Zu Beginn hat mir der Roman gefallen, denn Amrita stellt sich zuerst als gute Familiengeschichte dar. Die Schwester fehlt der gesamten-Familie schmerzlich, sie hat sich irgendwie umgebracht, denn ständiger Alkohol- Tablettenmissbrauch und Autofahren sind halt keine gute Kombination und dem Leben abträglich. Protagonistin Sakumi geht irgendwann eine Beziehung mit dem Freund der Schwester ein. Sie erlebt nach einem Unfall, bei dem sie sich schwer verletzt hat eine schmerzliche Zäsur, denn sie leidet an retrograder Amnesie, die sie selbst und auch ihre Beziehung zu ihrer Familie und zur Umwelt verändert hat.
Bruder Yoshio, das hypersensible Kind hat Visionen, Träume und Vorahnungen, hört Stimmen und ist ständig müde. Diese Talente, beziehungsweise Un-Talente werfen ihn total aus der Bahn, er isoliert sich, hat keine Freunde, schwänzt die Schule und verliert seinen Antrieb. Die Mutter hat sich emanzipiert und scheiden lassen, sie lebt mit ihrer besten Freundin ihren Kindern und der Nichte in einem für japanische Verhältnisse sehr progressiven Haushalt, der irgendwie trotz der Trauer und aller Probleme einigermaßen gut funktioniert, weil sich die Mitglieder unterstützen und wertschätzend respektvoll miteinander umgehen.
Diese sehr ungewöhnliche Patchwork Wahlfamilie, stellt fast den Gegenentwurf zum typischen japanischen Leistungsgedanken und dem dar, was in Japan als funktionaler, karriereorientierter, stets beschäftigter Lebensstil verlangt wird. Alle lassen sich ein bisschen treiben, haben öfter länger keinen Job, keinen Plan fürs Leben, lavieren herum, unterwerfen sich wenigen Konventionen und viele der beschriebenen Figuren pflegen sehr ausführlich ihre variantenreichen esoterischen Spleens.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr die Japaner mit ihrer rationalen Leistungsgesellschaft in der Literatur und vielleicht auch in der Freizeit so als Sehnsucht ins Esoterische kippen: Da hört man die Geister der Toten, Vorahnungen und Visionen prägen die Figuren, viele Charakter haben telepathische Fähigkeiten, was ganz normal und selbstverständlich in den Alltag einer fiktionalen Geschichte in der Gegenwart integriert ist. So ein Bedürfnis nach dem Übersinnlichen ist wahrscheinlich auch der Shinto-Religion der Vorfahren geschuldet. Ähnliche Muster in der Fiktion verwenden auch Murakami und Konsorten.
Bis zu diesem Punkt, hat mir auch alles ganz gut gefallen, die Autorin Banana Yoshimoto weiß ihre Fabulierkunst einzusetzen, die Figuren sind liebevoll entwickelt. Fast schien es so, als wäre sie ein progressiverer Murakami in Frauengestalt, eine Autorin, die die Integration von Mystik in die Realwelt inklusive der Beschreibung modernen japanischen Lebens, die Synthese und Verschmelzung von zwei Welten, der rationalen und der irrationalen besser zusammengebracht hat, denn ihre Fiktion lebt ohne Murakamis Sexismus, und ohne die überalterten Rollenklischees der Frau als Dienerin, Sklavin, Hure und Geisha des Mannes.
Aber dann äußern sich derart fundamentale Schwächen im Plot, dass ich nur noch genervt war. Fast nix Substanzielles passiert, die Handlung ist zäh wie Kaugummi. In redundanten Schleifen wird immer um dieselben Ereignisse der Vergangenheit gekreist. Dieselbe Szene und ich spreche da nicht nur von einer Szene, sondern vielen, wird manchmal mehr als vier Mal ohne neue Aspekte erzählt: Zum Beispiel die Kopfverletzung und der darauf folgende Gedächtnisverlust oder auch die Wiedererlangung der Erinnerungen nach der retrograden Amnesie, der Tod der Schwester, oder der Urlaub auf der fernen Pazifikinsel - immer die gleiche Leier zuerst detailliert geschildert, dann mit der Wahlfamilie besprochen und zehn Seiten später als Brief in der Zusammenfassung, dann noch als Erinnerung tausendmal… so geht es munter weiter.
Die spärliche weitere Handlung mäandert meiner Meinung nach wie hundert Schallplatten mit Sprung in unzähligen Wiederholungen – Ach ja und irgendwann macht die Protagonistin sogar in einer erneuten Rekapitulation noch eine Checkliste in Stichwortform, was ihr in den letzten Jahren passiert ist, die dann auch wieder mit ihrem Freund besprochen wird. Will mich Yoshimoto verarschen oder quälen? Das muss ja sogar ihr auffallen, dass so ein Handlungsaufbau gegen jede zulässige Regel der Dramaturgie verstößt, das ist nur noch Folter der Leserschaft. Der Roman wird so mühsam, zwischen Seite 300 und 500 gleicht die Autorin einer halbdementen, erzählfreudigen einsamen alten Dame, die nicht einmal mehr merkt, wem sie die ewig gleichen Gschichtln schon erzählt hat.
Und jetzt echt!? 500 Seiten in einem Roman sind schon eine starke Bürde, die man den Lesern abverlangt, aber 200 Seiten Wiederholung kaum mit Entwicklung sind eine Verarsche und Frechheit. Was ist eigentlich dem Lektorat da eingefallen? Eine deutliche Straffung der Handlung hätten dem Buch gutgetan. So kann ich nur fassungslos den Kopf schütteln, bei fundamentalen Fehlern im Plot bin ich wirklich heikel und werde schnell ungehalten.
Fazit: Sehr gut begonnen, bis zur Mitte ganz ambitioniert und die letzten 250 Seiten grausam abgestunken dieser Roman. Keine Leseempfehlung!