„Dieses Buch ist KEIN Roman!“, schrie Marcel Reich-Ranicki 2001 in die Runde seines Literarischen Quartetts, in welchem ihm die Männer (Josef Haslinger, Hellmuth Karasek) kräftig nickend zustimmten und das Buch nach Strich und Faden als missratenen Versuch einer Lyrikerin, einen Roman zu schreiben, verrissen, während Iris Radisch als einzige Frau im Bunde noch versuchte, Hahns Werk in seiner Art zu rechtfertigen. Ich fand diese Diskussion äußerst interessant in ihrer Argumentation, Hahn könne nicht erzählen, lediglich emotionslos berichten. Vielleicht liegt es daran, dass ich als weibliche Leserin – wie Frau Radisch - einen anderen Zugang fand als manch männlicher Leser, aber nicht ein Mal während meines Lesens dieser eindrucksvollen Geschichte hatte ich den Eindruck, ihr fehle es an Emotionen, Reflexionen oder Spannung. Der Kampf der Ich-Erzählerin – erst ein Mädchen, später eine junge Frau – um ihr Recht auf Bildung und Wissen entgegen ihrer Herkunft aus armen Arbeiterkreisen und aller Steine, die ihr vonseiten ihrer Eltern und Mitmenschen in den Weg gelegt wurden, hat mich als Leserin die gesamten 592 Seiten über eingenommen, mitgenommen, zum Weiterlesen getrieben. Historisch und landeskundlich hat mich Hahns Werk als Später- und Woandersgeborene extrem bereichert. Dass große Teile im köllschen Platt geschrieben wurden, hat mich der Geschichte mit ihren Figuren und ihrem Lebensraum umso näher gebracht. Am meisten hat mich jedoch Hillas Liebe zum Wort und Hahns wunderbare Versprachlichung dieser Liebe angesprochen, schließlich geht es mir ganz genauso:
„Wenn ich einen schönen Satz las oder hörte, war das, als hätte ich etwas Wertvolles ergattert.“ „Die Wörter lebten herrlicher als je zuvor. Ein Wort, ein Satz genügte, der Satz sank in mich, leuchtete mich aus, durchglühte mich. Wörter glitten in mich hinein, ich glitt in sie – wir hielten uns umfangen;[…]“ „Den Körper verlängern in der Schrift; sein Innerstes nach außen kehren. Gedanken sichtbar machen. Mich sichtbar machen. Mich schreiben, mich befestigen.“
Dieser Textbeispiele gibt es endlos viele, aus denen die Lyrikerin Ulla Hahn spricht und mit ihrem Talent für klingende Worte diesem Roman einen wunderbaren Klang verleiht. Sprache und Literatur als Lebenshilfe, Zufluchtsort, sogar Rettung in einer Welt, in der oft „die Wörter so viel wunderbarer als die Wirklichkeit“ waren. Genau aus diesem Grund lese ich Bücher und zeige mich überaus dankbar für dieses. Doch sind diese schönen Worte eben in der rauen, einfältigen, oft sprachlosen Alltagswelt der Nachkriegszeit „verborgen“ und vom Leser zu bergen – wie ein wertvoller Schatz.