Von Zen-Gärten, Kirschblüten und Atomkraftwerken. Ein Inselreich ohne Kontakt zur Außenwelt – das war Japan beinahe 270 Jahre lang. So konnte sich eine ganz eigenständige Kultur und Gesellschaft entwickeln, auf die Japan bis heute stolz ist. Obwohl Japan für viele im Westen immer noch exotisch und fremd scheinen mag, hat es auch viele Facetten eines westlichen Industrielandes. Wie sehen die japanische Gesellschaft, die Wirtschaft und Politik im 21. Jahrhundert aus? Hat sich die Einstellung zur atomaren Energiegewinnung nach Fukushima verändert? Warum wollen viele junge Japaner*innen keine Familien gründen? Die Japan-Spezialistin Judith Brandner spannt den Bogen vom historischen Japan zur heutigen Gesellschaft. Eine spannende Reise in ein dem Westen oft noch unbekanntes Land.
Das im Oktober 2019 im Residenz Verlag erschienene Buch Japan – Inselreich in Bewegung der Autorin Judith Brandner bietet einen vielschichtigen Einblick in die japanische Gesellschaft, Politik und Wirtschaft der Gegenwart. Ausgehend von Japans jahrhundertelanger Abschottung gegenüber der Außenwelt zeichnet Brandner ein differenziertes Bild eines Landes, das trotz westlicher Einflüsse eine eigene kulturelle Identität bewahrt hat. Die Autorin beleuchtet dabei aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Herausforderungen – von der Energiepolitik nach Fukushima bis hin zu den Lebensentwürfen junger Menschen – und führt die Leserschaft kenntnisreich durch die historischen und aktuellen Dynamiken eines faszinierenden Inselstaats.
Die österreichische Autorin hat für dieses Buch viele persönliche Schicksale erforscht, Interviews geführt und dabei den Interviewpartner und dessen Meinungsposition ausdrücklich erklärt. Leider ist das ein zweischneidiges Schwert beim Lesen dieses Buches. In den ersten Kapiteln befindet sich das Kapitel zum Supergau der Fukushima-Katastrophe aus 2011. Die Autorin war zu der Zeit selbst in Japan und hat viele persönliche Eindrücke mit in ihr Buch einfließen lassen. Ebenso hat sie viele Menschen zu Wort kommen lassen, die selbst von den Nachfolgen der Katastrophe betroffen sind/waren. Zu späteren Themen hat die Autorin dasselbe gemacht, nur hat sie es im Fukushima-Kapitel auf die Spitze getrieben. Erstens: Sie interviewt nur AKW-Gegner und lässt nur Menschen am Buch teilhaben, die gegen die AKWs sind. Es wird auch erwähnt, dass es Menschen gibt die Pro-AKW sind, jedoch dürfen diese selbst nie ihre Meinung erklären. Zweitens: Ich verstehe, dass die Katastrophe DAS Trauma in der letzten Zeit des Landes ist und dass Menschen, die das erlebt haben, nie wieder sie selbst sein werden. Aber bitte.. wieso muss die Autorin teilweise den Schreibstil eines Thriller-Romans annehmen, wenn sie über die Menschen und ihre Erfahrungen berichtet. Es werden extreme Wörter benutzt, die Sätze sind teilweise nur 1 Wort lang und beinhalten diese Wörter und überall die Ausrufezeichen oder das "?!" bzw. die vielen rhetorischen Fragen. Vielleicht liegt es auch an meiner Erwartungshaltung: Ich habe erwartet, dass die Autorin selbst zu den Geschehnissen Distanz einnimmt. Ihre Interviewpartner können ruhig so emotional sein wie sie wollen, aber die Autorin soll bitte sachlich bleiben. Leider überschneiden sich beide Rollen hier. Ich habe mir trotzdem gewünscht, dass die Autorin letzteres einnimmt - es ist ja dadurch nicht weniger schrecklich.
Anders ist es bei den Okinawa & Hiroshima Kapiteln. Dort nimmt die Autorin eine gesunde Distanz zum Thema ein und betrachtet die Dinge von außen (sie interviewt leider wieder nur Menschen von der einen Seite, aber es ist bestimmt schwer Menschen zu finden, die Pro-Vergewaltigungen von Minderjährigen auf Okinawa sind). Am besten sind die Stellen, in denen die Autorin die Szenerie beschreibt, in der sie sich gerade befindet, wenn sie auf ihren Interview-Partner wartet, mit ihm am Tisch sitzt oder andere Aktivitäten unternimmt - es macht die Geschichten der Personen unglaublich nahbar und hilft einem sehr dabei nicht zu vergessen, das das auch nur Menschen sind, aber von ganz woanders. Die Autorin hat das so gut gemacht, dass es dafür ein fettes Plus gibt.
Leider Gottes ist der Fukushima-Teil ein Großteil des Buches , weshalb mit die erste Hälfte nicht so viel Spaß gemacht hat zu lesen wie die zweite Hälfte. Außerdem ist das Buch mittlerweile wahrscheinlich (sehr) veraltet und bildet nicht mehr die Gegenwart ab. Das Buch glänzt wenn es um die normalen Menschen geht, schwächelt aber wenn es um größere Ereignisse geht.
Insgesamt gibt es 3/5 Sterne mit der Tendenz zu den 4 Sternen :)
Leider muss ich sagen, dass mich dieses Buch enttäuscht hat und ich es nicht weiterempfehlen kann für Leute, die sich für die Japanische Geschichte interessieren. In dem 220 Seiten Buch, ist ein viel zu starker Fokus auf Fukushima (54 Seiten!), zumal dort fast ausschließlich Einzelschicksale erzählt werden. Des Weiteren ist das Buch auch nicht gut durchdacht: Das Kapitel zur Demographie hätte wunderbar zum Kapitel "Großstadtsplitter" gepasst, da diese miteinander zusammenhängen, kam aber nach Fukushima. Mitten im Kapitel zu Hiroshima kommt aus dem nichts ein Cut mit 16 Seiten unnötiger Bilder, die nicht zum Thema passen und die das eigentlich gute Kapitel von 30 Seiten mal eben auf 14 reduziert. Was im Gegenzug zu den 50 Seiten Fukushima echt nicht viel ist. In dem Kapitel zur Japanischen Kultur geht es auch nur 2,5 Seiten um das eigentliche Thema. In den restlichen 9,5 Seiten geht es ausschließlich nur noch um Katō Shūichi. Dennoch gab es auch gute Teile. Die erzwungene Öffnung Japans, Hiroshima und Okinawa wurden wirklich gut behandelt, wenn auch zu wenig im vergleich zu anderen Themen. Fazit: Zu viele Einzelschicksale bzw. Geschichten über Einzelpersonen, dafür zu wenig wirkliche Inhalte.
sehr gut bis auf das kapitel über deutsch-österreichische nazis, die wirtschaftlich und militärisch relevant für japan waren. da hätte ich mehr kritische analyse erwarter. deplatziert gefühlsduseliger familienepos mit einer prise nsdap und ohne konsequenzen für die weiße "herrenrasse". mein mitgefühl hält sich in grenzen aus offensichtlichen gründen...
sonst kompetent. autorin hat gesunde distanz und beweist ihr können, nicht aus einer neokolonialen perspektive zu schreiben.