Frauen können heute alles werden, was sie wollen. Sogar hemmungslose Opportunistinnen. Schließlich haben sie das Internet und damit die Chance auf Fame selbst in der Hand. Sie können ihr Selbst nach einer leicht konsumierbaren Schablone formen und intime Geheimnisse gegen Aufmerksamkeit tauschen. Sich jede Saison neu erfinden. Auch endlich Shepreneur werden. Doch was, wenn unsere Schwestern gar nicht bereit sind, ausbeuterische Strukturen grundsätzlich zu verändern? Wir finden: solange die Girlbosse dieser Welt am spätkapitalistischen Banana-Bread mitnaschen, können sie sich ihre pseudo-emanzipatorischen T-Shirts, Productivity-Hacks und hübsch bebilderten Periodenkrämpfe ins Bullet-Journal schmieren. Zeit für radikale Dekonstruktion. We ain't buying your shit no more.
Ehrlich gesagt habe ich bei 75% aufgehört zu lesen. Während ich aus den ersten Essays noch etwas für mich mitnehmen konnte und auch ihre Kritik durchaus nachvollziehen konnte, ging das danach mehr und mehr verloren.
Sie klingt in manchen Geschichten für mich eher nach jemandem, der etwas schlecht redet, weil sie selbst nie verstanden hat, wie es funktioniert - und hakt es deswegen als Mythos oder pure Erfindung und Blendung ab.
Spätestens in der Geschichte zu ihrem sie ausnutzendem und schmarotzerischem Ex-Freund wurde mir auch klar warum. Menschen sind egoistisch und beuten sie aus. Und sie kann nichts dafür oder daran ändern.
Ich tue mich mit dieser Opferrolle immer etwas (nein, sehr) schwer. Ich kann bei tatsächlichen Opfern von Gewalttaten absolut dahinter stehen, aber wenn Dein Freund Dich konstant für Miete und Lebensmitteln zahlen lässt oder Deine Kunden Dir Angebote machen, die Dir zu wenig Geld zahlen? Dann sag 'Nein' und fordere mehr. Das ist ihr scheinbar nie in den Sinn gekommen.
Zu den letzten 25% wollte ich mich dann einfach nicht mehr zwingen. Wirklich schade, weil unter all dem Genörgel, wie schlecht und böse die Welt (und Geld) ist und dem gleichzeitigen Gejammer nicht mehr (Geld) zu haben, oft der ein oder andere gute Denkanstoß verbacken war.
Bei Biancas Texten oder Interviews mit ihr bin ich immer im Zwiespalt von "ja das kann ich nachvollziehen" und "das ist mir jetzt aber doch etwas zu zynisch". Schlussendlich weiß ich aber, dass die zweite Komponente nur dann hochkommt, wenn ich mir den Spiegel vorgehalten fühle. Sie schreibt ehrlich, nimmt kein Blatt vor den Mund und hat damit meist auch Recht. Die Essays in "Dear Girlboss, we are done" sind kurzweilig, toll geschrieben und durch die einzigartigen Illustrationen unterstützt. Die Texte – da bin ich mir sicher – werden nachwirken und regen sehr zum Nachdenken an.
Um es mit ihren eigenen Worten zu sagen: sie "verbalisiert [...] einen Eindruck meinerseits, den ich bis dahin nur als verurteilendes Bauchgefühl kannte. "
10/10 liebe auch die Illustrationen sehr! Hätte mir nur mehr Diversität gewünscht.
Ich folge Bianca Jankovska schon länger auf Instagram und bin immer wieder fasziniert davon, wie sie es schafft, die neoliberale (online) Welt, in der wir leben, zu durchblicken, kritisieren und dabei auch aufs Korn zu nehmen. „Dear Girlboss, we are done“ bringt das auf 100 Seiten und in sieben Essays auf den Punkt. Jankosvka teilt persönliche Erfahrungen, stellt viele Fragen und beantwortet einige davon. Ihre Selbstreflexion macht sie *relatable* (um im Lingo zu bleiben) und regt zum Nachdenken an. Abgerundet mit Julia Fellers Illustrationen und zynisch-humoristischen Captions, ist „Dear Girlboss, we are done“ ein Muss für alle (die einen Instagram Account haben) — auch wenn’s weh tut, den Spiegel vorgehalten zu bekommen.