Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge, die Dame mit dem Hermelin, Frauen auf weltberühmten Gemälden von Leonardo da Vinci, Vermeer, Rembrandt, Courbet, Schiele, Munch. Wir sehen ihre Körper, ihre Blicke, ihre Kleidung, gebannt oder verbannt in einen ewigen Augenblick.
Doch wer waren sie außerhalb dieses Moments? Martina Clavadetscher ist den Hinweisen ihres Lebens nachgegangen, lässt die Frauen erzählen und gibt ihnen so eine Stimme zurück.
»Ohne diese Frauen, gäbe es kein Staunen, kein Schauen – mehr noch, ohne diese Frauen wäre die Kunstgeschichte, so wie wir sie heute kennen, undenkbar. Diese Frauen waren immer auch Mitarbeiterinnen, Künstlerinnen, Unterstützerinnen, Auslöser, ein Spiegel der Zeit, Ikonen, Inspiration, Partnerinnen, Retterinnen.« Martina Clavadetscher
"Vor aller Augen" hat mir regelmässig Gänsehaut eingebracht, mich lächeln und sogar weinen lassen. Es hat mich auf tiefster Ebene berührt und leistet meiner Meinung nach einen wichtigen Beitrag für eine feministischere Welt. Martina Clavadetschers Schreibstil passt perfekt zu den Gemälden, da er sich in seiner Art wie ein zarter Pinselstrich anfühlt, der die Realität dennoch nüchtern auf das Papier überträgt. Ich kann die Lektüre dieses Buches wärmstens empfehlen.
Das war mal wieder nötig. Ich musste und wollte mal wieder ein Buch verschlingen, so richtig ganz mit Haut und Haar, es nicht mehr weglegen wollen, zu lange wach bleiben; immer darauf warten, dass ich endlich weiterlesen kann. Martina Clavadetscher hat's geschafft - Martina Clavadetscher als Sprachrohr für all die Frauen, die seit Jahrzehnten, seit Jahrhunderten angeschaut werden, betrachtet als Meisterwerke vornehmlich männlicher Künstler, nie als Personen mit eigenem Leben, Können, eingenem Namen.
Wer sind sie, all die Frauen? Wen haben Schiele, Gaugin, Courbet, van Gogh, Manet, Delacroix gemalt? Und warum? "Vor aller Augen" erweckt sie zum Leben, die sonst Stummen, und lässt sie aus ihrem Leben erzählen. Was entsteht, ist eine wunderbare Sammlung kurzer Texte zu beeindruckenden Persönlichkeiten, die die Geschichte einfach achtlos vergessen hat.
Wunderbar lesbar, kurzweilig, und trotzdem so wichtig - 5/5 Sternen und eine warme Empfehlung von mir für euch.
Eine tolle Idee, wie ich finde - auch wenn anmassend, was die Autorin im Nachwort ganz offen zugibt.
Tolle Figuren, die Martina Clavadetscher entstehen lässt.
Besonders gefallen hat mir die Erzählung der "La Berceuse" - eine Mutter, die im selben Dorf wie Vincent Van Gogh und Paul Cézanne gelebt haben soll und die Streitigkeiten, als immer wieder zu schlichten versuchende Vermittlerin, miterlebte.
Ein Zitat einer anderen Figur, das mir besonders gefällt:
'Aber ich zeichnete nicht wegen ihm. Ich zeichnete für mich.'
Einzelne Kurzgeschichten, welche die Situation oder das Leben der auf den Gemälden abgebildeten Frauen erzählen. Leider sind manche Geschichten sehr wirr erzählt, sodass ich nicht an die Frau herankam, sie nicht fassen und verstehen konnte, was doch eigentlich Ziel des Buchs ist: Den Frauen auf dem Bild eine Stimme zu geben. Leider leider steht außerdem mehrmals eine toxische Liebe im Vordergrund, die fast das einzige Merkmal dieser Frauen ist und ohne die sie nicht leben können. Mein feministisches Herz hat geblutet und stellenweise haben mich manche Texte wirklich wütend gemacht.
Martina Clavadetscher gibt in “Vor allen Augen” den Frauen eine Stimme, die wir sonst nur von Gemälden kennen. Neunzehn Kunstwerke hat die Autorin ausgesucht - (ich persönlich habe die Mehrheit der Bilder zum ersten Mal gesehen) - und hat sich Gedanken darüber gemacht, was hinter der porträtierten Frauen stecken könnte. Dabei vermischen sich Fakt und Fiktion.
Basiert das nun wirklich auf der Wahrheit oder ist das eine Idee der Autorin?
Diese Frage habe ich mir beim Lesen mehrere Male gestellt. Um eine Antwort auf meine Frage zu erhalten, müsste ich eigene Recherche betreiben, doch bei neunzehn Gemälden ist das schon viel Aufwand und die Zeit habe ich gerade nicht… deshalb hätte ich mir gewünscht, dass im Nachwort noch mehr darauf eingegangen wäre, was Fakt und Fiktion ist.
Jede der Geschichten ist anders, auch was die Form betrifft. Clavadetscher hat literarisch herumexperimentiert und das ist ihr sicherlich gelungen. Die einzelnen Texte sind stark - und trotzdem muss ich leider sagen, dass mir Vieles nicht in Erinnerung geblieben ist. Bei einigen der Kurzgeschichten weiss ich auch gar nicht mehr, worum es denn nun gegangen ist. Es sind nur noch Bruchstücke übrig geblieben.
“Vor aller Augen” würde ich all denen empfehlen, die sich für Kunst interessieren und für Literatur (weil es eben ein interessant geschriebenes Werk ist!). Das Buch macht auch ein schönes Geschenk her. All die Gemälde wurden abgedruckt, was mich überrascht hat, als ich das Buch aufgeschlagen habe.
"Er war anders, weil er mich anders fühlen liess. Für ihn war ich einzigartig, also liess ich mich nur noch von ihm malen. Ich war das Gesicht, nach dem er gesucht hatte, seine Statue, seine Fläche, war die pupillenlose Frau, war lang, schmal, war das, was er in mir sag. Und so wollte ich für ihn sein."
Ein geniales Buch, poetisch-virtuos und so berührend wie kraftvoll in der Botschaft. Ich denke wirklich, Clavadetscher brilliert in der Kurzform besonders!
A brilliant book, poetic at its finest and moving as well as powerful in its message. I really think the short form is Clavadetscher at her strongest!
was für wunderbare (verschollene) künstlerinnen ich kennen gelernt habe! eine perfekte mischung für mich als kunst-, literatur- und feminismusinteressierte. sicher bleiben einige inspirationen hängen, gerade auch weil nicht geklärt ist was fiktion und belegte quellen sind. im übrigen habe ich vor der lektüre das theaterstück im theater Winkelwiese im Zürich gesehen, das war schon eine wucht.
„Ich bin das geschliffene Messer, das über dem zarten Hals wartet, bin Zischen des Fallschwertes, bin die Trennung von Haut und Muskeln und Genick, bin der Korb, in dem der gekämmte, frisierte Kopf verschwindet, ich bin der Boden, in dem das Blut versickert. Ich bin die Stille danach.“
„Mein Hauptanliegen war es, diese omnipräsent gewordenen Frauen vom Fluch der reinen Körperlichkeit zu befreien. Ich wollte sie beim Namen nennen, ihnen eine Geschichte und vor allem eine Stimme geben.“
Auf der einen Seite ist das Buch informativ, da über echte Gemälde und echte Frauen geschrieben wird, andererseits sind die Geschichten, die um die Personen herum gesponnen werden fiktiv und machen das Ganze dadurch erst so richtig spannend
»Die ehrlichste Schöpfung. Die Schöpfung, die niemand sehen durfte, weil sie offen aussprach, woher alle kamen. Oder wohin alle wollten. Eine mächtige Schöpfung, weil sie allein durch ihr Daliegen so viele Männer kränkte, sie in ihrem Stolz verletzte, weil sie erkannten, dass das Leben nie aus ihrer Quelle auftauchen wird.« (Gustave Courbet, ›L’Origine du monde‹, 1866 [NSFW])
Eine "lustvolle Grenzüberschreitung", die Clavadetscher lieber mal gelassen hätte.
Auf der Webseite von Martina Clavadetscher steht, sie gebe den abgebildeten Frauen in Vor Aller Augen „eine Stimme zurück“. Als eine Art Befreierin oder Erlöserin dieser „verstummten“ Frauen, wird Martina Clavadetscher gelobt, dieses „feministische Projekt“ angegangen zu sein. Im Nachwort scheint die Autorin dann aber einzusehen, dass es „durchaus dreist [sei], die Perspektive einer Frauenfigur einzunehmen, die [sie] aus persönlicher Erfahrung möglicherweise nicht haben kann“ (S. 230). Rechtfertigen tut sich die Autorin mit der „Anmaßung der Fiktion“ und der Definition der Literatur als „lustvolle Grenzüberschreitung“. Trotz dieser Bedenken entscheidet sich Clavadetscher „diese Leben trotzdem zu erzählen,“ denn das gehöre zur „wunderbaren Arbeit einer Autorin“. Obwohl die Autorin einen wichtigen Punkt anspricht, nämlich dass ihre persönlichen Erfahrungen begrenzt sind, überschreitet sie diese Grenze dennoch.
Vor allem bei den beiden Geschichten der „Madeleine“ (S. 70) und der „Tevahine“ (S. 154) überschreitet Clavadetscher eine zentrale Grenze: Die der Hautfarbe. In beiden Geschichten schreibt sie als weiße Frau in der Perspektive der beiden nicht-weißen Frauen. Was die Autorin als „lustvolle Grenzüberschreitung“ beschreibt ist eine Projizierung ihrer Erfahrungen als eine privilegierte Frau, in diesen beiden Fällen das Privileg ihrer Hautfarbe, auf Frauen, die dieses Privileg eben nicht genießen. Dabei „behauptet“ sie, wie sie es selbst im Nachwort nennt, diese Perspektive angemessen wiedergeben zu können . Die Diskriminierung gegen Frauen wird so auf das Geschlecht reduziert, die Art von Geschlechterdiskriminierung, die weiße Frauen eben kennen. Doch die Diskriminierung geht eben über diese westliche Definition der Frauendiskriminierung.
Während weiße Frauen wie Clavadetscher spezifisch mit der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts konfrontiert sind, kommen bei nicht-weißen, oder nicht-westlichen, Frauen Aspekte wie Rassismus noch obendrauf. Nicht-weiße Frauen erleben eine gewisse Doppel-Diskriminierung, die Clavadetscher eben nicht verstehen kann, möge sie so viel recherchieren oder hinzudichten, wie sie will. Aber trotzdem nimmt sich die Autorin das Recht, was von ihr durch die Anmaßung und dadurch, dass die Dichtkunst sowieso „immer Einbildung“ ist, begründet wird.
Für sie als Autorin möge die Perspektive einer nicht-weißen Frau reine Fiktion und Imagination sein, doch für viele Frauen ist es die Realität. Sie überschreitet eine Grenze, die sie als weiße Frau nicht zu überschreiten hat . Sie kann sich möglicherweise zusammenreimen, wie es sich anfühlen könnte, in der westlichen Welt eine nicht-weiße Frau zu sein, sie wird es aber schlichtweg nie verstehen und fühlen können . Den gewünschten Effekt des „Frauen eine Stimme zurückgeben“ hätte sie wahrscheinlich mit einem kunsthistorischen Buch besser erreicht, ohne die Grenze zu überschreiten und auch ihre Plattform hätte sie nutzen können, um nicht-weiße Frauen tatsächlich reden zu lassen, beispielsweise durch Co-Autorschaft, ohne ihnen Worte durch ihre eigene Perspektive in den Mund zu legen .