Ein Ungeist geht um in Deutschland - in der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus werden wahllos und ungebrochen Begriffe durcheinandergeworfen, Menschen perfide verleumdet und verfolgt, Juden von Nicht-Juden des Antisemitismus bezichtigt. Die Debattenkultur in Deutschland ist vergiftet und die Realität völlig aus dem Blickfeld des Diskurses geraten. Deutsche solidarisieren sich mit einem Israel, das seit mindestens fünfzig Jahren Palästinenser knechtet, und wer das kritisiert, wird schnell zum Antisemiten. Moshe Zuckermann nimmt in seinem Buch den aktuellen Diskurs schonungslos in den Blick und spricht sich für eine ehrliche Auseinandersetzung mit der deutsch-israelischen Geschichte aus.
»Wer sich mit Opfern im Stande ihres Opfer-Seins nicht zu solidarisieren vermag, sollte das Wort ›Antisemitismus‹ tunlichst gar nicht erst in den Mund nehmen.« (S. 133)
Moshe Zuckermann, jüdischer deutsch-israelischer Soziologe und Marxist, wird es durch Verleumdungskampagnen aufgrund seiner kritischen Einstellung gegenüber der israelischen Besatzungspolitik mittlerweile unmöglich gemacht, in Deutschland zu lehren oder an öffentlichen politischen Veranstaltungen teilzunehmen. Dies ist leider kein Einzelfall. In seinem Buch »Der allgegenwärtige Antisemit« geht er mit der vergifteten deutschen Debattenkultur in Bezug auf Antisemitismus, Israel und Palästina sowie die Shoah hart ins Gericht.
Dazu zeichnet er die historische Entwicklung Israels bzw. dessen Ursprünge seit 1897 bis in die Gegenwart nach und zeigt die Vielfältigkeit der israelischen Gesellschaft auf. Im Anschluss daran betrachtet Zuckermann politische Diskussionen bezüglich Antisemitismus und Israel der letzten Jahrzehnte in Deutschland – dabei geht er beispielsweise auf die Medienlandschaft ein, die Politik der Bundesrepublik, die Rolle jüdischer Gemeinden, linken Antisemitismus, „Solidaritätskampagnen“ etc. Im Fokus steht dabei stets die kritische Auseinandersetzung mit Israelsolidarität und dem ideologisierten Antisemitismusvorwurf. Den Schluss bildet ein Aufsatz über (anti-)deutsche Zustände von Susann Witt-Stahl, in welchem noch einmal spezifischer auf diese vermeintlich linke Strömung (»Antideutsche«) und ihre ideologischen Verirrungen eingegangen wird.
Beide schreiben differenziert, pointiert und mit scharfer Zunge – aus diesem Buch konnte ich so viel mitnehmen, dass ich es bald wohl noch einmal lesen muss. Riesengroße Empfehlung an alle! Das wird wohl eins der besten Sachbücher sein, die ich dieses Jahr gelesen habe.
1) Deutsche Rezension Am Anfang hatte ich noch so meine Zweifel bei diesem Buch, wegen der Polemik und den “großen” Worten, aber es hatte sich gelohnt. Seine Aussagen bezüglich der Gemeinsamkeiten von Zionismus und Antisemitismus, beide wollen die Welt von einem bestimmten Bild “des Juden” bereinigen (beim Zionismus ist es der “Jude in der Diaspora”) und weil die Shoah eine ideologische Funktion in der Formierung Israels deswegen haben musste und wie sehr Zionismus sein Versprechen nicht erfüllen konnte damit zu tun hat da seine Gründern ständigen Konflikt akzeptiert hatten waren sehr interessant. Genauso wie seine Aussagen zu deutschen Juden und ihrem Verhältnis zum ideologischen und realen Israel, Wagner in Israel, der Behandlung von Holocaust-Überlebenden in Israel damals und heute. Das Buch erinnerte mich auch daran wie sehr Israel im Mainstream als Monolith gehandhabt wird, keine oder kaum Erwähnungen der Konflikte im Land. Und kein Wunder, das viele ihn nicht mögen, denn aus seiner Sicht tun Politiker in Israel Dinge welche einen in Deutschland, Frankreich und England ins Gefängnis bringen würden, aber aus seiner Sicht hat Israel jedes Recht dem Holocaust zu erinnern verwirkt. Daher, dieses Buch ist definitiv gut geschrieben und wichtig aber ob wie viele Leute damit klar kommen würden ist wohl fraglich.
PS: Würde er seine Aussagen zu Deutschen auch auf jene ausweiten deren Eltern kürzlich eingewandert oder Sinti sind?
2) English Review In the beginning I still had my doubts about this book, because of the polemic and the "big" words, but it was worth it. His statements regarding the similarities of Zionism and anti-Semitism, both want to cleanse the world of a certain image of "the Jew" (in Zionism it is the "Jew in the Diaspora") and why the Shoah had to have an ideological function in forming Israel and how much Zionism could not live up to its promise because its founders had accepted constant conflict was very interesting. Just as his statements about German Jews and their relationship to the ideological and real Israel, Wagner in Israel, the treatment of Holocaust survivors in Israel then and now. The book also reminded me how much Israel is treated as a monolith in the mainstream, with little or no mention of conflicts in the country. And no wonder many do not like him, because in his view, politicians in Israel are doing things that would put them in jail in Germany, France and England, but in his view, Israel has forfeited any right to remember the Holocaust. Therefore, this book is definitely well written and important but if so how many people would handle it is doubtful.
PS: Would he extend his statements to Germans on those whose parents immigrated recently or are Sinti?