Einmal hatte Jürgen gelesen, "dass die Gefühle der Eltern im Moment der Zeugung bestimmend für den Verlauf des Lebens ihres Kindes sein können". Doch an was haben seine Eltern im Moment seiner Zeugung gedacht? Ein schlimmes Ereignis überschattet das Leben der Familie. Ulrike, Jürgens Schwester, war vor seiner Geburt spurlos verschwunden. Als sechsjähriges Mädchen ist sie eines Tages nicht mehr von der Schule zurückgekehrt. In einem Dokumentarfilm, den man über den Fall dreht, spielt er zum ersten Mal eine öffentliche Rolle. Und auch in seinem Erwachsenenleben bleibt die Schwester der blinde Fleck seiner Biografie. Bis ihn eines Tages eine rätselhafte Postsendung mit Comic-Heften erreicht, einer Serie, die sich "UTE COMICS" nennt, und daraufhin die Comic-Zeichnerin Cordula in Jürgens Leben tritt. Eine Frau, die sich zu seiner Überraschung auf Ulrike beruft. Von da an mündet Jürgens Leben mehr und mehr in einen Comic.Schemen, Phantome, Schatten; nicht nur die dauernde Gegenwart der spurlos verschwundenen Schwester überschattet geisterhaft sein Leben, auch die Menschen um Jürgen herum erscheinen wie Geister. Er ist auf einer Suche, die in immer neuen Abzweigungen vom indischen Auroville über München zum Chiemsee und hinein in bunte Fantasiewelten führt.
Thomas von Steinaecker was born in Germany in 1977. A novelist and journalist, he has also written extensively for radio and is the creator of several documentaries, including Richard Strauss and His Heroines. Two of his novels, Wallner beginnt zu Fliegen (2007) and Die Verteidigung des Paradieses (2016), have been nominated for the German Book Prize.
Shout-out an wen auch immer den Text auf dem Buchrücken verfasst und gleich mal falsche Erwartungen an das Buch erschaffen hat, denn es ist nicht, wie da steht, Jürgens jüngere Schwester, die spurlos verschwindet, sondern seine ältere Schwester, die er nie kennengelernt hat, weil das alles vor seiner Geburt passiert, also doch nochmal eine andere Ausgangssituation.
Abgesehen davon fand ich das Buch aber so oder so einfach merkwürdig. Es ist ziemlich wirr, was zumindest Absicht ist und zu Jürgens Gedanken passt, aber am Ende wurde auch sein "Zeit vorspulen und sich vorstellen, was in Zukunft passiert" nicht so extrem eingesetzt, wie es hätte sein können (ich habe tatsächlich immer mal wieder darauf gewartet, dass sich rausstellt, dass bestimmte Handlungsstränge sich einfach nur in seinem Kopf abgespielt haben).
Die Grundidee, Roman mit Comic zu verbinden, fand ich anfangs sehr interessant und es funktioniert auch unheimlich gut, doch im Gesamten ist das Buch leider nicht so gut. Es handelt von Jürgen, dessen große Schwester mit sechs Jahren entführt wurde. Er hat sie nie kennen gelernt und fühlt auch nie eine wirkliche, besondere Verbindung zu ihr, eben, als sei sie ein Geist. Bis schließlich die Comiczeichnerin Cordula an ihn heran tritt und ihm offenbart, dass sie Comics zeichnet, die auf seinem Leben basieren. Das Buch fängt etwas wirsch an, man erfährt einiges über Ulrike und begleitet Jürgen durch seine Kindheit, seine Jugend und schließlich auch durch sein Leben als Erwachsener. Das alles ist nicht unbedingt spannend erzählt und immer wieder springt die Szenerie von einer Situation zur anderen, wirkt dabei immer vollkommen distanziert und man kann sich gedanklich vorstellen, wie sich Jürgen wohl fühlen mag, es aber nicht so nachempfinden, wie man es vielleicht möchte. Die Comics lockern das Erzählte immer wieder auf, auch wenn sie recht simpel gezeichnet sind, ohne große Details oder Schattierungen. Schließlich passiert auch am Ende nicht dermaßen viel, dass es sich lohnen würde. Jürgen lebt sein Leben vor sich hin und es wird nie wirklich die anfangs eingeführte Frage beantwortet, wobei sie seitenlang plotrelevant erschien. Schade, denn eigentlich hatte ich mir mehr erhofft.