Heinz Halm, Professor Emeritus für islamische Geschichte, ist es gelungen sein Wissen auf weniger als 100 Seiten zu kondensieren. Dabei beeinträchtigt die Dichte der Informationen nicht die Lesbarkeit des Buches. Mir hat zum Verständnis insbesondere die etymologische Herleitung zentraler Begriffe geholfen wie Islam („sich ergeben“), Muslim („der sich Ergebende“), Dschihad („Anstrengung“), Scharia („Pfad zur Tränke“), aber auch Namen wie Gibraltar (=Dschabal Târiq, „Berg des Târiq“, also des Anführers der muslimischen Eroberung Andalusiens).
Manche Grundlagen des Islam, wie die fünf Säulen und die Hidschra, waren mir in bekannt, viel klarer wurde mir aber die Bedeutung der Hadîthe, also der Aussprüche Mohammeds. Während der Koran wörtlich als von Gott gegeben gilt, gibt es bei ihnen Raum für Interpretation und Zweifel an ihrer Authentizität. Überhaupt ist die Scharia, also das islamische Recht, kein ausformuliertes Gesetzbuch, sondern besteht im kollektiven Gedächtnis des Islam, das verkörpert wird durch den Berufsstand der Rechtsgelehrten. Somit ist auch sie grundsätzlich offen für Interpretation und zeitlichen Veränderung. In der Frühphase des Islam gab es sogar die Strömung der Mu’tazila, die auch den Koran selbst nicht als ewig, sondern für seine Zeit geschaffen ansahen.
Völlig neu für mich war die Bedeutung der unterschiedlichen theologischen und Rechtsschulen wie Hanifiten (Türkei und Zentralasien), Malikiten (Nordafrika), Schafiiten (Indien, Indonesien, Ostafrika) und Hanbaliten, auf die sich die saudischen Wahhabiten beziehen. Dies und die Tatsache, dass der Islam keine umfassende Organisation vergleichbar einer „Kirche“ hat, verdeutlichen seine Vielgestaltigkeit, deren sich christliche/westliche Beobachter häufig nicht bewusst sind.
Dieses Büchlein ist ideal geeignet, um sich schnell ein fundiertes Grundwissen über den Islam anzueignen. Trotz seiner wissenschaftlichen Strenge ist es leicht zu lesen und hilft die Glaubenswelt unserer muslimischen Mitbürger, aber auch politische Erscheinungen wie den sogenannten „Islamischen Staat“ mit dem selbsternannten „Kalifen“ Abu Bakr al-Baghdadi zu verstehen.