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Mittelmäßiges Heimweh

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Herr Rotmund hat sich in seinem beschädigten Leben halbwegs eingerichtet -- und das im wahrsten Sinne des Wortes. Halbwegs hat sich der 43-jährige Protagonist und Ich-Erzähler aus Wilhelm Genazinos Roman Mittelmäßiges Heimweh von Frau und Kind getrennt, es geht ihm halbwegs gut und halbwegs schlecht. Halbwegs leidet er am Dasein und dann doch eigentlich auch wieder nicht. Alles ist Mittelmaß in seinem Leben. Wenn er sich freut, dann nur „ein bisschen“. Wenn er sich grämt, dann nur „ein bisschen“. Das fehlende Andere reicht, um immer mehr aus dem Alltag ins Nichts völliger Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.

Auch dieses Verschwinden hat Genazino auf eindrückliche und eindringliche Weise sichtbar gemacht. Denn die einzigen Momente, die als schärfe Kanten aus dem Meer an Mittelmaß herausragen, sind jene, wo Herrn Rotmund ein Körperteil abhanden kommt. „Plötzlich sehe ich unter einem der vorderen Tische ein Ohr von mir liegen“, heißt es an einer Stelle, an einer anderen verliert er im Schwimmbad einen Zeh. Für Rotmund ist dies allerdings kein Grund, die Signale zu verstehen. Er umschifft die Klippen, um dann wieder zur Normalität zurückzukehren. Hatte der Verlust von Körperteilen in der Aufklärung -- etwa in Voltaires Candide oder in Johann Carl Wezels Belphegor -- die Funktion, den Pessimismus augenfällig zu berechtigen, verweist er in Mittelmäßiges Heimweh nicht mehr auf die Schlechtigkeit der Welt. Erkenntnisse sind Herrn Rotmund nicht vergönnt. Er löst sich einfach auf.

Mittelmäßiges Heimweh ist traurig. Es zeigt einen Helden, der haltlos durch die Wirklichkeit torkelt und dabei an Seele und Körper Schaden nimmt, ohne es zu merken. Das alles ist grandios beschrieben und zu lesen ein Genuss. Denn Genazino ist ein ganz Großer in der deutschen Literatur, mit einem seismographischen Gespür für (nicht nur) deutsche Befindlichkeiten. Hierfür ist Mittelmäßiges Heimweh ein weiterer Beweis. -- Thomas Köster, literaturanzeiger.de

189 pages, Hardcover

First published January 1, 2007

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About the author

Wilhelm Genazino

47 books125 followers
Wilhelm Genazino was a German journalist and author.

In the 1960s, he studied German, philosophy and sociology at Johann Wolfgang Goethe University in Frankfurt am Main. He worked as a journalist until 1965. During this time, he worked, inter alia, for the satirical magazine Pardon and co-edited the magazine Lesezeichen. Since 1970 he has been working as a freelance author. In 1977 he achieved a breakthrough as a serious writer with his trilogy "Abschaffel". In 1990 he became a member of the Academy for Language and Poetry in Darmstadt. After living in Heidelberg for a long time, Genazino moved to Frankfurt in 2004. That same year he was awarded the Georg Büchner Prize, the most prestigious award for German literature.

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4 stars
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18 (15%)
1 star
6 (5%)
Displaying 1 - 7 of 7 reviews
Profile Image for Anna Carina.
704 reviews390 followers
October 10, 2023
Gegen Ende des Buches beobachtet er eine Nachbarin, die an der Unterwäsche ihrer Kinder schnüffelt, um abzuschätzen, ob diese in die Wäsche muss oder noch nicht ganz so arg müffelt und nochmal getragen werden kann.
Der Protagonist wünscht sich, dass sie auch an ihm schnüffelt, um festzustellen, dass er noch fürs Leben taugt.
Das ist irgendwie Sinnbild fürs ganze Buch.
Etwas stinkig, miefig, aber noch nicht so arg, als müsse man das Buch auslüften. Ja, irgendwie häufig unangemessen in den Bemerkungen. Immer einen Halbton daneben, aber irgendwie auch geistreich und pointiert.
Irgendwie nen Strombergabklatsch, ein Heinz Strunk im Sparmodus, eine Banalität mit Schieflage.
Ein mittelmäßiger, felationierender Rohrkrepierer, der gelegentlich den Raketenantrieb findet.

Ich hab keine Ahnung ob ich davon mehr brauche.
Wahrscheinlich nicht….
Profile Image for Childerich III.
53 reviews5 followers
February 19, 2017
Das war mein erster Genazino, und seitdem hat er mich nicht mehr losgelassen. Genazino schafft es immer wieder, die kleinen Nuancen der Wirklichkeit abzubilden und dabei die Tragik des sogenannten modernen Menschen zu spiegeln. Vor einigen Jahren hatte ich einmal das Glück, mit ihm ein Interview zu führen und war von der Weisheit dieses Mannes am Ende des Gesprächs tief beeindruckt. Diese zeigt sich meiner Meinung nach in diesem Buch am deutlichsten.
8 reviews
June 27, 2021
Nur ungern gebe ich diesem Buch 2 von 5 Sternen, denn es fühlt sich ein wenig so an, als würde ich damit dem Protagonisten der Geschichte, Dieter Rotmund, in den Rücken fallen.
Und der hat es doch schon schwer genug im Leben: Seine Ehe steht kurz vor dem Ende, mit den Kolleginnen und Kollegen im Büro mag er keinen echten Kontakt aufbauen und zu allem Überfluss verliert er nun auch noch ein Ohr.
Damit scheint er sich aber vorerst recht gut zu arrangieren, und so folgen wir ihm, wie er sich durch seinen Alltag wurstelt und still vor sich hinleidet, bei Besuchen seiner Noch-Frau, beim Einkaufen, beim Sex. Das ist so absurd wie nachvollziehbar, aber leider äusserst quälend zu lesen.
Dafür ist Herr Rotmund ein genauer Beobachter seiner Umgebung: Ein Kind, das einen Hund sein Eis essen lässt, Menschen mit leeren Rucksäcken, die Falten im Ausschnitt einer Mitarbeiterin. Diese kleinen Alltagsbeobachtungen waren für mich denn der interessanteste Teil der Geschichte. Was sein Innenleben betrifft, scheint er dagegen geradezu blind zu sein. Zwar sinniert er ausgiebig über seine Situation, kommt aber zu keinem Ergebnis. Die Geschichte hat denn auch kein Ende im üblichen Sinne, sie hört irgendwie einfach mal auf. So hätte ich z.B. gedacht, dass . Aber das würde nicht in die Geschichte passen, die beschreibt, wie gerade kleine, alltägliche Rückschläge, Demütigungen und Unzulänglichkeiten einem zusetzen. Das wahre Leben ist ja keine Geschichte mit dramatischen Wendungen und garantierter Charakterentwicklung. Das Gefühl von Mittelmässigkeit wird dadurch also zwar treffend unterstrichen, dies leider aber zu Ungunsten des Leseerlebnisses.
Profile Image for Regina.
94 reviews11 followers
May 20, 2018
Es hat mich ein bisschen an Handke (die detailreiche Schilderung von alltäglichen Dingen) und ein bisschen an Kafka (speziell "Die Wandlung"- die surrealistischen Elemente, wenn auch bei Genazino wesentlich weniger krass ausgeprägt) erinnert, ist aber weniger grausam als die beiden, die Personen und ihr Leben sind zwar irgendwie deprimierend, aber letztlich eigentlich nur deshalb, weil ihre Lebensführung schon außergewöhnlich langweilig ist, wobei der Verlust des Ohrs eigentlich nicht wirklich Einfluss auf das Leben des Ich-Erzählers hat.
Interessant ist, dass der Autor einen Mann seiner Generation zu beschreiben scheint- den Beziehungsmustern nach zu schließen - , obwohl der Roman (wenn ich das richtig interpretiere) 2007 erschienen ist und der Ich -Erzähler 43 Jahre alt ist.
Profile Image for Chris.
403 reviews1 follower
October 2, 2020
"Ein mittelmäßige Geschichte" wäre ein immer noch zu wohlwollender Titel für diesen Mist.
Die ersten zehn, vielleicht 20 Seiten trägt die Geschichte dass der Protagonist sein Ohr verliert und es in der Kneipe liegen lässt. Aus dem später verlorenen Zeh oder seinem Traum am Ende der Story aber surreale Züge zu unterstellen ist absolut lächerlich. Die Geschichte hat keinen Spannungsbogen und seine ach so tollen Beobachten sind pures Mittelmaß.
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