De retour d’Afghanistan où il a perdu plusieurs de ses hommes, le lieutenant Romain Roller est dévasté. Au cours du séjour de décompression organisé par l’armée à Chypre, il a une liaison avec la jeune journaliste et écrivain Marion Decker. Dès le lendemain, il apprend qu’elle est mariée à François Vély, un charismatique entrepreneur franco-américain, fils d’un ancien ministre et résistant juif. En France, Marion et Romain se revoient et vivent en secret une grande passion amoureuse. Mais François est accusé de racisme après avoir posé pour un magazine, assis sur une œuvre d’art représentant une femme noire. À la veille d’une importante fusion avec une société américaine, son empire est menacé. Un ami d’enfance de Romain, Osman Diboula, fils d’immigrés ivoiriens devenu au lendemain des émeutes de 2005 une personnalité politique montante, prend alors publiquement la défense de l’homme d’affaires, entraînant malgré lui tous les protagonistes dans une épopée puissante qui révèle la violence du monde.
Après des études de droit et un diplôme de l'Université Paris II, Karine Tuil est l'auteur de neuf romans, d'une pièce de théâtre et de plusieurs scénarios. En septembre 2000 parait son premier roman Pour le Pire aux éditions Plon qui inaugure une collection "jeunes auteurs". Il relate la lente décomposition d'un couple. il est plébiscité par les libraires mais c'est son second roman, Interdit, (Plon 2001) - récit burlesque de la crise identitaire d'un vieux juif - qui connaît un succès critique et public. Sélectionné pour plusieurs prix dont le prix Goncourt, Interdit obtient le prix Wizo. Il est traduit en plusieurs langues. Le sens de l'ironie et de la tragi-comédie, l'humour juif se retrouvent encore dans 'Du sexe féminin' en 2002 - une comédie acerbe sur les relations mère-fille, ce troisième roman concluant sa trilogie sur la famille juive. En 2003, elle rejoint les Éditions Grasset où elle publie son quatrième roman Tout sur mon frère qui explore les effets pervers de l'autofiction (nommé pour les Prix des libraires et finaliste du prix France Télévision). En 2005, elle publie Quand j'étais drôle qui raconte les déboires d'un comique français à New-York. En 2007, elle publie Douce France, un roman social qui dévoile le fonctionnement des centres de rétention administrative. En 2008, sort son septième roman, pour lequel elle reçoit la Bourse Stendhal du ministère des Affaires étrangères. Il évoque les jeux de pouvoir dans le milieu de l'édition à travers les prismes de l'identité. Il a fait partie des premières sélections du prix Goncourt, prix Goncourt des lycéens et du prix de Flore. En 2010, son roman Six mois, six jours fait partie de la première et deuxième sélection du prix Goncourt 2010, de la première sélection du prix Interalié et du prix Goncourt des lycéens. Il a obtenu en 2011, le prix littéraire du roman news organisé par le magazine styletto et le Drugstore publicis. Son neuvième roman intitulé L'invention de nos vies paraît en septembre 2013 à l'occasion de la rentrée littéraire aux éditions Grasset. Il est en cours de traduction en Allemagne et aux Pays-Bas
Das Buch wurde im Schweizer Literaturclub diskutiert und für gut befunden. Besonders interessierte mich die Aussage, dass das Buch die gesellschaftliche Lage in Frankreich sehr gut herausstellen soll, warum die Rechtspopulisten so viel Aufwind dort bekommen. Es "seziert die ideologischen Unterströmungen einer Gesellschaft, die kein Wir mehr kennt."
Das Buch selber liefert folgendes Zitat: " Zwischen den Mächtigen und dem realen Leben klaffte ein schier unüberbrückbarer Abgrund - die Elite hatte den Bezug zur Basis verloren"
Klarer Fokus des Buches liegt auf dem Antisemitismus, gefolgt vom allgemeinen Rassismus. Es wird der "Wettbewerb des Leidens" behandelt - Shoah vs. Kolonialismus. Diesen Gedanken weiter spinnend, bietet uns Frau Tuil Issa, einen radikalen Vertreter des Antisemitismus, der sich für Rassentrennung ausspricht, gegen die Verwestlichung eintritt und mit dem IS sympathisiert. Weitere Themen sind sozialer Determinismus, gesellschaftliche Fassaden die gewahrt werden, Hetzjagd der Medien, Identität und mit großen Anteilen Kriegstraumata und die Konfliktherde Afghanistan und Irak. Diese Tüte voll Themen haben mich das Buch auch beenden lassen. Das Buch zu lesen wär nämlich eine Qual. Die für mich stärkste Szene des Buches ereignete sich schon recht früh, in der Osman einen Kongress besucht und eine kritische Wortmeldung abgibt. Habe dadurch Verlan, die Spielsprache der Franzosen kennengelernt, in der Silben umgekehrt werden. Man nutzte dort das Wort Beurgeoisie ( Beur- Araber rückwärts gelesen). Osman war der Ansicht, dass dieser Euphemismus sie zurück ins Ghetto schicken würde, wo diese Sprache gesprochen werde und zitiert dann Camus. Vom Rest des Buches muss ich sagen, dass mich das sprachlich überhaupt nicht überzeugt hat. Frau Tuil gestaltet das gesamte Buch nur in Dialogen und spröden Nacherzählungen was passiert ist und wer was gedacht hat. Da werden keine Bilder aufgerufen, keine Szenischen Sequenzen, die für sich sprechen und nichts liegt tiefer vergraben. Alles wird klar ausgesprochen, ehr wegberichtet und endet häufig in Kalendersprüchen. Dazu kommen in kurzen Abständen viele Zeitsprünge. Es war mir unmöglich irgendeine Nähe zu den Figuren aufzubauen und ihre Entwicklung plausibel nachzufühlen. Ich ertappte mich ständig dabei wegzudriften. Die Themen werden durch diesen Stil auch nur oberflächlich gestreift. Bis zum Schluss kam keine tiefgreifende Erkenntnis auf, die ich nicht auch in einem Zeitungsartikel nachlesen kann. Tiefpunkt des Buches, die furchtbar schmonzettige, mir schleierhafte Liebesbeziehung mit Gruseldialogen, zwischen Marion und Romain. Bin nach der medialen Lobhudelei des Buches massiv enttäuscht.
On ne sort jamais vraiment des livres de Karine Tuil car ses livres sont la vie, notre vie avec toute la violence de l'époque actuelle. La violence de la guerre bien sûr avec Romain, la violence du racisme avec Osman, la violence de l'identité religieuse avec François mais aussi la violence de l'amour et du pouvoir. L'époque contemporaine est violente et l'insouciance ne fait définitivement pas partie de ce monde. Comme dans chacun de ses livres, Karine Tuil s'interroge, nous interroge sur les sujets d'actualité et elle le fait toujours avec talent.
Karine Tuil entfaltet über mehr als fünfhundert Seiten ein Panorama unserer Zeit, in dem Macht, Terror, Identität und gesellschaftliche Brüche ineinander verwoben sind. Man liest von geopolitischen Konflikten, von den Spannungen der Banlieues, von religiöser Zugehörigkeit, von Liebe und politischem Ehrgeiz. Alles ist da, alles ist präsent, und doch hatte ich oft das Gefühl, mehr Themen abzuhaken als wirklich in eine Geschichte einzutauchen.
Schnell spürt man die Grenzen dieser Konstruktion. Viele Figuren verkommen zu Stellvertretern von Diskursen. Vieles bleibt skizzenhaft, manches kippt ins Klischee. Die Erzählung selbst treibt von Kapitel zu Kapitel voran, getragen von einem Stil, der flüssig und eindringlich ist, aber zu selten die Tiefe erreicht, die man sich nach so vielen Seiten wünschen würde.
In einem Hotel auf Zypern kreuzen sich die Lebenswege mehrerer Franzosen. Romain Roller kehrt voller Schuldgefühle von einem kurzen Einsatz in Afghanistan zurück, der zwei seiner Männer das Leben kostete und einen zum lebenslangen Pflegefall machte. Marion Decker hat als junge Journalistin den Einsatz begleitet. Osman Diboula, ein charismatischer Politiker, Kind des sozialen Brennpunktes Clichy-sur-Bois und beflissenes Aushängeschild des französischen Präsidenten, ist in offizieller Mission auf Zypern. Osman war zuhause in Frankreich der Sozialarbeiter der Jungs und hat es seitdem zum Präsidentenberater gebracht. Der Zwischenaufenthalt auf der Insel soll wie eine Depressionskammer auf die Kriegsheimkehrer wirken. Hauptsächlich soll jedoch vor der Öffentlichkeit verborgen werden, wie leichtfertig vorbereitet und miserabel ausgestattet Soldaten in den Einsatz geschickt wurden. Alle beteiligten Personen erleben im Folgenden einen persönlichen oder beruflichen Absturz, der wie eine Lawine weitere Angehörige mitreißen wird.
Romain, dessen Frau ihm seit ihrer Jugend stets den Rücken freigehalten und alle Belastungen klaglos weggesteckt hat, verliebt sich auf dramatische Weise in Marion. Marions Ehe mit einem der mächtigsten Wirtschaftsbosse Frankreichs befindet sich in der Krise. Die Autorin eines erfolgreichen Romans muss erkennen, dass es in François Vélys Kreisen nur am Rande um Liebe geht. Wichtiger sind der korrekte Code, das Gespür für soziale Nuancen – und in Marions Fall, wer ihren Lebensunterhalt sichert, ihre persönliche „Komfort-Zone“. Die sozialen Gräben zwischen altem Wohlstand und jungem Ehrgeiz sind zentrales Thema des Buches. Osman Diboula ist als Kind von Einwanderern aus der Elfenbeinküste in einem sozialen Brennpunkt geboren. Die Unruhen von 2005 waren Geburtsstunde seiner politischen Karriere. Vom Streetworker gelangte er als Quoten-Migrant mit einem einzigen Karriereschritt direkt in den Elysée-Palast. Über ihn und seine Partnerin Sonia Cissé, ebenfalls Kind eines afrikanischen Vaters, wird bereits gewitzelt, sie seien Frankreichs zukünftige Obamas. Doch die Codes der Oberschicht grenzen Osman aus, schaffen ein mentales Ghetto für ihn.
Bisher war François stets Lieblingskind des Schicksals, obwohl sein Vater noch mit dem Familiennamen Levy als Widerstandskämpfer in Buchenwald inhaftiert war. Ein Moment der Instinktlosigkeit bringt nicht nur François‘ gesamten großbürgerlichen Kosmos zum Absturz, sondern macht ihn weltweit zum Paria. Aus der beruflichen wie privaten Katastrophe scheint François‘ Scharfsinn ihn zum ersten Mal nicht retten zu können. Auch Osman gleitet in atemberaubendem Tempo aus seiner Komfortzone, ausgelöst durch einen Moment der Unbeherrschtheit. Osman kann jedoch auf kein doppeltes soziales und finanzielles Netz zurückgreifen, wie Mitglieder der Eliten. Wenn er seinen Job als Präsidentenberater verliert, fallen mit ihm seine betagten Eltern, die von der Unterstützung durch ihren Sohn abhängig sind, obwohl sie ein Leben lang gearbeitet haben. Es fällt auch Sonia, die bis dahin geglaubt hatte, sich aus eigener Kraft durch Leistung hochgearbeitet zu haben. Und wieder kommt es zu einem für die französische Klassengesellschaft ungewöhnlichen, schicksalhaften Zusammentreffen der Beteiligten …
Fazit Tuils Figuren stehen stellvertretend für eine Gesellschaft zementierter Klassenschranken, für drängende soziale Konflikte, nicht nur in Frankreich. Auf welcher Seite des sozialen Grabens jemand geboren wird, scheint über Generationen weiter vererbt zu werden. Osmans Fall empfand ich als den tiefsten Abstieg, weil er erkennen muss, dass er im Kalkül um Macht nur Mittel zum Zweck war. Ohne fachliche Qualifikation wird er der schwarze Junge aus Clichy-sur-Bois bleiben, egal wem er gerade als Aushängeschild dient. Solange es dabei allein um den Machterhalt Einzelner geht, löst Politik keine Probleme, nicht in Clichy-sur-Bois, nicht in Afghanistan oder im Irak.
Auslöser für Tuils großartigen Roman war ein konkretes Ereignis im Jahr 2008, die Handlung jedoch ist fiktiv. Es geht darin um Macht, Ehrgeiz, Scheitern, versehrt Werden, Identitätskonflikte, pubertäre Rebellion, um den Krieg, die Sprengkraft von religiösem Extremismus, männliche Identität und eine komplexe Gesellschaft, in der ich mich auch als deutsche Leserin wiederfinden kann. Karine Tuils Einführung ihrer miteinander verketteten Personen zieht augenblicklich in die Handlung hinein. Die Tochter von Einwanderern charakterisiert ihr Personal pointiert wie in einer umfassenden psychologischen Analyse, trennt dabei Selbsttäuschung von Realität. Stilistisch sitzen ihre Charakterisierungen auch in der Übersetzung ins Deutsche wie maßgeschneidert.
Ein komplexer Gesellschaftsroman, nichts für zartbesaitete Leser, intensiv und spannend bis zum Schluss.
Très bon livre, avec des personnages très intéressants et des sujets d'actualités.
Il est question de racisme, de médias, d'antisémitisme, de discrimination positive, de la guerre, de traumatismes... Quelques longueurs au début mais globalement une bonne lecture contemporaine.
(Son précédent livre l'invention de nos vies est excellent. À lire sans aucune hésitation).
Ist zwar einigermaßen spannend und von der Handlung her mit einer gewissen Souveränität konstruiert, bleibt aber von der angestrebten umfassenden Gesellschaftsanalyse her flach und hat unübersehbare sprachliche Schwächen. Meine ausführliche Rezension: https://buchuhu.wordpress.com/2017/11...
Rozklad duše. Xenofóbia. Antisemitizmus. Elyzejský palác. Buržoázia. Vojna v Afganistane. A do toho citáty Mitterranda, de Gaulla, Sartra, Prusta, Fitzgeralda, ... Karine Tuilová chcela napísať román o Francúzsku so všetkým, čo k tejto krajine patrí. Občas je to presýtené, zriedka patetické, ale inak je to o spoločnosti, ktorá je posadnutá identitou a triedou. V ktorej sa všetci naháňajú za mocou a peniazmi, aby nakoniec zistili, že život by mal byť o niečom inom.
„Většina lidí dává přednost pohodlným řešením před rizikem, protože mají strach ze změny a neúspěchu, ovšem nejvíc by se měli bát promarněného života.“
Засяга важни теми (антисемитизъм, расизъм, френски вътрешно-обществени динамики, любов и омраза, родителеи и деца), но с посредствено или под-посредствено изпълнение. Все пак ги засяга обаче, все е нещо. Клони към сюжетен роман, държи те докато приключи. Има потенциал за филм. Но от тези, които се правят пак посредствено. Защото иначе работата отива към “един френски роман”, а това е трудно.
Der Klappentext nennt das Buch „ein grandioses Gesellschaftspanorama unserer Zeit“ – und das passt. Der Rest vom Klappentext verrät etwas viel, wobei das hier nicht einmal schadet, weil es mehr darauf ankommt, WIE elegant Karine Tuil das tut – und welche eigenen Überlegungen das auslösen kann.
Der Roman wechselt die Perspektiven zwischen drei Männern, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Reich geboren oder aus dem Problemviertel, als Kind von afrikanischen Einwanderern oder mit rein französischer Ahnenreihe, mit Hintergrund im Islam, im Katholizismus, im Judentum (oder sogar mit Kombinationen davon), erfolgreich, aufstrebend oder gebrochen. Überhaupt, gebrochen – alle von ihnen werden in diesem Roman in der einen oder anderen Weise zu Verlierern werden; der Text lebt davon, ihnen dabei zuzusehen. Ihr Scheitern ist dabei teils zutiefst menschlich – sie verlieben sich und Partnerschaften zerbrechen, Karrieren gehen kaputt, angebliche Freunde werden zu Verrätern - zur wirklichen Identifikationsfigur taugt mir keiner von ihnen: zu sehr finden sie ihre Identifikation in der Selbst-Zelebrierung als „Alpha-Männchen“; selbst die Frauen um sie herum sind kaum besser in ihrem Streben nach Durchsetzung eigener Machtbedürfnisse.
Die Sprache ist eine Freude: gut verständlich, treffsicher, situativ changierend – ob von den Schrecken des Krieges handelnd: „Könnte der Übersetzer, der euch seine Dienste anbietet, nicht ein von den Taliban ferngesteuerter Spion sein, eine Geisel, die unter Zwang handelt? Es ist ein Leichtes, ihn zu erpressen, indem sie damit drohen, seine Familie zu töten, sie wissen, wo sie wohnt, sie kennen den Namen seines Vaters und seiner Schwester, du weißt, was wir deiner Schwester antun können, ja, er weiß es, sie werden ihr eine Kugel in den Kopf jagen oder sie mit Säure bespritzen, ein Strahl ins Gesicht, und sie ist für immer entstellt, als abschreckendes Beispiel.“ S. 20 oder ob es um oft ernüchternde Schlussfolgerungen geht: „Er hatte die Liebe verschmäht. Nun musste er sich mit der Zuneigung seiner Familie begnügen, dem Trostpreis.“ S. 278
Mich hat der Text sehr zum Nachdenken angeregt – hinaus über das altbekannte Erwägen, wo Diskriminierung beginnt, inwieweit viele Förderungen verkappte Demütigungen beinhalten, wo die Zensur im Kopf stattfindet, hin dazu, wo die Demütigung geflissentlich ignoriert wird, um nicht als „Spielverderber“ dazustehen. Das ist kein rein französisches Thema, das lässt sich auch in deutschsprachigen Ländern exemplifizieren; ich war teils erschreckt, wie viele dumme (rassistische, sexistische, antisemitische,…) Sprüche aus dem Buch ich bereits im gesellschaftlichen Umgang gehört hatte, oft „natürlich“ ganz „harmlos“ gemeint. Das ist schon „ganz großes Kino“ von Karine Tuil.
Andere Hintergründe im Roman wird man nur verstehen, wenn man sich ein wenig mit Frankreich auskennt, so die „Grandes Écoles“ unter den Universitäten, die quasi als Automatismus eine Karriere in Politik und Wirtschaft versprechen, und das spezielle Schulsystem mit den stark konkurrierenden vorbereitenden Gymnasien – aber andererseits werfen internationale Studien Deutschland vor, unterdurchschnittlich wenige Studenten hervorzubringen, die aus Nicht-Akademiker-Familien stammen (stimmt, das ist schon insgesamt etwas anderes, „normale“ Universitäten haben die Franzosen auch noch – und diese „besonderen“ Universitäten haben wir hier nicht, die Bedeutung von Rankings ist geringer, die Privat-Unis finden den Vergleich eher mit dem US-System). Lässt man das außen vor, liest sich das Buch nicht nur als „französische“ Gesellschaftsstudie, sondern durchaus als eine der westlichen Gesellschaftssysteme, bei der vielleicht die Eltern von Osman bei einem britischen Autor aus Indien kämen, bei einem deutschen Autor aus der Türkei, etc.
Immer noch fasziniert mich das Ende – sehr geschickt, bei allen zwischendurch oft sehr ernüchternden Aussagen. Es bleibt, über einige von ihnen nachzudenken: „Die meisten Menschen ziehen die Bequemlichkeit dem Risiko vor, … weil sie Angst vor einer Veränderung oder einem Scheitern haben, dabei müssten sie am meisten Angst vor einem vergeudeten Leben haben.“ S. 496
Meine Empfehlung als Folgebuch: James Finn Garner: Politically Correct Bedtime-Stories (Märchen in „politisch-korrekt-Sprech“ – da sind „Zwerge“ stattdessen „vertically handicapped“ – sehr entlarvend und damit durchaus adäquat zu einem Zitat aus Tuil: „In unserer Gesellschaft ist etwas sehr Ungesundes im Gange, alles wird durch den Blickwinkel der Identität betrachtet.“ S. 285
alternativ werde ich selbst in den Büchern stöbern, die Paul Vély zum Trauern empfiehlt: Rainer Maria Rilke „Du musst das Leben nicht verstehen“ Joan Didion „Das Jahr magischen Denkens“ Roland Barthes „Tagebuch der Trauer“ Jorge Semprún „Schreiben oder Leben“ mit dem schönen Zitat „Das Leben war noch lebbar. Es genügte zu vergessen, es mit Bestimmtheit, brutal zu beschließen.“ S. 487
Après avoir lu L'Invention de nos vies de Karine Tuil, j'étais perplexe. Je sentais le potentiel, la force des idées, la passion pour les personnages, mais je restais rebutée par le style et le caractère convenu du développement du récit. Alors j'ai retenté le coup avec L'Insouciance. Et bien m'en a pris.
Pour le style, ce n'est toujours pas ça en ce qui me concerne : c'est efficace, fluide, fonctionnel, mais sans doute un peu trop pour moi. Les images et figures de style invoquées restent classiques (voire absentes), et la plume de l'autrice se concentre davantage sur la mécanique du récit que sur sa chair, sa fantaisie, sa couleur. Les dialogues n'ont rien de réaliste et ne cherchent pas à l'être, les descriptions sont informatives plus qu'évocatrices, bref, c'est en quelque sorte l'exemple type d'une certaine forme d'écriture contemporaine.
Non, ce qui est prenant avec L'Insouciance, c'est sa fureur, son engagement qui bouillonne dans chacune de ses intrigues, sa puissance narrative, son rythme implacable, sa tension qui s'invite l'air de rien pour finir par vous tenir solidement dans son emprise. L'Insouciance, on n'y échappe pas, on y est happé, on y étouffe presque. A l'inverse de L'Invention de nos vies qui jouait avec ses thèmes plus qu'il ne les analysait (l'identité, le mensonge, le destin, le sens), ici, tout est disséqué, retourné jusqu'à en atteindre une forme de malaise et d'absurdité totale. Chaque personne se voue corps et âme à sa quête personnelle, pour finalement se heurter à son aberration : Osman et sa soif de reconnaissance politique, sa vengeance envers la société, son appétit pour la justice, Marion et sa dérive entre un mariage qui ne lui inspire plus grand-chose et une relation qui lui inspire tout un tas de signaux d'alerte, avec en toile de fond un traumatisme pas forcément tout à fait évacué, Romain et ses ruines, son envie de mourir, sa culpabilité, et François, son argent et son ennui, ses mensonges, ses fuites. Tous les quatre se répondent bien sûr, se trahissent, se trompent, bataillent entre les deux piliers majeurs du roman : l'identité et la violence, comment l'une fausse l'autre ou l'amplifie, comment on prend l'une pour la cause de l'autre et vice-versa.
Autant le dire tout de suite : le constat est amer, pessimiste, si ce n'est dévastateur. Karine Tuil s'applique à révéler l'univers occidental de façon aussi amère que révoltante, avec un certain cynisme qui pourrait être un peu plus nuancé, mais qui reste pertinent tout au long du récit. On peut regretter certains poncifs, certains lieux communs, certains constats un peu moins fins que d'autres, mais le tout reste d'une rage, d'une ferveur et d'une énergie telle - à dix mille lieux de l'insouciance du titre, finalement -, et on ne peut que se laisser porter (voire s'emporter tout court).
Il y a enfin quelque chose de perturbant chez les personnages de Karine Tuil, en ce qu'ils restent des personnalités individuelles, des figures avec leur nom et leur histoire propres, tout en restant curieusement universels, "impersonnels", comme des véhicules de réalités qui les dépassent, menant à bien à la fois leur parcours à eux et celui d'une société tout entière. On les visualise, et dans le même temps on ne cesse de leur assigner des visages différents au fil du récit : celui d'un politicien en vue, d'une journaliste tombée en disgrâce, d'une actrice indignée, d'un criminel condamné, d'une politicienne insaisissable, d'un anonyme parmi d'autres. Ces non-héros deviennent des transmetteurs, des réceptacles, et par-là même se font d'autant plus mémorables.
L'Insouciance s'offre donc comme une belle claque totale, un peu brute dans sa forme comme dans son fond, mais qui a le grand mérite de secouer son lecteur un grand coup et de lui faire quelques rappels nécessaires. Une oeuvre importante, solide, qui prend le temps de faire les constats qu'elle a à faire, et qui donne surtout une furieuse envie d'agir. Un roman qui a peut-être un peu trop conscience d'être politique, qui cherche parfois un peu visiblement à être "un grand roman de son temps," un roman à prix que l'on retrouvera dans les listes des grands romans du début du XXIème siècle, mais on le lui pardonnera.
Encore un livre très fort de Karine Tuil. Des personnages très forts. Toujours avec une réflexion sur les minorités qui fait réfléchir. Je le recommande.
Great novel by Karine Tuil with three interwoven stories which describe the hidden face of the modern Parisian society. She explores the secrets of political power behind the gilded doors of the Elysée Palace, the harsh reality of the suburbs, the identity and class struggle as well as the horrors of PTSD.
As a dweller of suburban Paris I found Tuil's depiction of racial and class hierarchy rather convincing and true to life. The novel is even more relevant in the light of October 7th and its aftermath. It may be a bit lengthy but it is definitely well crafted.
Voilà un livre que je n'attendais pas. Un livre qui laisse des traces comme on dit. Un livre qui dérange, qui dit haut ce qu'on pense tout bas, un livre qui traduit nos doutes mais aussi nos espoirs ... un livre qui mérite le détour, un grand moment de lecture pour moi .
Le roman commence hyper bien mais s'étiole à la longue. Un livre sur le racisme qui baigne dans le cliché et se répète trop souvent. Tuil a surtout du mal avec les dialogues. Dommage.
Uno spaccato della società francese contemporanea, un’indagine sociale iperrealista che racconta la forza dei sentimenti umani con grande lucidità: l’ultimo romanzo di Karine Tuil, L’incoscienza (513 pagine, 22 euro), edito in Italia da La Tartaruga nella traduzione di Raffaella Patriarca, ci accompagna dietro le quinte della politica francese in una storia intricata e intrigante dove le passioni e i desideri sono continuamente contaminati dalla violenza. La storia dell’11 settembre è fatta di immagini e ricordi, frasi spezzate, voci che arrivano da lontano. Difficile da raccontare. Karine Tuil parte da questa storia, che ha coinvolto tutti, in un modo o nell’altro. È da qui che spicca il volo de L’incoscienza, dall’11 settembre, per planare sui soldati francesi in Afganistan. A turbare la scrittrice sarà l’agguato a Uzbin durate il quale un gruppo di soldati francesi ha perso la vita per mano dei talebani. Una storia di cui si parla poco, dirà più tardi la Tuil, e sulla quale lei ha posto l’attenzione.
Karine Tuil aurait mérité l’un grands des Prix littéraires de l’automne, tant elle parvient à tenir son lecteur en haleine tout au long des 528 pages de L’Insouciance, faisant de cet ambitieux roman un «page-turner» formidablement efficace. Les premiers chapitres nous présentent les personnages qui vont se croiser au fil du déroulement de ce récit, à commencer par le baroudeur Romain Roller qui revient d’Afghanistan, après avoir déjà traîné sa bosse dans d’autres points chauds de la planète. Avec ce qu’il reste de sa troupe, il se retrouve dans un hôtel de Chypre, afin de décompresser et se préparer à retrouver la «vie normale». Un programme dont les vertus ne sont pas évidentes, faisant côtoyer de grands traumatisés avec de riches touristes. Le second personnage a 51 ans. Il s’appelle François Vély. On pourrait y reconnaître un Vincent Bolloré, un Bernard Arnault ou encore un Patrick Drahi, bref un tycoon qui est à la tête d’un groupe de téléphonie mobile qui s’est développé à partir du minitel rose et dont les marottes sont les médias (il vient de racheter un grand quotidien) et l’art contemporain (il aime parcourir les salles de vente). Vient ensuite Osman Diboula. À l’opposé de François Vély, ce fils d’immigrés ivoiriens a grandi dans la banlieue parisienne la plus difficile. Toutefois, grâce à son engagement – il avait créé un collectif, «avait imaginé des sorties de crise, présenté les quartiers en difficulté sous un autre jour» et était devenu porte-parole des familles lors des émeutes de Clichy-sur-Bois. Du coup les politiques s’intéressent à lui et lui va s’intéresser à la politique. Il gravit les échelons jusqu’à se retrouver dans les cabinets ministériels. Mais n’est-il pas simplement le black de service, chargé de mettre un peu de diversité au sein du gouvernement ? À ses côtés une femme tout aussi ambitieuse ne va pas tarder à le dépasser dans les allées du pouvoir. Puis vient Marion Decker, envoyée spéciale sur les zones de guerre. Jeune et jolie, «il y avait de la violence en elle, un goût pour la marginalité qui s’était dessiné pendant l’enfance et l’adolescence quand, placée de famille d’accueil en famille d’accueil, elle avait dû s’adapter à l’instabilité maternelle, une période qu’elle avait évoquée dans un premier roman remarqué, Revenir intact, un texte âpre, qui lui avait permis de transformer une vie dure en matière littéraire». Ce caractère trempé fascine François Vély qui n’hésite pas à délaisser son épouse pour partir à la conquête de la journaliste. Il l’invitera pour quelques jours à Chypre. Dès lors le roman peut se déployer, jouer sur tous les registres du drame et de la comédie, et ce faisant, dresser un état des lieux de ce XXIe siècle commençant. Le lieutenant Romain Roller craint de retrouver sa femme Agnès, sa famille et ses amis. Pris dans un stress post-traumatique, il essaie vainement d’oublier son cauchemar. Quand il croise Marion, c’est pour lui comme une bouée de sauvetage. Dans ses bras, il oublie ses plaies et sa culpabilité, ayant survécu à l’embuscade mortelle dont son bataillon a été victime et dont le récit-choc ouvre le roman. Il fait l’amour avec la rage du désespoir et se sent perdu dès qu’elle le quitte pour sa «vraie vie». Car ce n’est vraiment pas le moment de quitter François Vély. Le capitaine d’industrie est pris dans une sale affaire, après la publication d’un entretien illustré par une photo le montrant assis sur une chaise représentant une femme noire «soumise et offerte». Lui dont la famille a voulu, par souci d’intégration, changer son nom de Lévy en Vély, se retrouve accusé de racisme et d’antisémitisme. Le scandale dont les réseaux sociaux font leurs choux gras ne tarde pas à prendre de l’ampleur et la société est salie. Confronté à un fils qui entend renouer avec ses racines et partir en Israël rejoindre un groupe fondamentaliste, il doit aussi surmonter le suicide de sa femme qui s’est jetée sans explication d’un immeuble. «Il croyait vraiment qu’un couple peut survivre à un drame sans en être atteint, déchiré, peut-être même détruit ? L’amour n’est pas fait pour l’épreuve. Il est fait pour la légèreté, la douceur de vivre, une forme d’exclusivité, une affectivité totale. L’amour est un animal social impitoyable, un mondain qui aime rire et se distraire – le deuil le consume, la maladie atteint une part de lui-même, celle qui exalte le désir sexuel, les conflits finissent par le lasser, il se détourne.» En courts chapitres, qui donnent un rythme haletant au récit, on va voir s’entremêler les ambitions des uns, la douleur des autres. Le tout sans oublier quelques rebondissements qui font tout le sel d’une intrigue que l’on n’a pas envie de lâcher. François, qui a eu vent de son infortune, aura-t-il la peau de Roller ? Rejouera-t-il l’histoire du Roi David et de Bethsabée ? Osman Diboula parviendra-t-il à éteindre l’incendie qui met en péril l’empire de son ami ? Retrouvera-t-il les grâces d’un Président de la République qui semble l’avoir mis sur une voie de garage ? Romain quittera-t-il sa femme pour Marion ? À 29 ans, cette dernière quittera-t-elle son confort matériel pour une aventure incertaine ? Partez à la découverte de ce grand roman pour le savoir, au risque de perdre cette insouciance qui lui donne son titre : «quelque chose en nous était perdu, non pas l’innocence – car il y avait longtemps que nous n’y croyions plus – mais l’insouciance…» http://urlz.fr/4gRK
Ce roman s’insère dans des questions du 21e siècle particulièrement actuelles, notamment relatives à l’identité, l’appartenance, le pouvoir et la vulnérabilité. Les sujets douloureux et la montée de la tension tout au long du livre participent de la qualité de ce roman.
It’s always pleasant to return to the familiar construction of Karine Tuil’s works. She found her thing and does it incredibly well each time ; I’m always equally invested and horrified. The unexpectedly hopeful ending made me tear up a bit. No notes.
Excellent livre. Un très court moment au début où j’avais peur que ce soit complexe de suivre trois histoires parallèles. Aucun problème de ce côté, la lecture était fluide et agréable. D’ailleurs les histoires se recoupent rapidement. Un livre où chaque personnage a ses problèmes mais au final dans un écosystème politique et financier qui engendrent ces mêmes problèmes. 4 étoiles et demi si je pouvais me permettre cette nuance.
Nach seinem Afghanistan-Einsatz soll der Soldat Romain Roller ein paar Tage auf Zypern entspannen. Ein Debriefing sozusagen, eine Verarbeitung. Dies allerdings erweist sich als unmöglich, denn Roller hat nur knapp überlebt während seine Kameraden schwer verletzt wurden oder starben. Wenn man sich schuldig fühlt, kann das Überleben zur Qual werden. Einzig das Zusammentreffen mit einer Journalistin, die er gerade kennengelernt hat, scheint ihm etwas Frieden bringen zu können. Die junge Frau ist jedoch mit einem bekannten französischen Manager liiert. Als dieser durch eine grobe Unachtsamkeit in Schwierigkeiten gerät, erhält er unerwartet Hilfe durch einen politischen Aufsteiger, der seinerseits zumindest zeitweilig die Gunst verloren zu haben scheint.
Journalisten, Krieger, Manager, Politiker - aus diesen Fäden webt die Autorin Karine Tuil ein dichtes Netz. Jeder scheint seinen eigenen Krieg zu führen, der mit rohen und aufwühlenden Worten geschildert wird. Es zeichnet sich ein Bild unserer Zeit, von Haltlosigkeit, Unruhe, Leere gekennzeichnet. Aufstieg und Abstieg sind in Null Komma Nichts möglich. Man wähnt sich sicher, sollte glücklich sein und ist doch nicht zufrieden. Man glaubt, die Gesellschaft stoße einen fort, und muss doch erkennen, dass sich die Meinung eben der Gesellschaft mitunter schneller ändert als der Wind wechselt. Eine heutige Welt, in der man weder sich selbst noch das Gefüge verstehen kann. Machtspiele geben sich den Anschein wichtiger zu sein als alles andere. Die Hauptpersonen sind mit sich selbst nicht im Reinen und die Umgebung sei es persönlich oder beruflich verschlimmert die Lage eher. Echte Hilfe scheint es nicht zu geben, echte Verarbeitung oder Selbsterkenntnis ebenfalls nicht. Wie Blättchen im Wind verändern sich die Situationen, beeinflusst von außen, kaum durch innere Stärke gesteuert.
Dieser Roman zeichnet ein schwer verdauliches Bild unserer Zeit, traumatisierte Soldaten, selbstgefällige Unternehmer, wetterwendische Politiker, getriebene Journalisten. Starker Tobak, Rauch, an dem man sich wahrlich verschlucken kann. Ein Buch, das erschöpft und nachdenklich macht, das wenig Hoffnung lässt und den Leser mit ausgesprochen harten Szenen konfrontiert. Ein Buch, in dem ein Spiegel vorgehalten wird, dessen Bild sicher nicht jedem gefallen wird. Ein Bild, dessen Veränderung sicher in der Hand eines jeden selbst liegt.
Je pense que ce livre avait beaucoup de potentiel, mais j'ai le sentiment, malgré 525 pages, l'auteur a choisi de ne pas aller en profondeur, mais plutôt de laisser mentionné, de sorte qu'il est alors le devoir de lecteur de déduire quelque chose de la finale. Je suis désolé, mais je suis paresseux, après avoir lu cette brique, j'aurais préféré les conclusions aussi, parce que je me sentais très bas, surtout du dernier chapitre.
Credo che questo libro avesse molte potenzialità, ma ho la sensazione, nonostante le 525 pagine, che l'autrice abbia scelto di non addentrarsi in profondità, quanto piuttosto di lasciare accennate, in modo che sia poi il lettore a dedurre qualcosa dal finale. Mi dispiace, ma siccome io sono pigra, dopo aver letto questo mattonazzo, avrei preferito ci fossero anche le conclusioni, perché mi sono sentita piuttosto presa in giro, specialmente dall'ultimo capitolo.
Karine Tuil possède un style reconnaissable entre mille. Elle parvient à tisser les destins de trois personnages qui, de prime abord, n'ont aucun lien apparent, resserrant peu à peu le cercle autour d'eux. Jusqu'à atteindre un point précis : non pas une simple résolution, mais l’ouverture d’un nouveau problème.
Ce livre excelle dans les thèmes qu'il explore : l’ascension sociale, la drogue, la violence, le racisme, l'acceptation, la richesse, la religion, la mort, la vie !
Il faut néanmoins reconnaître un léger essoufflement en milieu de récit, un passage où les trois intrigues semblent marquer le pas avant de reprendre leur élan.
Drei Männer, drei Schicksale. Romain Roller kehrt mit seinem Team aus Afghanistan zurück. Sie sind in einen Hinterhalt geraten und er konnte seine Männer nicht beschützen. Der Stress des Auslandseinsatzes, die permanente Gefahr und die Selbstvorwürfe werfen den jungen Vater völlig aus der Bahn. Eine Rückkehr in das alte Leben schein unmöglich. Sicher fühlt er sich nur bei der Journalistin Marion Decker, mit der er ein Verhältnis anfängt. Diese ist an einer Beziehung mit ihm jedoch nicht wirklich interessiert, steckt ihr Mann gerade im größten Skandal seines Lebens. Der erfolgreiche Manager François Vély will in den kleinen Kreis der Großen und Mächtigen vordringen, doch nach einem Interview steht der Vorwurf von Rassismus im Raum, dem er kaum etwas entgegensetzen kann. Seine jüdische Herkunft, die er eigentlich erfolgreich verdrängt hatte, rückt zunehmend in den Fokus der Medien, die nach weiteren Skandalen gieren. Genauso am Ende scheint Osman Diboula. Einst Lieblingsschüler des Präsidenten, der junge Mann aus der Banlieue, der so schön die Toleranz der hohen Politiker demonstrieren konnte, ist in Ungnade gefallen und wird aus dem Elysée gedrängt. Ein brillanter Coup soll ihn zurück an die Spitze katapultieren: er ergreift öffentlich Partei für Vély und steht plötzlich im Zentrum des Interesses. Die Wege der drei Männer am Scheideweg ihres Lebens kreuzen und verflechten sich zunehmend und sie rasen unaufhörlich auf den großen Knall zu.
Karine Tuils neuer Roman greift gleich mehrere aktuelle politische Themen auf und verarbeitet diese gelungen literarisch. Das Posttraumatische Stresssyndrom, an dem Romain Roller ganz offenkundig leidet, wird hierbei sehr greifbar dargestellt. Die Regierung scheint zu glauben, dass drei Tage im Luxushotel den Soldaten reichen, um sich wieder zu akklimatisieren und in die Normalität zurückzukehren. Dass diese unfähig sind, jemals wieder normal in die Gesellschaft einzugliedern, wird am Beispiel Romains besonders deutlich. Wer den Krieg nicht erlebt hat, kann kaum nachvollziehen, was ihn bewegt und warum er nicht einfach zu Frau und Kind ins traute Heim zurückgehen und tun kann, als wäre nichts gewesen. Die Flucht wieder in den Krieg scheint die einzige logische Konsequenz.
Das Paar Osman Diboula und seine Freundin und spätere Ehefrau sind symptomatisch für die französische Gesellschaft mit ihren abgeschotteten Eliten. Ein Vordringen ins Zentrum der Macht ist an den richtigen Background und die richtigen Schulen geknüpft. Fremde will man da nicht, einzelne als Vorzeigebeispiel für die ach so hohe Toleranz werden genauso schnell fallengelassen wie sie aufsteigen konnten. Osmans Erfahrungen für den Kellner oder Fahrer gehalten zu werden aufgrund seiner Hautfarbe sind direkt der Realität entnommen und verdeutlichen, dass auch im 21. Jahrhundert immer noch dieselben Muster wirken.
Zuletzt Vély, der den rasanten Absturz eines Wirtschaftsbosses repräsentiert. Die Medien und ihre unermüdliche Suche nach verwertbarem Material für ihre Gazetten sind ein wichtiger Machtfaktor, der auch die ganz Großen zu Fall bringen kann. Für mich eine traurige Figur, verfügt er doch nicht über Mittel, sein Privat- oder Berufsleben selbstständig wieder auf die Reihe zu bringen. Dass er am Ende auch noch für etwas bezahlen muss, dass er nie war – geradezu klassisch tragisch.
Ein Roman mit vielen Facetten und Denkanstößen, der geschickt und glaubwürdig konstruiert ist, indem er die Figuren immer wieder zusammenführt und sie doch keine Gemeinschaft bilden lässt, obwohl die drei Männer gleichsam tief in der Krise stecken. Messerscharfe Beobachtungen Frankreichs und der französischen Gesellschaft prägen die Erzählung. Die Figuren sind fast Karikaturen ihrer gesellschaftlichen Funktion, können aber so umso drastischer die Verfehlungen repräsentieren und umso deutlicher machen, wie Leichtsinnigkeit (an dieser Stelle ist der französische Titel weitaus passender als der deutsche: „L’Insouciance“) das fragile Gebilde des öffentlichen Ansehens zum Einsturz bringen kann.
Keine heitere, unbeschwerte französische Lektüre – aber das Land befindet sich kurz vor der Präsidentschaftswahl 2017 auch nicht in einem heiter-unbeschwerten Zustand, sondern wird von Karine Tuil erbarmungslos eingefangen in seinem aktuellen Sein.