Für uns modernen Menschen, die wir in einer laut Eigenauskunft aufgeklärten und liberalen Welt leben, ist das Mittelalter in der Regel zweierlei: Zum einen ein Zufluchtsort für Realitätsverdrossene oder ein Reich des Geheimnisvollen, aus dem sich viele Verfasser historischer Romane oder Gestalter von Computerspielen bedienen, zum anderen ein beliebtes Etikett, mit dem wir Meinungen und Weltanschauungen, die wir für barbarisch, zurückgeblieben oder sonstwie inakzeptabel halten, abqualifizieren können. Die mittlerweile wieder erhältliche Ausgabe von GEO-Epoche über „Das Mittelalter“ räumt mit der Vorstellung eines finsteren Mittelalters auf, ohne allerdings die grausamen und ungerechten Züge dieser Epoche zu verschweigen.
In einem einleitenden Artikel befaßt sich Cay Rademacher mit der Bedeutung des Mittelalters für unsere heutige Zeit und stellt darüber hinaus verschiedene Datierungsansätze dieses so umstrittenen Zeitalters vor.
Christoph Kucklick wirft in der Folge einen Blick auf die Bedeutung des Handels im Mittelalter, den er als eine frühe Form der Globalisierung versteht. Er veranschaulicht diese These recht überzeugend, indem er das Beispiel des italienischen Händlers Francesco Datini herausgreift und beschreibt, welch verzweigte Handelsverbindungen das Haus Datinis unterhielt und von welchen mannigfaltigen Faktoren in der Weltgeschichte dieser Kaufmann seine Entscheidungen abhängig machen mußte. Auch der soziale Wandel, der durch den Aufstieg diverser Kaufmannsdynastien mitbewirkt wurde, findet in Kucklicks Darstellung Berücksichtigung.
Ein besonders ausführlicher Artikel von Cay Rademacher beschäftigt sich mit der großen Pestwelle, die Europa in der Mitte des 14. Jahrhunderts heimsuchte. Rademacher konzentriert sich hier vor allem auf die Ereignisse in der Stadt Köln, wobei er herausarbeitet, wie die jüdische Minderheit in dieser Stadt – aber auch andernorts – als Sündenböcke für die Seuche gebrandmarkt,verfolgt und getötet wurde. Eine interessante These Rademachers besagt darüber hinaus, daß das moralische Versagen der katholischen Kirche zur Erosion des Vertrauens der Menschen in die etablierte Kirche geführt und auf lange Sicht auch zur Reformation und Glaubensspaltung Europas beigetragen habe.
Dirk Lehmann wirft einen Blick auf die politischen Verwerfungen, die durch die Machtpolitik Karls des Großen verursacht wurden, und kristallisiert dabei das Janusgesicht des Fankenreichs – Zivilisation und Bildung auf der einen, Wildnis und mangelhafte Infrastruktur auf der anderen Seite – heraus.
Ein sehr ausführliches Interview mit dem Mediävisten Prof. Kuchenbuch gibt Einblick in den Alltag der sogenannten einfachen Menschen und rückt dabei einige in historischen Romanen oder Filmen gepflegte Mißverständnisse über das Lehenswesen gerade.
Gabriele Riedle entwirft in ihrem Artikel über die Stellung der Frau im Mittelalter ein differenziertes Bild, das die Frau einerseits als Inhaberin weitreichender Rechte, andererseits als Unterworfene des Mannes – nicht zuletzt dank frauenfeindlicher religiöser Anschauungen, die damals herrschten – zeigt.
Abschließend stellt Leo Philip anhand eines Beispiels einer Gemeinde in den Pyrenäen dar, wie die Inquisition das Leben vieler Menschen zerstört hat. Seine Darstellung läßt auch Rückschlüsse darüber zu, auf welche Weise diese unmenschliche Institution von weltlichen, vor allem aber kirchlichen Instanzen als Macht- und Karriereinstrument mißbraucht worden ist.
Als besonders aufschlußreich empfand ich an dieser Ausgabe von GEO-Epoche die Anzahl von Artikeln, die sich mit dem Verhältnis der Gegenwart zum Mittelalter beschäftigen, etwa mit den Internetforen, in denen Rollenspielfans durch eine pseudomittelalterliche Welt schweifen, oder über eingefleischte Mittelalterfreaks, die Rüstungen für sich in Auftrag geben, um dann Kämpfe nachzuspielen. Ein wenig befremdlich fand ich den Ausspruch eines dieser Menschen, im Mittelalter habe jedermann gewußt, wo sein Platz in der Gesellschaft gewesen sei. Generationenlang hat man für Freiheit gekämpft, und dann ergeht man sich in kruder Sozialromantik ...
Insgesamt halte ich dieses Heft für eine besonders gelungene Ausgabe, unter anderem auch wegen des Campus-Features (kurze Überblicke über aktuelle Fragen der Forschung), das in späteren Ausgaben allerdings aufgegeben wurde.
Eins der frühesten Hefte, wo man noch versucht hat, mit "peppigen" Artikeln und Reportagen aus der Mittelalterszene zu punkten. Es fehlt auch die Zeitleiste am Schluß, die ich bei den späteren Heften so schätze.