Jahrzehntelang ist Oliver Wolschke ein vorbildlicher Zeuge Er lebt seinen Glauben, feiert weder Weihnachten noch Geburtstage, betet täglich und erzieht seine Kinder nach den Richtlinien der Gemeinschaft. Doch eines Tages beginnt er, an den Glaubenslehren zu zweifeln. Er fängt an, sich mit den Hintergründen der Gemeinschaft zu beschäftigen, und stößt auf immer mehr Ungereimtheiten. Wie oft kann die Organisation das Datum der endzeitlichen Entscheidungsschlacht Harmagedon noch nach hinten verschieben, bevor die Anhänger misstrauisch werden? Wieso wird die Sexualität so vehement unterdrückt? Und wie kommt die Gemeinschaft an ihre vielen Immobilien? Mit 31 Jahren tritt Oliver Wolschke aus.Nach seinem Austritt gelten er und seine Frau als Abtrünnige, verlieren nicht nur Freunde, sogar Familienangehörige wenden sich von ihnen ab. Sie müssen sich ein neues Leben aufbauen. In diesem ergreifenden Buch berichtet Oliver Wolschke von seiner Zeit bei den Zeugen Jehovas sowie von seinem harten Weg in ein neues Leben.
Von diesem Buch habe ich über einen Auszug erfahren, der im Tagesspiegel erschienen ist. Es handelt sich um das erste Kapitel, in dem man direkt erfährt, wie die Ehefrau des Autors auf einen möglichen Austritt reagiert: "Du weißt, dass du damit womöglich unsere Familie zerstörst."
Die nächsten vier Fünftel des Buches behandeln dann jedoch erst einmal den Lebensweg von Herrn Wolschke und wie er über seine Mutter (gegen den Willen des Vaters) Mitglied der Zeugen Jehovas wurde. Der Leser erfährt im Detail, mit welchen Mitteln schwierige Lebenssituationen ausgenutzt werden, um potenziellen Neueinsteigern eine Zukunft im Paradies zu versprechen. An manchen Stellen wird es etwas wirr, etwa wenn krude Formeln ohne jede Erklärung abgedruckt werden.
Überrascht haben mich dabei nicht Eigenheiten wie die überholte Sexualmoral, die man auch aus anderen Religionen kennt. Viel erschreckender ist die soziale Isolation, die jedem wiederfährt, der aus der Organisation aussteigt. Mit einem Schlag engste Freunde und sogar die eigene Familie zu verlieren, steckt niemand einfach so weg.
Es wäre wünschenswert, wenn aussteigewillige Zeugen dieses Buch lesen würden. Wie ich jetzt jedoch weiß, ist der schwierigste Schritt hierbei, sich initial einzugestehen, dass man sein Leben anhand von Lügen ausgerichtet hat. Und dieser Prozess wird wahrscheinlich bei den wenigsten einsetzen: zu geschickt ist das Regelwerk gestrickt, um äußere Einflüsse auszuschließen.
Ich für meinen Teil habe über dieses Buch einiges über die Zeugen Jehovas gelernt. Dem nächsten, der an meiner Tür über die Bibel sprechen will, möchte ich Hilfe anbieten, anstatt ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen.
In der Wertung gebe ich einen Stern Abzug für den relativ hohen Preis der E-Book-Ausgabe sowie die starke Häufung von Schreibfehlern, etwa fehlende Leerzeichen oder das ständige Verwechseln von "dass" und "das".
Leider musste ich diese sehr interessante Biografie abbrechen. Der Vorleser ist einfach grauenvoll. Ich habe selten gehört das etwas so gelangweilt und unemotional vorgetragen wird… sehr schade!