Voyeuristisches Vexierspiel mit den Realitäten
Gesetzt den Fall, dass der Leser, die Leserin ein Faible für Oscar Wilde, ja, sogar ein voyeuristisches Interesse am Umfeld des irischen Literaten hat und ein gerüttelt Maß an parapsychologischen Gedankenspielen schätzt, dann ist „Die Nebelkrähe“ es wert, gelesen zu werden. Bei all den historischen Recherchen, die Alexander Pechmann in seinen Roman als kräftige Brühe an Kuriositäten einfließen ließ, blieb die eigentliche Geschichte aber dünn. Weniger eine Gothic Story als ein spiritistisch aufgepepptes Stimmungsbild der Roaring Twenties.
London, 1923. Hauptfigur ist der englische Physikstudent Peter Vane, der traumatisiert aus den Schützengräben des I. Weltkriegs heimgekehrt, Halt in der nüchternen Sicherheit der Zahlen sucht: „Die Logik mathematischer Formeln und Gleichungen war für mich wie ein kühles Tuch auf der Stirn eines Fieberkranken…und gab mir die Gewissheit, dass Begriffe wie richtig und falsch noch ihre Berechtigung hatten.“
Ausgerechnet ihn, den streng rational denkenden Naturwissenschaftler, plagen Stimmen. Nicht genug des Ungemachs. Immer wieder sieht Vane für Sekundenbruchteile die Gestalt seines Kameraden Finley, der im Krieg sein Lebensretter war und seither verschwunden ist. Derselbe Finley, der ihm vor seinem Abtransport ins Lazarett zur Verwahrung eine Daguerrotypie zusteckte, die ein vierjähriges Kind zeigt, Lily. Verliert der Physiker aufgrund posttraumatischer Belastung langsam den Verstand oder stecken jenseitige Einflüsterer dahinter. War Finley wirklich Finley? Zeigt Lily tatsächlich Lily? Der Mann der Wissenschaft wird zuhauf mit absurden Fragen konfrontiert.
Pechmann arbeitet mit Dichotomien. Er lässt Peter Vane mit Hester Dowden und ihrer weiblich dominierten Londoner Spiritistenallianz (LSA) in Kontakt treten und an Séancen teilnehmen. Gleichzeitig schickt er die männlich geprägte Gesellschaft für Parapsychologische Forschung (SPR) rund um Professor Dingwall ins Rennen, die Séancen unter kritisch-wissenschaftlichen Kriterien untersucht. Alles illustre historische Figuren mit Ecken und Kanten; ständig zwischen Wahrheitsfindung und Scharade oszillierend. Überhaupt hat es der Autor mit Namedropping. Immer wieder baut er bekannte Namen ein, um das bunte Panoptikum der Zwanzigerjahre weiter auszukleiden. So hat auch der Spukgeschichtenschreiber Algernon Blackwood einen kurzen Auftritt, der in Pechmanns späterem Buch „Die zehnte Muse“ zu einer der Hauptfiguren wird.
Und mit der beschwingten Dolly, Oscar Wildes Nichte, führt der Autor seinem spröden Hauptprotagonisten Peter ein humorvolles, geistreiches, lasterhaftes Pendent zu. Dolly flitzt mit dem roten Bentley durch London und glänzt als Schmuckstück jeder Society-Veranstaltung. Opposites attract. Zudem erkennt er sie wieder, als jene Sanitätsfahrerin, die einst Kameraden Finley abtransportierte. Wobei sich hier weniger ein Kreis schließt als eine Spirale fortführt.
Dolly Wilde ist es, die dem fakten- und zahlentreuen Vane neue Blickwinkel auf die Realität öffnet: „Wenn die Illusion uns etwas gibt, was die Wirklichkeit uns nicht geben kann, ist sie ein Geschenk, für das wir dankbar sein sollten…Vielleicht ist das Leben nur ein Traum, der uns am Schlafen hindert.“
Zugegeben, Pechmann verleiht seinen Figuren Farbe und Facetten, fängt den Zeitgeist von Wissenschaft und Parawissenschaft der 1920er gekonnt ein und steckt ihn wie einen Dschinn in die Flasche, sprich den Roman.
Was ihm nicht gelingt: eine durchgehende Geschichte zu erzählen. Sie bleibt eher zartes Beiwerk, überdeckt durch Einschübe, Anekdoten und voyeuristische Einblicke in das Leben der Figuren.
Und was mich als Anglophilen besonders erschreckte, mehr als jeder Spuk, war der Anfang der „Nebelkrähe“. Der Roman legt mit köstlichen Spannungsingredienzien los, die Erwartungshaltung baut sich zusehends auf, ehe auf Seite 9 „Ticket nach Blitey“ steht. Diese Schreibweise von „Blighty“ (ein Synonym für England) fühlt sich an, als ob man beim Küssen plötzlich mit Knoblaucharoma konfrontiert wird. Oscar Wilde hätte seinen Spaß ob meiner Empörung, hielt er Fakten doch ohnehin für überbewertet…