"Ich will nicht reden, ich will Nähe, Vaternähe. Ich will Vertrautheit, ich will Selbstverständlichkeit, ein gelassenes Beieinandersein ohne Druck auf der Brust, ohne ein Ziehen im Bauch, ohne die Stimme im Ohr, die einen Makel darin sieht, Versagen, Gefühlskälte, Gleichgültigkeit." - Dilek Güngör, "Vater und ich"
Als ihre Mutter gemeinsam mit drei Freundinnen zu einer Wellness-Woche verreist, nutzt Ipek die Gelegenheit, drei Tage alleine mit ihrem Vater zu verbringen - ohne die Mutter, die sonst als Puffer zwischen den beiden dient. Denn wo früher gemeinsames Lachen und Scherze die Regel waren, herrscht heute nur noch unangenehmes Schweigen. Ipek hat vor, diese Fremde, die zwischen ihr und ihrem Vater herrscht, in den Tagen allein mit ihm zu überbrücken - doch kann ihr das nach so langer Zeit der Stille gelingen?
Auf gerade einmal 100 Seiten zeichnet Dilek Güngör in "Vater und ich" ein berührendes Bild einer komplizierten Vater-Tochter-Beziehung, in der die gemeinsame Sprache verloren gegangen zu sein scheint. Die Autorin spickt ihr Buch dabei mit vielen sehr, sehr schönen Sätzen - und belässt es thematisch auch nicht nur bei der Beziehung zwischen Vater und Tochter, sondern flicht in die Familiengeschichte auch deren Hintergründe mit ein. Ipeks Vater kam in den 70er Jahren als sogenannter Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Sowohl die Tochter, als auch der Vater haben mit Fragen bezüglich ihrer Identität zu kämpfen, auch Integration und Rassismus spielen eine Rolle - beispielsweise behauptet Ipek in der Schule, dass sie kein Türkisch könne, um sich vor Vorurteilen zu schützen. Dieses Motiv der fehlenden Sprache sowohl zwischen Vater und Tochter, als auch in der Gesellschaft fand ich besonders gut umgesetzt.
Dilek Güngör hat mich mit ihrem Roman bewegt und aufgewühlt. Ich mochte ihren Stil, ich mochte ihre Figuren - und hätte sie gerne noch so viel länger begleitet, als nur diese 100 Seiten. Der Geschichte fehlt es an nichts, nur würde ich unglaublich gerne erfahren, was nach diesen drei Tagen passiert ist und genauer in die Zeit davor eintauchen. So lag in dieser Kürze zwar viel Gefühl, das jedoch durch Länge noch hätte intensiviert werden können. Nichts desto trotz finde ich es ganz wunderbar, dass ich "Vater und ich" durch die Nominierung für den Deutschen Buchpreis für mich entdecken durfte.