Person wendet, ist recht interessant, dürfte aber nur ein Drittel des Buches ausmachen.
Auf der Rückseite wird "eine neue und unerwartete Perspektive auf das Leben und Werk Theodor W. Adornos" angekündigt. Neu oder unerwartet fand ich in diesem Buch aber nichts, am ehesten vielleicht noch, wie wenig man tatsächlich erfährt, und wie gering der Überblick ist, den man über Adornos Leben gewinnt. Mal ist er hier, mal ist er da, und die für den Leser interessantesten Abschnitte, seine Ausreise aus Deutschland, seine Arbeit an der Dialektik im Exil, und seine Rückkehr, sowie Arbeit in der Frankfurter Schule im allgemeinen, kommen sehr lückenhaft daher. Als Biographie also nicht wirklich zu gebrauchen.
Was ohnehin die Frage nach dem seltsamen Titel aufweist: "Eine Bildmonographie". Monographie ist sicherlich ein sehr schöner Begriff, der gleich Bildung impliziert, besonders die Vorsilbe Mono scheint sich großer Attraktivität zu erfreuen, wobei etwa im Feld der Hifi-Elektronik sicherlich niemand damit angeben würde, eine Mono-Anlage zu besitzen. Was eine Monographie aber tatsächlich bezeichnen soll, ist (1) wie es mir im Philosophiestudium eingetrichtert wurde, ein Werk von einem Autor über ein Thema. Also eine Primärquelle. Oder aber (2) ein Werk, dass einen klaren Fokus auf ein Thema setzt. Nichts davon trifft hier zu, erstmal nehmen diverseste Briefe von verschiedenen Person aus dem Umfeld Adornos große Abschnitte ein. Es gibt also nicht wirklich "einen Autor", nicht einmal Adorno.
Und auch, wie bereits ersichtlich, kein klares Thema. Stattdessen handelt es sich um ein Sammelsurium, aus dem ein Flickenteppich von Adornos Lebensgeschichte gewoben wird, der wie beschrieben sehr lückenhaft daherkommt.
Was dann noch eine "Bildmonographie" sein soll, kann ich mir wirklich nicht erklären. In dem Buch befinden sich diverse Bildern, aus diversen Quellen, von diversen Personen. Was die Sinnhaftigkeit dieser Bilder angeht: Als Adorno einmal in einem Brief von Heidegger spricht (auch nicht das erste Mal), füllt ein großes Foto von Heidegger die halbe Seite. Warum? Weiß der Leser nicht, was das sein soll, so ein "Heidegger"? Oder ist es eher so, dass Gesichter leichter zu verstehen sind, als philosophische Texte, weshalb man die Abkürzung der Abbildung verwendet und dabei dem Leser die Illusion vermitteln möchte, jetzt zu wissen, wovon hier die Rede ist? Ich fand nicht, dass ein Schwarz-Weiß-Foto von Heideggers Gesicht mehr oder weniger erklärt, als sein Auslassen. Wer sich für Heidegger interessiert, soll doch Heidegger lesen! Oder Sekundärliteratur kaufen, wovon es Massen gibt. Aber was ist dann diese "Bildmonographie" noch? Tertiärliteratur?
Wahrscheinlich war man sich bei Suhrkamp einfach zu fein dieses Werk folgendermaßen zu betiteln: "Bilderbuch Adorno: Lustiges Sammelsurium aus irgendwelchen Archiven"