Ein fester Glaube an die Allbeseeltheit der Erscheinungen und die Kontaktaufnahme zu Geistern bilden seit jeher die spirituelle Grundlage der indigenen Völker Nordamerikas. Dieser fachkundig zusammengestellte Band umfasst authentische Prosatexte, Gedichte und die überlieferte Weisheit von Häuptlingen, Medizinmännern und anderen Angehörigen zahlreicher Indianerstämme. Die Schriften der Apachen und Zuñi, der Sioux, Inuit und Cherokee vermitteln Respekt vor der Umwelt und ein Bewusstsein vom Leben im Einklang mit der Natur.
Es ist faszinierend und auffallend, wie die Ureinwohner Amerika's mit ihren Mythen, Liedern, Gebeten und Legenden zuweilen so viel mehr Vernunft und Erkenntnisse aus der Natur offenbart haben, als die "zivilisierten" Nationen Europa's. Dieses Buch bietet eine sehr schöne Ansammlung ihrer Weltvorstellungen aller Art an und ist eine schöne Ergänzung historischer Bücher, die ich über sie gelesen habe. Das Genozid an den Ureinwohnern ist eine Schande, wobei dieser Begriff nicht mal deutlich genug zum Ausdruck bringt, was alles dadurch verloren gegangen ist und was wir hätten durch sie lernen können.
Auch ist es faszinierend zu lesen, wie manche Völker die Naturphänomene mit Mythen treffender erklären konnten, als die vom Christentum unterjochten Völker Europa's es teilweise nicht mal heute können und wie schnell sie das Wesen und die Traditionen des Christentums als schädlich und idiotisch erkannt haben. "Wie sie sich an die Versklavung eines freien Volkes machen und das Religion nennen können, liegt jenseits meiner Vorstellungskraft" sagte 1836 William Apess. Von unseren sonstigen Werten gar nicht zu sprechen. So sagte etwa Red Cloud über unsere Gier nach Reichtum: "Wir wollen keine Reichtümer, aber wir wollen unsere Kinder in rechter Weise erziehen. Eure Reichtümer täten uns nicht gut."
In ihren Gesängen und Gebeten, welche von Volk zu Volk viele Verschiedenheiten aufweisen und über Jahrhunderte weitergetragen wurden, dreht sich doch alles um die Natur und ihre Wirkungen auf unsere Sinne und Vorstellungen. Die Götter die sie erfanden, reflektieren ihren Respekt und ihre Ehrfurcht vor unserem Planeten und allem Leben darin. Dies scheint allen gemeinsam zu sein. Auch ihre schlichten Vorstellungen, welche von Nation zu Nation Unterschiede aufweisen und doch Grundideen die fast allen gemeinsam waren äußern, wie etwa die von einer Ehe, der Politik unter einander, ja selbst von Gut und Böse, sind von viel größerer Klarheit und Realität als die der Eroberer.
Dank der indianischen Historikerin Roxanne Dunbar-Ortiz und ihrem großartigen Werk "A native peoples history of the United States" weiß ich auch, dass "jede indigene Nation, jede Stadtstaat oder Dorf aus einem unabhängigen, selbstverwalteten Volk bestand, dass die oberste Autorität über die inneren Angelegenheiten innehatte und mit anderen Völkern gleichberechtigt verhandelte". Ihre Häuptlinge hatten laut der faszinierenden Frau Dunbar-Ortiz eine gewisse Autorität und in manchen Stämmen auch das letzte Wort, aber sie verfügten sehr selten mit uneingeschränkter Macht über alles und jeden. Sie hatten wesentlich mehr Freiheiten, Privatsphäre, Würde und Selbstständigkeit, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie der Natur und ihren Instinkten bis zum Schluss treu geblieben waren. Sie waren nicht so domestiziert wie es die Europäer waren und noch sind.
Jedenfalls empfand ich diese Lektüre sehr angenehm zu lesen, zumal mir ihre Geschichten und Mythen viel reinlicher, viel natürlicher, gesünder und freier von moralischen Vorurteilen und Dogmen erschienen.