Wahrlich keine Liebe auf den ersten Blick….
Die ersten 150 Seiten waren ein langweiliges Durchquälen, da nichts darauf hindeutet, dass mich die Geschichte noch irgendwie interessieren geschweige denn fesseln könnte.
Dann geht es langsam los mit der Scheherazade, alte Frau (Jean) erzählt junger Frau (Kate) Geschichten aus ihrem Leben und aus dem Leben ihrer Eltern, ihres Bruders Jeremy und dessen Familie (Ehefrau Gloria und Kids Jennifer und Simon).
In einem parallelen Erzählstrang wird der Alltag von Kate und deren inneres Leid (Trauer um den verstorbenen Vater), sowie die Beziehung zu ihrem Lover Laurits, einem Dokumentarfilmer und Lebenskünstler bespielt.
Die Geschichte spielt im Jahre 1999 irgendwo im mittleren Westen, in der fiktiven College Stadt Scarsville. 1999 ist übrigens auch das Todesjahr von Theodore Hall, der in der Danksagung erwähnt wird.
Inhaltlich lässt sich sonst nicht allzu viel sagen, ohne zu spoilern.
Nach ungefähr 200 Seiten war ich in dem Roman drin und im letzten Drittel der insgesamt 412 Seiten war ich gebannt bis zum Schluss.
Die anfängliche kontemplative, sehr ruhige Stimmung, wird ab der Hälfte deutlich kontrastiert von dramatischen Ereignissen sowohl in den Geschichten von Jean als auch in Kates Gegenwart. Zudem erfahre ich einiges über Personen und Organisationen aus der US-Geschichte der Sechziger- und Siebzigerjahre, die ich nicht kannte und denen der Autor hier eine literarische Gedächtnisstätte einrichtet.
Für die Dramatik in der zweiten Hälfte war ich sehr dankbar, denn ich war mehrmals nahe dran den Roman in den nächsten öffentlichen Bücherschrank zu verbannen, trotz aller Bewunderung für John Burnside.
Das wäre sehr schade gewesen. Denn so sperrig dieser Roman auch erscheinen mag, ist er irgendwie ein wertvoller Monolith der Erinnerungskultur, der den Kampf gegen das Vergessen aufnimmt. Die beiden Protagonistinnen retten sich gegenseitig vor der Einsamkeit, vor dem Vergessen, vor dem Verdrängen. Es steckt ganz viel Liebe in dem Roman, und er hat sehr berührende Passagen. Er feiert die zwischenmenschliche Fürsorge, das füreinander Dasein, das gegenseitige Zuhören. Es ist aber auch ein politisches Buch, das uns inspirieren kann, weil es die Hoffnung nicht aufgibt.
Die Figurenzeichnung ist wie immer bei Burnside sehr gelungen, sehr liebevoll und zärtlich, erstaunlich auch gerade für einen männlichen Autor, dass es ihm so glaubwürdig gelingt, sich in Kate, seine Hauptfigur hineinzuversetzen.
Jedenfalls arbeiten Figuren und Message stark in mir nach und manche Szenen brennen sich ins Gedächtnis.
Was die Inszenierung betrifft, ist es sicher nicht der spannendste Roman von Burnside. Die Inszenierung ist auch nicht schwach oder schlecht, sondern einfach nur sehr ruhig und nicht für den ungeduldigen Leser wie mich konzipiert, dem es schnell zu langweilig wird und der dann auch mal das Interesse an dem ganzen Konstrukt verliert. Ich musste mich vor allem anfangs schon sehr zusammenreißen, um dranzubleiben.
Im letzten Kapitel lässt Burnside seine Figur reflektieren und gibt damit indirekt eine Art Gebrauchsanweisung für diesen Roman.
„Der Zufall wollte, dass ich es war. Es hätte irgendwer bis zu dem Haus gehen können, dass auf keiner Karte verzeichnet ist, und ich frage mich, hätte dieser Jemand es getan, wie lange hätte er gebraucht, um herauszufinden, dass die Geschichte auf einer bestimmten Ebene, nicht die Summe dessen ist, worauf es hier ankommt. Dass kein einzelner, auch kein vielschichtiger Erzählstrang, die ganze Realität ausmacht. Entscheidend ist das Gewebe von Zeit und Raum, all die Ereignisse, die je geschahen, führten zu einem Treffen, das sich nicht dem Zufall verdankte; morgendliche Hitze, Vogelruf und das Gespräch zweier Frauen, die sich diese Geschichten laut erzählen mussten, die sie zu lange sub voce für sich behalten hatten – gewöhnliche Geschichten, zweifellos Geschichten von verlorener Liebe und Kummer und mehr noch, Geschichten von ungetanen, ungesagten Dingen, die deshalb nicht minder Teil des Gewebes sind.“
Empfehlung? Ich wüsste nicht, wem ich diesen Roman zum Lesen empfehlen würde, aber ich selbst bin froh, ihn zu Ende gelesen zu haben. Wer den Autor noch nicht kennt, sollte aber lieber mit anderen Romanen starten.