Die Kunst des lässigen Anstands von Alexander von Schönburg ist ein gelungenes Kompendium von zeitlosen Werten und Tugenden, deren Befolgung zu einer spürbaren Mehrung des Glücks führen können. Erst durch die konsequente Anwendung dieser "ewigen Wahrheiten", so der Autor, könne eine Gesellschaft sich zu einer Zivilsation sublimieren. Doch die im Buch vorgestellten Tugenden stehen vor mehreren Seiten - wie zu allen Zeiten - unter Beschuss.
Der Verfasser geht auf 27 Tugenden ein, die er für besonders relevant hält. Stets ist er bemüht, eine Synthese herzustellen aus einerseits historischen Beispielen, gerne aus der Bibel oder dem christlichen Mittelalter mit seinen Sagen, und der modernen Welt, in der wir uns bewegen.
In toto muss ich sagen, dass man vieles findet, was einen zum Nachdenken bringt und Denkanstöße liefert, um sich Gedanken über Werte und Tugenden zu machen, sowie darüber, was es an Mehrwert bringen könnte, sich an sie zu halten, auch und gerade wenn sich die Umwelt und der Mainstream untugendhaft aufführen. Allerdings ergeht sich der Autor des Öfteren in weitschweifigen Ausführungen, die wenig stringent auf die jeweilige Tugend passen; manchmal hat man schon das Gefühl, er habe lediglich versucht, die Seiten mit interessanten Geschichten voll zu schreiben. Nicht, dass sie nicht interessant wären - aber einige Male entfernt man sich doch sehr weit vom eigentlichen Thema und die Argumentation wirkt doch sehr weit hergeholt.
Grundsätzlich kann man ihm aber bei vielerlei Recht geben, vor allem, wenn er konstatiert, dass ein anything goes keinesfalls zielführend sein kann und man sich an bestimmten Idealen orientieren sollte, um ein besserer Mensch zu werden.
Die Einschübe mit konkreten Fragestellungen zu Alltagsfragen sind absoluter Mist, man kann es kaum anders sagen. Sie passen auch nicht zum Geringsten zur Argumentationsführung des Autors; ich könnte mir vorstellen, dass dies einfach eine Vorgabe des Verlags war. Jedenfalls mehr als nur überflüssig. Ein weiterer Minuspunkt ist, dass die Qualität der Argumente und Ausführungen gegen Ende des Buches merklich nachlässt.
Die abschließenden Worte wiederum bügeln vieles wieder aus, was m. E. zuvor verspielt wurde. Und insgesamt ist das Buch durchaus lebenswert, wenn man zumindest nach Orientierung sucht, was in der heutigen Zeit mit ihrem Fortschrittsglauben nicht wirklich einfach ist.
Dieses Buch ist kein klassischer Ratgeber; wer meint, sich einen "kommentierten Knigge" zuzulegen, wird enttäuscht werden. Vielmehr handelt es sich um eine essayistische Zusammenschau zeitloser Werte und Tugenden, die über 360 Seiten durchdiskutiert und eingeordnet werden. Insofern lohnt die kritische Lektüre durchaus.