Lange glaubten wir im Westen: Polen ist frei und demokratisch, ein junges europäisches Land im Start-up-Modus. Dann wählte die Mehrheit rechtskonservativ – und unser Bild zerbrach. Für Emilia Smechowski ist Polen Heimat – eine Heimat, die sie als Kind verließ und in die sie nun zurückkehrt, um dort zu leben, als Bürgerin des Landes. Sie beschreibt eine zerrissene Nation: Der Riss geht durch die Familien, er ist präsent, wenn beim Sonntagsessen über Politik gestritten oder geschwiegen wird. Smechowski erzählt vom Alltag voller Widersprüche, sie spricht mit Politikern wie Bauern, um zu verstehen: Was ist seit 1989 passiert, dass so viele Menschen nicht mehr an den Wert der Freiheit glauben?
“Ist der Riss, der durch dieses Land geht, noch zu kitten? Am Ende meines Jahres in Polen, nach vielen Reisen und Gesprächen, glaube ich nicht mehr daran. Ein Jahr lang bin ich diesen Riss abgelaufen, diese Linie, die das Land trennt. Ich habe Menschen auf beiden Seiten getroffen, habe mit ihnen gesprochen, habe sie verstanden - und mich an derselben Stelle wieder von ihnen verabschiedet. Es ist, wie meine Freundin Dorota sagt: Die Polen haben sich auf ihrer jeweiligen Seite eingerichtet, es sich bequem gemacht. Jeder hat eigene Freunde, eigene Medien, sogar eigene Bäcker. Eine Wahrheit, eine Geschichte, eigene Helden. Die jeweils andere Seite ist für die Polen verloren. Wozu also kämpfen?”
Vor etwa 3 Jahren gekauft und beim dritten Versuch jetzt endlich durchgelesen. Interessante, thematisch gut gefächerte Essays zur politischen Lage in Polen, und für mich doch eher ein Buch über Heimat und das Hadern mit der eigenen Identität, Rast- und Ratlosigkeit. Schätze den teils sehr persönlichen und ehrlichen Umgang mit ihren Erfahrungen und kann mich ebenfalls selber oft in ihrem Erzählten wiederfinden. Auch bemerkenswert finde ich ihre größtenteils wertfreie Erzählweise, die Begegnungen auf Augenhöhe mit den verschiedenen Seiten Polens - die Problematik des Landes und der Menschen wird menschlich, nahbar und empathisch dargestellt, ohne dass Smechowski den Leser je ihren eigenen Standpunkt verkennen lässt. Besonders die Kapitel über Auschwitz, sowie das letzte, in dem es um den politisch motivierten Mord am Danziger Bürgermeister Adamowicz geht, sind mir stark in Erinnerung geblieben.