Eine Gesellschaftsdiagnose aus philosophischer Sicht voller überraschender ErkenntnisseKonservative Landbewohner mögen Hunde, moderne Städter lieber Katzen. Wutbürger sind eigentlich Ekelbürger. Angst macht nicht fremdenfeindlich. Politische Korrektheit ist ein Erkennungszeichen für Gruppenzugehörigkeit. Menschen leben dort streng religiös, wo es viele Parasiten gibt. Erkenntnisse wie diese präsentiert Philipp Hübl aus weltweiten wissenschaftlichen Untersuchungen. Seine Erklärung Emotionen prägen unsere moralische Identität und damit unsere politischen Präferenzen. Zwischen Traditionalisten und Kosmopoliten verstärkt sich die Polarisierung, wir leben in einer immer aufgeregteren Gesellschaft. Dabei geht es um die Frage, welche Werte ein gutes Leben ausmachen. Die Bruchlinien verlaufen zwischen Alt und Jung, Land und Stadt, Auto und Fahrrad, Tatort und Netflix, Vergangenheit und Zukunft. Wir sind der Aufregung aber nicht hilflos ausgeliefert, sondern in der Lage, selbst zu entscheiden, nach welchen Werten wir leben wollen.
Hübls Grundeinsichten zur Rolle des Ekels bei der Ausprägung konservativer Grundeinstellungen, seine virtuose Handhabung der Idealabstraktionen "Offenheit" und "Geschlossenheit", um tribalistisch- abgrenzendes es oder eben global- aufgeschlossenes Verhalten zu analysieren, tragen über 300 Seiten das ganze, gut recherchierte Buch. Dabei zeichnet Hübls Vorgehen aus, dass er keine Belege für eine These sucht, sondern eine Vielzahl sozialpsychologischer Studien zu einem Themenfeld diskutiert, um dann seinen philosophisch abgesicherten Schluss daraus zu ziehen. Auf diese Weise bereichert er die traditionelle Moralphilosophie jenseits aller Spekulation um die Auswertung reichen empirischen Materials und korrigiert wie nebenher manch psychologischen Fehlschluss. Letzteres kommt besonders deswegen häufig vor, weil viele empirisch arbeitende Wissenschaftler, entgegen der schon von David Hume formulierten Erkenntnis, dass man aus dem Seienden kein Sollendes ableiten kann, genau das tun: Sie interpretieren die vorgefundenen Verhaltensmuster als unveränderlich und naturgegeben. So ist es z.B. kein Wunder, dass kognitive Psychologen die Rolle von Emotionen oft unter-, andere Kolleg/innen sie hingegen verabsolutiert haben. Beides ist falsch: Wenn unsere moralischen Werturteile angeboren und/ oder ausschließlich emotionsbasiert wären, wäre der Wertewandel mit Blick etwa auf Homophobie nicht zu erklären. Hübl führt an eher auf die Familie gerichteten, aber dann auch anhand von politischen oder zwischenstaatlichen Fragestellungen vor, wie das erste "schnelle" kognitive Verarbeitungssystem "aus dem Bauch heraus" Entscheidungen fällt, die wir mit dem "langsamen", also intellektuelle Arbeit erfordernden zweiten System korrigieren können (aber leider nicht müssen). Zeigt man Menschen für den Bruchteil einer Sekunde ein Bild, das sie abstößt, registriert der Hirn- Scanner diese Ablehnung als quasi naturgegeben. Trotzdem kann das kulturelle bzw. Bildungswissen diesen ersten Impuls erfolgreich überschreiben. Ich kann mir also vorstellen, dass ich beim Anblick zweier sich küssender Männer instinktiv ablehnend reagieren, meinem Sohn eine homoerotische Neigung jedoch nicht übel nehmen würde. Das Optimistische an Hübls Analysen ist, dass er überzeugend herausarbeitet, inwieweit "Offenheit" für Fortschritte auf Gebieten zuständig ist, die allgemein von den Menschen akzeptiert und gewollt werden. Islamistische Macho- Gesellschaften scheitern daran, dass sie attraktiven Werten und Leistungen des Westens (social media, freie Partnerwahl, persönliche Freiheit usw.) nichts Gleichwertiges entgegen setzen können. Deswegen geht die Tendenz weltweit zur Akzeptanz "westlicher Werte", die nicht in Kolonialmanier "exportiert" werden können oder sollten, die sich aber ihrer Universalität wegen ausbreiten und weltweit Akzeptanz finden können. "Westlich" ist an diesen Werten also nur, dass sie im Westen erstmals formuliert wurden. Gegen den Kulturrelativismus, der anderen Kulturen "eigene antiwestliche" Werte bescheinigt, ließe sich einwenden, dass dies nicht universalisierbar sind. In Gesellschaften, die es Frauen nahelegen, sich mit ihrem verstorbenen Gatten verbrennen zu lassen, kann "Freiheit" befreiend wirken; umgekehrt dürfte das Prinzip, dem Mann in den Tod zu folgen, weder in Afrika noch in Japan je (wieder) akzeptabel werden. Diese Fragerichtung finde ich produktiv und sie hat mein Nachdenken über solche Problemstellungen bereichert, denn oft sehen wir ja vor lauter Bäumen den Zusammenhang "Wald" nicht mehr, oder wir sehen überall Wälder, aber keine Bäume. Konservatives Denken wird aussterben, egal, was die AfD davon hält, und ein wirklich verblüffender Zusammenhang ist, dass Penicillin, Impfungen und verbesserte Körperhygiene die Menschen aufgeschlossener und freier machen! Wer hätte das gedacht? Schafft in Afrika oder im Jemen menschenwürdige Lebensbedingungen und eine gute medizinische Versorgung und das Problem des Islamismus wird sich mit der Zeit (wie von selbst, aber eben doch nicht von selbst) erledigen. Damit sei das Buche allen empfohlen, die sich von solchen psychologischen Studienergebnissen überraschen und in ihren festgefügten Weltbildern stören lassen wollen. Das gilt besonders auch auf dem Gebiet der Politischen Korrektheit, des Genderns, des Anti- Rassismus usw. Jenseits der überhitzten Debatten hat Hübl hier interessante Einsichten zu den hinter dem Meinungskampf verborgenen Mechanismen anzubieten. Aus meiner Sicht überzeugend. Übrigens habe ich den Autor hier bereits zwei Mal wegen seiner etwas drögen Schreibweise kritisiert. Das trifft auf dieses Buch absolut nicht mehr zu. Philipp Hübl hat seinen Stil gefunden. Der Text Buch liest sich kurzweilig und ist auf keiner Seite langweilig. Das muss man als Philosoph auch erst einmal können. Also: absolut empfehlenswert!
Hammer Buch! Egal ob Ekel, Angst - viele Sachen sind instinktiv programmiert bei uns, um uns zu schützen. Heutzutage sind Situationen teilweise falsch abgeschätzt und wir entscheiden aus Ekel falsch. Früher war sowas sicher hilfreich, aber heutzutage sind einige moralische Antibiotika überholt. Ein Beispiel sind Globalisierung oder Brexit wo klare Brüche auftreten. Ein Zwiespalt zwischen Konservative oder progressive Werte. Werte dagegen: Offenheit, Verschiedenheit oder
Andere interessante Punkte im Buch: - Identitätspolitik - Hyper-Fürsorge - Politische Korrektheit - non-mobile older rural male - kognitiver Dissonanz - Allgemeine Erklärung der Menschenrechte Etc.
Der Autor Hübl geht auf die unterschiedlichsten zeitgenössischen Fragestellungen der Psychologie, Sozialpsychologie und Moralphilosophie, aus der dann die Ethik entspringt, im Hinblick auf die drei großen Oberbegriffe Moral, Politik, Gesellschaft ein. In seinen Ausführungen stützt er sich dabei auf unzählige wissenschaftliche Studien und Erkenntnisse. Als Vertreter der analytischen Philosophie verzichtet Hübl größtenteils auf hoch-geistige Sprache, was für den Lesefluss sehr angenehm ist. Das Buch ist für mich ganz klar lesenswert!
Ein must read für jeden politisch interessierten Menschen! Hübel schafft es gekonnt die aktuelle Forschungslage zur Moral-, Sozial- und politischen Psychologie darzulegen und leicht verständlich zu präsentieren. Außerdem verknüpft er diese Erkenntnisse miteinander und webt sie in eine übergreifende Theorie ein. So gelingt es ihm nicht nur evidenzbasiert die Grundlagen für Menschenfeindlichkeit, wie Rassismus, Sexismus, etc. zu erklären, sondern dem Lesenden ebenfalls einen positiven Zukunftsausblick und einige Handlungsempfehlungen an die Hand zu geben. Bis auf eine fehlende Einordnung der Theorie der Schuld- und Schamkulturen (die Einteilung ist wissenschaftlich eher umstritten) sind mir keine inhaltlichen Fehler aufgefallen. Und die hier angesprochenen Themenbereiche sind der Schwerpunkt meines Studiums. Für diejenigen, die politische Psychologie also interessiert, die es aber nicht studieren wollen, bietet dieses Buch die ideale Grundlage für autodidaktisches Durchwühlen durch die z.T. noch sehr neue Forschung!
Was für ein großartiges Buch. Philipp Hübl ist ein deutscher Philosoph und Autor und beschäftigt sich in diesem Buch damit was Moral für uns bedeutet, wie sie entsteht und wie die Unterschiede zwischen eher konservativen und eher prograssiven Menschen zustande kommen. Warum werden Diskurse in Kommentarspalten häufig so ausfallend? Wie entwickeln wir überhaupt eigene Werte und wie gehen wir mit ihnen um? Und wieso ist es uns so wichtig uns einer bestimmten Gruppe zugehörig zu fühlen? Diese und viele weitere Fragen klärt Philipp Hübl in "Die aufgeregte Gesellschaft". Er stellt sehr grundlegende Fragen, beschäftigt sich aber auch mit Vergangenheit und Geschichte.
Ich habe enorm viel aus diesem Buch gelernt und hätte noch viele Stunden zuhören können. Auf jeden Fall kann ich jetzt vieles besser verstehen und einordnen und das Buch hat mich sehr hoffnunsvoll und optimistisch zurück gelassen.
Die Konservativen oder die Progressiven - wer beeinflusst wie die Welt und wie hängen die Themen politischen und gesellschaftlich zusammen. Hübl zitiert und analysiert umfassend.
“Zwischen »Gut« und »Böse« finden sich zahllose Graustufen. Dennoch hegen viele Menschen den Wunsch nach moralischer Eindeutigkeit. […] Doch Moral ist selten so eindeutig, wie sie auf den ersten Blick erscheint. […] Absolute moralische Gewissheit entspringt meist aus einer Naivität, die Nuancen und Schattierungen missachtet.” S.18 “Bei den Rechtsradikalen hat die Flüchtlingssituation aber nicht Hass ausgelöst, sondern ihn konkretisiert.” S.145 “Neid ist nicht nur eine Form der Bewunderung, sondern zugleich immer auch ein Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit.” S.194 “[In zahlreichen Studien wurde festgestellt], dass die Neigung zu Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit eher verschärft wird, wenn wir die Verschiedenheit von Gruppen betonen.” S.216 “Sobald wir alles besitzen, was wir zum täglichen Leben benötigen, müsste unser Konsum eigentlich deutlich nachlassen. Das ist aber nicht der Fall […]. Jetzt wollen wir das ästhetische Neue und Besondere, die “Singularitäten” […]: originelle oder seltene Einzelstücke. Und daher konsumieren wir weiter.” S.263