SPONTANE IMPULSE [fortlaufender Posten]:
Was ist ein Roman? Die Langform der schriftlichen Erzählung. Aha. Was ist eine Erzählung? Die Wiedergabe oder Erfindung eines Ereignisses / eines Geschehens als mediennabhängige Darstellung (schriftlich, mündlich, bildlich, etc). Häufig in verdichteter Form. Aha.
Ist dies alles so schwer zu verstehen? Scheinbar. Denn die Verlegerinnen und Verleger dieser Tage scheinen diese Basics nicht mehr zu kennen oder sie ganz bewusst zu ignorieren. Natürlich ist das Spektrum dessen, was ein Roman ist, recht breit: Es gibt solche, übervoll reich an Wendungen, Konflikten, Überraschungen und tiefschürfenden Psychologien, welche die menschliche Natur an die Grenze des Vorstellbaren drängen; dann gibt es wiederum solche handlungsarme, sprachspielerisch-experimentelle, gedankenreiche und die Kunst des Wortes feiernde... Soweit zur vereinfachten klassischen Kartographierung literarischer Stoßrichtungen.
Mir scheint, das es heutigentags sogar eine neue Art des Romans gibt: Ein Werk, das aus losen Beobachtungen, Anschauungen, Beschreibungen und Gedanken besteht UND um welche herum dann künstlich eine Narration angeordnet wird - völlig gleich, ob Sinn und Berechtigung vorliegen, diese zu erzählen...
Schade, schade, schade. Denn "Boum" ist genauso ein Machwerk. Das Werk einer Autorin, die scheinbar einfach einen Roman geschrieben hat, weil sie einen Roman schreiben wollte. Und nicht etwa, weil sie etwas zu sagen, etwas auszudrücken hätte.
Umso bitterer, ja verbittert-wehmütiger fällt mein Urteil aus, da ich Frau Eckhart als Kabarettistin und Person des öffentlichen Lebens sehr schätze (ja, zu Teilen sogar bewundere)! Was im Kontext einer 15-60 minütigen Performance grandios funktioniert, scheitert hier im Falle von "Boum" beileibe auf ganzer Linie: Trotz teilweiser amüsanter Sprachspiele dümpelt alles an diesem Buch in einem Morast der Überflüssigkeit und Langeweile herum. Die Figuren sind flach, ja nahezu kindisch charakterisiert (schlimmer noch: Lisa Eckhart schafft es nicht über die bloße Charakterisierung hinaus - zu der ja bereits Kinder fähig sind -, menschlich nachvollziehbare Charaktere zu kreiieren), der rote Faden nicht erkennbar, die Verknüpfung der einzelnen Segmente und Handlungsebenen bröckelig, aufgeblasen, gekünstelt, wie auch ästhetisch selbstgerecht und bis zum Schluss ist nicht erkennbar, warum dieses Buch existiert, existieren soll; einzig aus der Tatsache, dass Lisa-Eckhart-Fans existieren, speist dieses Produkt seine Daseinsberechtigung...
Was bleibt? Neben der riesengroßen Enttäuschung lediglich die Erkenntnis, dass ein unbekannter Debütautor solch einen "Roman" niemals zum Druck hätte bringen können, aber solange der Markt Menschen zu Marken macht, Sturgeons Gesetz mit einer noch viel größeren Brutalität zurückschlägt...