Kurz nach seiner abenteuerlichen Flucht aus dem Konzentrationslager Dachau im Mai 1933 schrieb der schwer gefolterte bayerische Kommunist und Reichstagsabgeordnete Hans Beimler nieder, was er dort hatte erleben müssen. Die Veröffentlichung war eine Sensation und wurde in mehrere Sprachen übersetzt, in internationalen Zeitungen zitiert – und in Deutschland illegal verbreitet. Hans Beimler wollte mit seinem Bericht zum Widerstand gegen die Nazidiktatur in Deutschland und im Ausland aufrufen. Er selbst leistete zunächst illegale Arbeit von Frankreich, der Tschechoslowakei und der Schweiz aus, bevor er mit den ersten Freiwilligen nach Spanien ging, um dort mit den Internationalen Brigaden gegen Franco zu kämpfen. Am 1. Dezember 1936 fiel Hans Beimler vor Madrid. Erstmals in der Bundesrepublik erscheint sein Erlebnisbericht in der Originalfassung, ergänzt um Fotos und Dokumente sowie um Anmerkungen zu Entstehungsgeschichte und zeitgeschichtlichen Hintergründen. Außerdem wird von Friedbert Mühldorfer in einer umfangreichen biographischen Skizze der Lebensweg des Antifaschisten Beimler nachgezeichnet. (Amazon.de)
Zugegeben meine Erwartungen bezüglich des Buches waren zu hoch. Meine Motivation es zu lesen, findet sich in meiner Kindheit. Meine Schule war nach Hans Beimler benannt - ja, sogar die Straße, in der ich wohnte und dennoch blieb mir dieser Herr bis jetzt völlig fremd. Es hing zwar ein großes Bild im Eingang der Schule und ich kann mich erinnern, dass wir während einer Unterrichtsstunde ein Hörspiel über den Spanischen Bürgerkrieg vorgeführt bekamen, in dem Hans Beimler fiel. Mehr erfuhr ich nie über ihn. Um so erstaunter war ich, als ich vor wenigen Wochen seinen Namen eingab, um zu schauen, ob es Bücher über ihn gibt und herausfand, dass er 1933 im Konzentrationslager Dachau Gefangener gewesen und ihm sogar die Flucht daraus gelungen war. Über diese Zeit hatte er kurz nach der Flucht schriftlich Zeugnis abgegeben. Nun war mein Interesse doppelt geweckt. Wer war nun dieser Hans Beimler? Wie nutzte das DDR-Regime seine politischen Aktivitäten zu eigenen Zwecken und warum wurden nach dem Mauerfall Straßen, Schulen etc. umbenannt? - Dies waren die hauptsächlichen Fragen, die mir durch den Kopf geisterten und deren Antwort ich suchte.
Ich beginne mit der Enttäuschung und Ernüchterung, die sich flott in mir breit machte. Von seiner Niederschrift über die Dachauer Zeit hatte ich nämlich mehr erwartet. Aber Beimler war zum einen ein eher wortkarger Mensch und zum anderen wollte er keine Kameraden mit zu viel Detailarbeit unnötig in Gefahr bringen. So bleibt völlig offen, wie ihm die Flucht überhaupt gelingen konnte. Er formuliert es beinahe als Spaziergang aus der Zelle hinaus in die Freiheit. Aber gerade die Planung und Durchführung dessen hätte mich interessiert. Außerdem hatte ich meine liebe Not mit dem kommunistischen unkritischen Äußerungen, wie der Verherrlichung der Sowjetunion, obwohl sein Sohn selbst von Stalins Säuberungsaktionen nicht verschont blieb und das Land verlassen musste. Wie Hans Beimlers Befindlichkeiten darüber waren, finden sich leider nicht in dem Buch. Allerdings war es hilfreich, dass Friedbert Mühldorfer sich im Anschluss an Beimlers Dachau-Erinnerungen an einer biographischen Skizze versuchte und ich dadurch den historischen Hintergrund erfuhr und vor allem Beimlers Charakter besser fassbar wurde. Denn Dokumente über ihn scheinen anzahlmäßig wenig. Selbst über seinen Tod gibt es unterschiedliche Theorien. Mühldorfers Skizzierung jedoch las sich sehr holprig und ich hatte meine Mühe, die ganzen politischen Vorgänge in ihrer Komplexität nachzuvollziehen.
Allerdings wurde ich im abschließenden Kapitel "Erinnerung an Hans Beimler in Ost und West" mehr als entschädigt. Mühldorfer gelingt hier eine kritische wie faire Beurteilung der politischen Person Hans Beimlers. Er geht dabei auch auf meine eigenen Fragen ein, wie beispielsweise seine Heroisierung in der DDR, die fragwürdigen Umbenennungen in den 90er Jahren und der Suche nach einer angemessenen Würdigung seines Engagements gegen den Faschismus aus der gegenwärtigen Sicht. Aus diesem Blickwinkel hat sich das Buch wirklich gelohnt. Der Grund meines Sternabzugs ist eher in meinem eigenen unzulänglichen politisch-historischen Wissen über die Weimarer Republik zu suchen, das mir das Lesen erschwerte.
Ein spannender Bericht Beimlers über die Anfänge des Konzentrationslagers Dachau und den Umgang der Nazis mit politischen Gefangenen. Die biographische Ergänzung fand ich sehr gelungen, da auch die Darstellung als "Held" oder Märtyrer, wie es in der Erinnerungskultur in Sowjetunion und DDR üblich war, kritisch hinterfragt wird und er als mehrschichtiger Mensch dargestellt wird, der eben auch Fehler gemacht hat und angeeckt ist.