Im Zentrum der wichtigsten Debatten in Deutschland stehen zwei Gruppen: Migranten und Ostdeutsche. Menschen mit Einwanderungsgeschichte wehren sich schon lange, auch vor dem Terror von Hanau, gegen Rassismus, fehlende Teilhabe und mangelnde Sichtbarkeit. Ostdeutsche wiederum sehen sich mit einem gewaltigen Rechtsruck in Teilen ihrer Gesellschaft konfrontiert und müssen sich mit westdeutschen Vorurteilen und Stigmata auseinandersetzen. Beide Gruppen werden noch immer weniger aus sich selbst heraus als viel mehr mit den Augen der Mehrheitsgesellschaft beschrieben und beurteilt. Zusammen bilden sie die Gesellschaft der Anderen.
Naika Foroutan und Jana Hensel beschreiben die Mehrheitsgesellschaft und stellen dabei ihre eigene Geschichte in den Mittelpunkt. Ihr lebendiges, kontroverses Gespräch ist der Entwurf einer gegenwärtigen Deutschlandanalyse aus migrantischer, ostdeutscher und weiblicher Sicht. Die zentrale Frage dabei lautet: Was ist in unserem Land in den vergangenen Jahrzehnten schief gelaufen und was muss sich ändern?
Schwer verdaulich, unbequem und zum Teil auch schwierig geschrieben. Trotzdem war es für mich persönlich lohnenswert es zu lesen, auch wenn ich mir vorstellen kann, dass das Buch nicht viele ansprechen wird.
Damit man meine Rezension versteht, braucht man wohl zuerst ein paar Fakten über mich: Ich gehöre quasi auch zu "den Anderen". Ich bin in Korea geboren, lebe hier (genau genommen Westdeutschland) seit sehr vielen Jahren. Auch wenn ich hier nicht geboren bin, sehe ich mich als Deutsche und fühle mich in Deutschland Zuhause. Ich bin sehr viel um die Welt gereist und nehme immer "uns" (also die Deutschen) in Schutz, wenn wieder einmal die Rassismus- und Nazi-Debatte anfängt. Natürlich sehe ich nicht deutsch aus. Die einzigen rassistischen Bemerkungen (z.B. belästigende Nihao, Zurufe wie "Scheiß China" oder "Das mit den Atombomben habt ihr verdient", etc.) habe ich bis jetzt nur von "den Anderen", den türkisch-stämmigen(?), muslimischen Mitbürger bekommen. Allerdings weiß ich, dass das (hoffentlich) nur eine Randerscheinung ist und hege keinen Groll gegenüber bestimmten Völkergruppen. Leider ist es immer noch so, dass viele asiatische Freunde/Bekannte noch immer unter rassistischen Handlungen durch "die Anderen" leiden.
Jetzt kommt nun dieses Buch ins Spiel, wo eine Wissenschaftlerin zusammen mit einer ostdeutschen Journalistin verschiedene Dialoge führen, über das Anderssein und die deutsche Gesellschaft in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der erste Kapitel war besonders schwierig für mich, da man sich nur in der Opferrolle sah (jedenfalls war das mein Gefühl). Direkt im nächsten Kapitel gehen aber die beiden Autorinnen darauf ein, dass viele das Buch als Jammerbuch betiteln würden (was letztendlich kein Jammerbuch war). Manche Fragen wurden aufgeklärt, andere blieben unbeantwortet, aber mir ist klar, dass ein Buch natürlich nicht alle Antworten parat haben kann. Wobei mir das Buch definitiv geholfen hat ist, ein Verständnis dafür zu entwickeln, warum die muslimische Gruppe gerade so tickt. Trotzdem bin auch ich nur ein Mensch, kann mich auch nicht immer politisch korrekt ausdrücken oder sachlich argumentieren wie die beiden Autorinnen. Vor allem beim Lesen der ersten Hälfte hatte ich die ganze Zeit im Kopf "und was ist mit uns? (asiatische Gruppen)", "rechtfertigt das etwa das Verhalten von Muslimen, wie sie sich gegenüber andere kleine Völkergruppen handelt?", "wieso findet in dieser Gesellschaft kein Diskurs statt?" oder "wieso greifen da nicht die religiösen Oberhäupter oder sonstige Führungsrollen ein um ein falsches Verhalten aufzuhalten?" Auch hier ist mir klar, dass es Erklärungen gibt (z.B. dass Opfer zu Tätern heranwachsen können, usw.), aber ich kann nicht immer rational sein, wenn in meinem näheren Umfeld unvorhersehbare rassistische Angriffe durch andere Gesellschaftsgruppen wie durch die muslimischen entstehen. (Damit das klar ist: mir ist bewusst, dass nicht alle so sind, leider stechen die schlechten Erlebnisse doch hervor)
Die ganze Zeit haben wir nach außen gesendet und sehen jetzt: Innen ist Wüste. Wir haben das Innen vernachlässigt und brauchen jetzt einen Moment von Healing.
Es war gut, dass ich mich durch die ersten Seiten durchgekämpft habe, da auf den späteren Seiten einiges erklärt wird, was ich so noch nicht woanders gelesen habe. Zudem werden Verbindungen gesetzt und Relationen deutlich gemacht, wie manche geschichtlichen und gesellschaftlichen Ereignisse zusammenhängen. Es hat mich in gewisser Weise beruhigt. Außerdem ist das Buch ja auch nicht nur über einzelnen Gruppen, sondern die deutsche Gesellschaft im Ganzen. Auch wenn ich zugeben muss, dass es für mich persönlich schwierig war, die erste Hälfte des Buches wirklich zu verdauen. Grundsätzlich ist es eine tolle Idee quasi 2 "Außenseiter" zusammenzusetzen um einen Dialog zu führen. Die Autorinnen sind wirklich fabelhaft darin ihre Standpunkte aufzuzählen und ihre Beweggründe zu erklären. Es ist wie ein Tauziehen, man versucht einen Punkt zu finden, wo man sich näher kommen kann, wo ein Zusammenleben ermöglicht wird und wo die verschiedenen Gesellschaften zueinander finden können. Auch wenn ich nicht in allen Punkten zustimme und das Buch auch nicht perfekt ist (den Kapitel über Berlin fand ich eher schwach), hat es mir trotzdem gefallen. Es war aber keine leichte Kost und ich brauchte länger als gewohnt um das Buch durchzulesen.
Es war ein sehr interessantes, informatives Buch, da ich mich für dieses Thema interessiere, aber ich habe mich gefragt, für welche Zielgruppe das Buch geschrieben wurde. Ich gehe mal davon aus, dass das Ziel nicht unbedingt ein verkaufsfähiges Buch war, sondern etwas zu publizieren, was an erster Stelle auf Erklärung, Verständnis und Aufbau hinaus will.
** Dieses Buch wurde mir über NetGalley als E-Book zur Verfügung gestellt **
In diesem Buch wird unsere Gesellschaft in ihren verschiedenen Gruppen beleuchtet. Zum einen die Migranten und zum anderen die Ost-Deutschen. Ich selbst habe die deutsche Teilung nicht miterlebt, doch durch meine Eltern und Großeltern kenne ich viele Geschichten und auch Vorurteile dieser Zeit, welche sich bis ins Hier und Jetzt gehalten haben.
Dieses Buch kann man nicht zwischendurch und nebenbei lesen. Man muss sich Zeit nehmen und sich auf die Themen einlassen. Bereits am Anfang wird mit dem Terroranschlag in Hanau ein sehr schwer lesbares, aber sehr interessantes Thema angesprochen. Der Aufbau einer Parallelgesellschaft durch migrantische Jugendliche ist für mich als angehende Lehrkraft ein sehr präsentes Thema.
Es wird deutlich, dass Deutschland auch nach 30 Jahren immer als eine Gesellschaft lebt und handelt. Statt der Einigkeit spalten sich immer mehr Randgruppen ab.
Die Autorinnen haben es geschafft, dass ich sehr viel über die angesprochenen Themen nachgedacht habe und unsere Gesellschaft nun mit anderen Augen sehe.
Meine einzige Kritik ist, dass es in Form eines Dialoges geschrieben ist und für mich damit teilweise unübersichtlich wurde.
Ein seltsames Buch, das trotzdem interessante Gedanken enthält. Die Befangenheit bürgerlicher Wissenschaft und Journalistik in ihrem Horizont, der in der vermeintlich pluralen Demokratie der vermeintlich sozialen Marktwirtschaft das Ende der Geschichte sieht, ist immer wieder faszinierend. An vielen Stellen dachte ich, die Ratlosigkeit der Autorinnen wäre vermutlich etwas geringer wenn sie Marxismus nicht als nihilistisch und unzeitgemäß abtäten, sondern als Wissenschaft und Analysewerkzeug ernst nähmen. Es ließe sich noch mehr sagen und kritisieren aber es ist wie es ist: wie gesagt ein seltsames Buch, das trotzdem interessante Gedanken enthält.
Dieses "Buch" hat eine Vorgeschichte: 2018 entfachte die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan in einem Interview in der taz eine Debatte über Analogien zwischen Migranten und Ostdeutschen. Die Journalistin Jana Hensel nahm in einem Artikel in der Zeit Foroutans Angebot begeistert auf, Diskriminierungserfahrungen zwischen beiden Gruppen zu vergleichen und gemeinsame strategische Allianzen zu bilden. Allerdings verband Hensel das mit einer ganz eigenen Lesart, die schlussendlich rassistische Übergriffe im Osten nach der Wende mit den Diskriminierungs-erfahrungen der Ostdeutschen erklärte. Dies wurde m.E. zu Recht als unzulässige Entlastung von Tätern kritisiert. Ich fand Foroutans Artikel damals sehr interessant und war deshalb gespannt, wie sie sich dazu in längere Form äußern würde. Hensel hatte ich vorher schon manchmal als eine nervige selbsternannte Fürsprecherin des Ostens kennengelernt. Dennoch hatte ich von ihr auch berührende Texte zu Angela Merkel gelesen.
Dieser Text hat mich schwer enttäuscht. Zunächst einmal finde ich die Form eine Frechheit: Anders als das Inhaltsverzeichnis vermuten lässt, handelt es sich um wenig systematisch geordnete Protokolle vermeintlicher Gespräche. Diese Unterhaltungen sind offensichtlich bearbeitet und teils auch inszeniert, wenn beide sich etwa Dinge erläutern, die sie beide bereits wissen. Dennoch wurden diese Protkolle nicht soweit bearbeitet, dass eine stringente Form entstanden wäre. Das Buch hätte mindestens um die Hälfte gekürzt werden können, um die unerträglichen Wiederholungen zu vermeiden, die bei mir nur das Gefühl erzeugen als drehe sich das Gespräch im Kreis. Immer wieder geht es um den Konflikt, wie statisch und stabil Identitäten sind. Foroutan erklärt immer wieder geduldig, dass eine Sprecherposition nicht gleichzusetzen sei mit Authentizität oder Originalität. Hensel setzt dagegen, dass es ihr um einen gleichen Zugang zu gesellschaftlichen Machtpositionen gehe, um dann aber auch wieder zu argumentieren, dass bestimmte Erfahrungen spezifische Sichtweisen ermöglichen. Ich bekomme dabei das Gefühl, das Hensel einfach intellektuell mit Foroutan nicht mithalten kann und in das gebetsmühlenartige Wiederholen von Phrasen ihrer Hausheiligen (Arendt, Ta-Nehisi Coates) flüchtet. Auch rezipiert Hensel postkoloniale Theorie sehr selektiv und nur soweit, wie sich damit ihre eigentlich essentialistischen Positionen verteidigen lassen. Ähnliche Redundanzen gibt es bei der Frage, ob die Ostdeutschen aufgrund von sozialer Ungleichheit oder aufgrund von kulturellen Ursachen rasstisicher als Westdeutsche sind. Besonders ärgerlich fand ich, dass Hensel sich nicht einfach für ihre früheren Entgleisungen (rasstische Übergriffe in Ostdeutschland entschuldigte sie mit der Frage:" Haben sie vielleicht sogar versucht, den Spieß rumzudrehen?") entschuldigte, sondern stattdessen der Text mit einem längeren Gespräch zu den rasstischen Morden in Hanau beginnt. Das wirkt auf mich wie eine Instrumentalisierung, um sich nicht Rassismus vorwerfen zu lassen. Vielleicht noch ärgerlicher ist, wie Hensel ihre Rolle überschätzt. Anders als Foroutan ist sie keine Wissenschaftlerin und kann eben nicht den Forschungsstand zur Wiedervereinigungsgesellschaft überblicken, weshalb sie mit Aussagen, dass es zu bestimmten Fragen noch keine Forschung gäbe, einfach nur ihr Unwissen entblößt. Ebenso hat mir ihr Ton missfallen. Oberlehrerhaft kommentiert und bewertet sie die Aussagen von Foroutan und vergleicht sich dann an anderer Stelle mit Hannah Arendt.