Ich kann mich einer Euphorie für dieses Buch kaum erwehren, wenn ich bedenke, welch eine überaus seltene Kraft aus dieser Untersuchung und Parteinahme für Hölderlin hervorgeht; endlich ist mit dem von mir hochgeschätzten Pierre Bertaux jemand gekommen, der mit einer erstaunlichen Gründlichkeit und einem Einfühlungsvermögen sich daran machte, die faszinierenden Ergebnisse seiner über 50 Jahre dauernden Beschäftigung mit Hölderlin in einem Buch zusammenzufügen. Und mit welcher Unvoreingenommenheit und klarem Verstand er dies tat, sowie die Zeit die er sich dabei nahm die kleinsten Details zu erläutern, dies alles muss ihm hoch angerechnet werden.
Doch all seine Arbeit wäre nicht so viel Wert, wenn Pierre Bertaux selbst nicht im Hölderlin einen Seelenverwandten entdeckt hätte, wenn er kein angeborenes Verständnis für Hölderlin's Wesen und Poesie hätte. Ich selbst empfand zu Hölderlin seit Hyperion eine extrem starke Zuneigung, selten konnte ich mit einem Schriftsteller so stark mitfühlen, so kraftvoll Energie tanken, sowie Gedanken und Gefühle auf Höhenflüge schicken.
Pierre Bertaux hatte sich zurecht und mit Erfolg daran gemacht, das Mythos Hölderlin sei geisteskrank gewesen zu zerschlagen. Und dies tut er unter Berücksichtigung aller möglichen Kleinigkeiten und Details, die zu diesem Zweck ausschlaggebend sind. Dies ist keine schlichte Biografie zum Zwecke der eigenen Huldigung, wo ein verstockter Professor oder philiströser Lehrer ohne Einfühlungsvermögen dies und das so oder so deutet. Nein, Herr Bertaux tut, was eigentlich alle die sich mit außergewöhnlichen Personen beschäftigen tun müssen: er investiert ein halbes Jahrhundert Zeit, er fühlt mit, er ließt, fügt zusammen, dokumentiert, benutzt Logik...
Herausgekommen ist ein Buch dass jeder Hölderlin Liebhaber in seinem Regal stehen haben sollte. Ich werde nun keineswegs auf die Beweisführung, Argumente und detaillierte Dokumentation eingehen die Bertaux hier zu Gunsten des großen Hölderlin hervor bringt, soviel sei aber gesagt; es ist für jeden von vornherein alles klar gewesen, der eine wirkliche Verbundenheit mit Hölderlin und gerade deswegen beim Lesen seiner Werke und Gedichte stets intuitiv gefühlt hat, dass hier kein Wahnsinniger im modernen medizinischen Sinne schreibt, sondern ein überdurchschnittlich begabter Artist, dessen unglaublich feinfühliges, scharfsehendes Wesen ihn in einem Land wie Deutschland zum Untergang verdonnern musste. Hölderlin war kein Popanz, kein Scheinheiliger. Er suchte den Zuspruch der göttlich Begabten, nicht der Minderwertigen, der Masse nachlaufenden und sich anpassenden.
Hölderlin hatte keinen Sinn für Anpassung. Bertaux spricht hier von einer "Lücke". Heute bezeichnet man Künstler als ganz "normale" Menschen mit einem Plus an Begabung. Viel eher aber ist da wo die Törichten ein Plus sehen ein Minus zu erkennen. Einfühlsame, kraftvolle, rücksichtsvolle, energiegeladene und hochintelligente Menschen wie Hölderlin können in unserer Gesellschaft nicht mehr als normale Menschen gelten, einfach, weil sie dem Normierungsprozeß aus irgendeinem Grunde entgangen sind. Dieser Grund scheint aber ein fehlender Sinn zur Anpassung zu sein. Auch Nietzsche hat dieses Phänomen beobachtet:
"Es wurde schon erwähnt, daß eine Verstümmelung, Verkrüppelung, ein erheblicher Mangel eines Organs häufig die Veranlassung dazu gibt, daß ein anderes Organ sich ungewöhnlich gut entwickelt, weil es seine Funktion und noch eine andere zu versehen hat. Hieraus ist der Ursprung mancher glänzenden Begabung zu erraten."
Hölderlin wurde durch zahlreiche und heftige Schicksalsschläge und durch die zahlreichen Mängel der Deutschen, die er nicht müde wurde anzugreifen, zum seelischen Krüppel, nicht aber zum Psychopathen gemacht. Zeitlebens litt er deswegen an Melancholie und Agonie. Und wenn er, der soviel durchlitten und tief in die menschliche Seele blickte, nun also mitansehen musste wie wenig der Großteil seiner Landsleute verstehen, erkennen und mitfühlen konnten, wie könnte er da anders als durch Wutanfälle und Depressionen naturgemäß auf seine traurige Umwelt reagieren?
Bertaux führt durch eigene Erfahrungen aus, wie wenig doch die privilegierten Studenten an Welt renommierten Colleges, geschweige denn von normalen Schülern an Grundschulen oder Gymnasien, Hölderlin wirklich begreifen konnten und ihn wie immer den Lehrern und Philistern nachplappernd als geistigkrank abtun. Eine wenig überraschende und doch vielsagende Anekdote an dieser Stelle.
Ich kann nur erneut meinen Dank an Pierre Bertaux aussprechen und dieses Buch für seine Empathie zu einem wirklichen, heute weitestgehend vergessenen Helden loben. Dass Hölderlin ganz gewiß ein Held war - wenn man unter Helden einen starken Menschen versteht, der durch seine zarte Seele sehr viel Leid und Trauer durchmachen musste und gegen die Widerstände über Jahrzehnte hinweg trotzig zuschlug - daran hält auch Hermann Hesse im Jahre 1925 zweifelsfrei fest:
"Hölderlins Schicksal ist vor allem ein Heldenschicksal. Wir sehen oft große, begnadete Menschen an Widerständen zugrunde gehen, mit welchen der Kleine spielend fertig wird, und der gesunde Durchschnittsverstand hat es leicht, die Begnadeten als Psychopathen zu erklären. (...) Aber weit darüber hinaus sind sie Helden. (...) Hölderlin war es beschieden, dies tragische Schicksal des Begnadeten weithin sichtbar zu machen. (...) Bei ihm sind Werk und Schicksal nicht zu trennen."