Michael Sommer geht es in dieser Darstellung der drei punischen Kriege um eine möglichst quellengestützte, also wenig fiktionalisierende Aufbereitung, der er einige theoretische Überlegungen zum Krieg allgemein voranstellt, um diese speziellen Kriege dann daran messen und mit anderen Konflikten vergleichen zu können. Auch eine Analyse der Quellen (allen voran der schreiblustige Polybios ist unser Host der Antike-Show!) ergänzt die Vorüberlegungen.
Mitunter litt ich arg unter der trockenen Darstellung und hätte mir mehr Pep gewünscht, ja, ich gestehe, sogar auf Kosten der wissenschaftlichen Objektivität! Kurz zuvor hatte ich Bart van Loos lustig-rasantes Buch über Burgund gelesen, dagegen hat dieses Buch den Charme einer Excel-Tabelle.
Denn wenn sich das ganze Buch wie ein langer Wikipedia-Artikel liest (und ja, ich habe verglichen: Der Artikel zu Sulla ist sprachlich und in der Auflistung von Namen und Orten kaum vom Buch-Ton zu unterscheiden), und wenn die Schlacht von Cannae oder von Zama in vier Zeilen abgehandelt wird ("...da starben tausende Menschen und Hannibal/Scipio siegte glorreich...") und wenn sogar die einmalige Gelegenheit zu ein bisschen - ein BISSCHEN - vitalisierender Fiktion bei einer verbürgten Begegnung zwischen Scipio und Hannibal komplett ungenutzt bleibt, dann frage ich mich doch, für wen Sommer diesen Text verfasst hat.
Mir ist absolut klar, dass die Quellen der Zeit kritisch zu beleuchten sind und nicht in jeder Schlacht immer gleich eine halbe Millionen Elefanten gegen 100 Antonow-Ladungen Legionäre aufeinander zugestürmt sind, wie es euphorisierte römische Historiografen ihrer Nachwelt glauben machen wollen [sic!]. Aber gar so akkurat und schmuckfrei muss man es ja dann auch nicht treiben.
Dennoch ist das Buch super informativ, auch wenn es die Art von Wikipedia-Artikel-informativ ist. Von diesem unterkühlten Urteil ausnehmen will ich explizit Sommers Überlegungen zu den "Bewährungsräumen" der Expansionen, in denen die römische Nobilität ihre Aktivtugend der virtus, also Tapferkeit, ausleben konnte. Das sind Gedanken, die mir neu sind und mich befruchten. Wenn ich die nächste Stadt erobere, werde ich daran denken. ;-)
Das Ende hat mir ebenfalls ausnehmend gut gefallen. Hier greift Sommer nämlich auf etwa 30 Seiten noch einmal die eingangs vorgestellten Theorien zu Macht und Krieg auf und verortet die punischen Kriege in diesem Koordinatensystem. Außerdem fasst er die Forschungsgeschichte zu Rom und Karthago zusammen und bietet viele interessante Theorien zum rasanten Aufstieg Roms:
Theorie 1: Rom war weniger aggressiv als andere Mächte und hat die Kriege höchst ungerne geführt und daher mit kühlem Kopf gewonnen.
Theorie 2: Rom war aggressiver als andere Mächte und hat daher gewonnen.
Theorie 3: Karthago war ein rassisch durmischtes und daher degeneriertes Volk. Rom war nordisch.
Ergo: Nichts genaues weiß man nicht. Und Nazis drücken ihren Dünnpfiff in jede Ritze.
Gutes Buch, und es geht um Rom! Da kribbelte es von Anfang an. Ich bekenne trotzdem, dass mir der populärwissenschaftliche Ansatz von van Loo lieber ist.