Vater und Tochter streunen durch Wien, lassen sich nachts im Park einsperren, stehlen Elektrogeräte auf dem Müllplatz und sammeln Kupferleitungen auf Baustellen. Was sich wie ein Abenteuer anhört, ist der Alltag der Protagonistin. Nach und nach bemerkt sie, dass ihr Vater nicht wie andere Väter ist. Manchmal ist er arbeitslos, manchmal Bildhauer, Sozialarbeiter oder Hausmeister. Manchmal hat er kein Geld und nichts zu essen zu Hause. Eine Kindheit voller Erwartungen, Enttäuschungen und Träume. In knappen und dichten Episoden erzählt Marie Luise Lehner die ersten zwanzig Jahre aus dem Leben einer Frau. Es sind Blitzlichter einer Erinnerung – mal schillernd, mal in Scherben liegend – die aber stets von einer kindlichen Leichtigkeit getragen werden. "Weil wir nie Fahrscheine haben, erklärt er mir, woran man Kontrolleure erkennen kann. Manchmal träume ich von ihnen. Plötzlich stehen sie hinter mir. Ich wache auf, wenn sie „Fahrkarten, bitte“, sagen."
Zu Beginn des Buches fand ich alles wundervoll, lyrisch und herzerwärmend und vor allem stilistisch sehr spannend konzipiert. Der Roman über die Erlebnisse einer Tochter mit ihrem Vater ist so geschrieben, als ob ein kleines Mädchen mit der Aufmerksamkeitsspanne einer Fruchtfliege nach Hause kommt und kindlich schwer atmend alles erzählt, was es heute erlebt hat: tausend Geschichtln verwoben zu einer, sehr sprunghaft plaudert die kleine Prinzessin über die Erlebnisse mit ihrem Vater.
Irgendwann bekommt man als Leser bei aller begeisterten Schilderung mit, dass dieses Prinzessinnenabenteuer mit Papi aber nicht nur deshalb außergewöhnlich ist, weil es das fröhliche Überleben in der sozialen Unterschicht thematisiert und der Vater durch sehr innovative Ideen auch mal einen Kronenkorken zum Spielzeug substituiert, sondern dass mit dem Mann zudem psychisch einiges im Argen liegt. Das war für mich als Leserin inhaltlich die grandioseste Wendung in diesem Roman. Ohne Vorwurf aber eben mit den verklärten Augen der Tochter werden hier ganz unglaubliche Probleme und Verfehlungen erörtert, die ich eigentlich, wenn ich sie als Erwachsene irgendwo mitkriegen würde, sofort dem Jugendamt melden müsste. Papa laviert oftmals zwischen Genie und Wahnsinnn, Arbeitslosigkeit, Gelegenheitsjobs, Kleinkriminalität, Depression, Agression und anderen massiven psychischen Problemen herum, zieht seine Tochter mit in diesen verwirrenden Strudel und setzt damit das Vertrauen des Kindes langfristig aufs Spiel.
"Weil wir nie Fahrscheine haben, erklärt er mir, woran man Kontrolleure erkennen kann. Manchmal träume ich von ihnen. Plötzlich stehen sie hinter mir. Ich wache auf, wenn sie „Fahrkarten, bitte“, sagen."
Nach und nach wird das Mädchen erwachsen und auch der Blick auf den Vater abgeklärter. Leider passt sich hier der Roman zwar inhaltlich und meinungsmäßig komplett an das Alter der Protagoinistin an aber bedauerlicherweise nicht immer stilistisch. War die authentisch kindliche dekonstruierte Erzählform bis zum - sagen wir 12. Lebensjahr - noch einigermaßen konsistent, habe ich Probleme damit, die Worte einer Zwanzigjährigen im Stil einer Siebenjährigen glaubhaft zu rezipieren. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau, denn nun muss ich auch gleich meine eigene Kritik kritisieren: In Anbetracht der Tatsache, dass der Vater als Sudetendeutscher noch immer seine Muttersprache nicht korrekt beherrscht, ist es schon ein Wunder, dass die Tochter überhaupt einen geraden Satz, geschweige denn eine zusammenhängende komplexe Geschichte herausbringt, wenn man davon ausgeht, dass in Österreich Spracherwerb durch das elitäre Schulsystem nahezu immer sozial und ethisch vererbt wird.
"Manchmal denke ich, mein Vater sieht ständig zu, was alle anderen machen, um dann ganz anders zu sein als sie.“
Am Ende meiner Rezension kommt aber dann dennoch ein gewichtigerer Kritikpunkt am Roman, der sich doch auf eine umfassend begeisterte Beurteilung von mir etwas negativ ausgewirkt hat. Ich hasse es, wenn eine Geschichte derart abrupt aufhört, als hätte die Autorin den Bleistift fallen lassen oder mitten in der Formulierung des Endes einen Schlaganfall erlitten. Was ist das für eine Stilform, einfach so aufzuhören? Als Leser habe ich es mir verdient, mich nicht mit Cliffhängern (da denke ich zwangsläufig immer an Sly Stallone der mit schmerzverzerrter Miene in einer Wand hängt) abgespeist zu werden, sondern durch das Lesen des Romans steht mir durch die aufgebaute Beziehung ein ordnungsgemäßes Schlussmachen durch die Autorin einfach zu. Soviel Zeit und Mühe muss einfach sein.
Fazit: Auf jeden Fall eine Leseempfehlung von mir. Konzeptionell und dramaturgisch sehr ungewöhnlich dieser Roman, aber auch über weite Strecken richtig grandios.
P.S.: Gratulation an den Verlag, der Klappentext hält diesmal punktgenau und kurz & knackig formuliert, was er verspricht.
In einem Atemzug habe ich Lehner’s Buch verschlungen. Beginnend bei ihrer Geburt widmet die Erzählerin jedem Lebensjahr ein Kapitel mit Erinnerungen an das Aufwachsen mir ihrem Vater. Und dieser ist etwas anders als die meisten Väter. Während der kindliche Blick die Idiosynkrasien ihres Vaters mit liebevoller Bewunderung wahrnimmt, so wächst im Laufe der Jahre auch die Frustration über sein Verhalten. Auf mich haben sich die Emotionen der Protagonistin sehr übertragen. Ich hatte beim Lesen stets einen doppelten Blick auf den Vater, einerseits den der außenstehenden, erwachsenen Frau, die sich unglaublich über das verantwortungslose Verhalten dieses Mannes ärgerte, anderseits den einer Tochter, die das Gefühl zu gut kennt, die Fehler ihres Vaters zu relativieren, weil eben nicht alles das die Person gemacht hat negativ ist. Vor allem nicht aus kindlicher Perspektive wo der Wunsch nach Abenteuern und Spiel im Vordergrund steht und Verantwortung ein Begriff ist, den man noch zu verstehen versucht. Lehner hat auch die emotionale Innenwelt der Erzählerin, ihr Zerissensein, ihre Ambivalenz dem Vater gegenüber wunderbar erzählt und mich dabei sehr berührt und abgeholt.
Bruchstücke einer Kindheit, mutig in Form und Thema
„In knappen und dichten Episoden erzählt Marie Luise Lehner die ersten zwanzig Jahre aus dem Leben einer Frau. Es sind Bruchstücke einer Kindheit, melancholisch und bunt.“ Ich zitiere sonst nie den Klappentext, aber besser als dieser kann ich’s nicht. Das fängt dann so an – und deshalb wollte ich das lesen: „Geboren werden. Ich werde in einem Spital am Stadtrand geboren. Die Schuhe der Schwestern quietschen auf den grauen Linoleumböden in den Gängen. Im Aufenthaltsraum stehen Gummibäume und es läuft Musik aus dem Radio. Es ist sechs Uhr dreiunddreißig. Ich habe die Hautfarbe von ihm. Schon bei der Geburt habe ich viele dunkle Haare.“ S. 5
Was zunächst schlicht nach Armut klingt (vom Leergut als Spielzeug über den Ausflug bekleidet nur mit T-Shirt und Strumpfhose) wird schnell deutlicher. Kultur und gesellschaftspolitisches Engagement bei beiden getrennten Eltern sind wie die mangelnde Hygiene beim Vater Bestandteil der Kindheit, dazu pflegt der Vater ein mindestens spezielles Verhältnis zu „Recht und Ordnung“, zwischen Lebenskunst, Mundraub, Schnorrerei und Bagatelldelikten. Die Sichtweise des heranwachsenden Kindes bietet den Vorteil einer (über lange Zeit) nicht wertenden Wahrnehmung der Lebensumstände.
Mir gefiel, wie der Übergang zum Teenageralter neben der Änderung in der Beziehung auch für den Leser neue Erkenntnisse speziell zum geliebten Vater, aber auch zum Einfluss des sonstigen Umfeldes bringt. „Manchmal denke ich, mein Vater sieht ständig zu, was alle anderen machen, um dann ganz anders zu sein als sie.“ S. 98 Verwirrend für mich die sehr liebevollen Züge des Vaters gegenüber schierer Gleichgültigkeit (das Verbrennen des Holzkopfes, das Zerschlagen der Tonfiguren), Autorin Marie Luise Lehner macht es hier dem Leser nicht leicht.
Wäre der Vater stattdessen ein Alkoholiker, ich würde das Verhalten der Tochter in vielem als „ko-alkoholisch“ bezeichnen; sie hilft ihm lange bei seinen Ausweich-Manövern. Fraglich, inwieweit ein Kind da überhaupt eine andere Möglichkeit hat. Für mich folgerichtig bleiben häufig die erlernten Verhaltensweisen auch später – wenn auch nicht mehr ohne Ausnahme, es kommt zu einer gewissen Emanzipation mit dem Erwachsenwerden.
Es wird nicht von einem übergeordneten Erzähler eingegriffen oder analysiert, die Erzählung ist durchgängig im Stil wie oben gehalten; strikt aus Sicht des Kindes bzw. der Heranwachsenden und jungen Frau als Ich-Erzählerin, mit eigenen syntaktischen Mitteln (Strukturierung anhand des Alters, Punkt nach der Überschrift, Struktur auch durch Absätze, das Mittel der Wiederholung zur Frage nach dem Beruf des Vaters) – das lässt sich gut lesen, vor allem, da erzähltechnisch versiert sowohl eine Vertiefung der Handlung stattfindet als auch ausreichend offen bleibt. Das Buch ist eindringlich, schlüssig – aber sicher keine „fröhliche“ Lektüre trotz so einiger absurd-komischer Szenen (so die Beerdigung der Großmutter); das Buch klingt nach. Eine in Form und Thema mutige und experimentierfreudige Autorin.
Á propos gut gemachter Klappentext (die sind ja sooo oft sooo sinnlos): Überhaupt macht der Verlag Kremayr & Scheriau alles alles richtig bei der Gestaltung seiner Bücher, dies waren meine ersten. Da gibt es Lesebändchen selbst bei einer geringen Seitenzahl von knapp unter zweihundert Seiten, diese sind auf haptisch angenehmem (und gut duftendem!!) Papier gedruckt, es gibt zusätzlich zum Umschlagdesign ein dazu passendes Design des eigentlichen Einbandes (ich mag keine Cover – aber so etwas ist schon ein bisschen sehr cool) – und die verschiedenen Bücher des Verlages sind bei sonst unterschiedlicher Gestaltung von den Buchrücken her eindeutig zueinander passend. Etwas für alle Sinne, das freut das Bücherherz!
Ein faszinierender Zufallsfund. Mit einfachsten Stilmitteln zeichnet MLL ein eingehendes, facettenreihes Porträt einer kontroversiellen, vielschichtigen Vaterfigur. Die Vorgangsweise erinnert an ein impressionistisches Gemälde: ein Punkt hier, ein Punkt da, zusammen ergeben sie ein farbenfrohes und schlüssiges Gesamtbild. Ein starker Gegensatz zu Bachmanns Malina, das ich unmittelbar zuvor gelesen hatte. Das erinnert mehr an einen expressionistischen Aufschrei. Meine Präferenz liegt hier bei den Fliegenpilzen!
Eine ungewöhnliche Vater-Tochter-Beziehung. Sie tun Dinge, die andere nicht tun. Sie wühlen im Müll, sie basteln Fliegenpilze aus Kork, sie leben auf unkonventionelle Weise. Immer wenn sie Zeit bei ihrem Vater verbringt, ist diese wie ein Abenteuer, eine Reise in eine andere Welt, in der bekannte Normen und Regeln nicht gelten, sondern auf den Kopf gestellt werden. Auch die berufliche Situation des Vaters ist anders als bei anderen: Gelegenheitsjobs wechseln sich mit Arbeitslosigkeit ab, mal liest er im Selbststudium philosophisch-anthropologische Texte, immer hilft er den Menschen in seinem Umfeld, die Unterstützung brauchen. Dabei wäre er selbst oft auf solche angewiesen. Mit zunehmendem Alter beginnt die Tochter, die Muster zu durchschauen und zu verstehen, was es mit ihrem Vater auf sich hat und löst damit die enge, vorurteilsfreie Beziehung nach und nach auf.
Marie Luise Lehrners Roman Fliegenpilze aus Kork fällt schon durch die ungewohnte Gestaltung des Umschlags ins Auge. Die wilden Pinselstriche, die kein fertiges Bild, keine harmonisches Ganzes entstehen lassen, sondern eher Ausdruck einer spontanen Emotion oder der Aufgabe vor Vollendung zu sein scheinen, passen hervorragend zum Inhalt der Geschichte.
Erzählt wird aus der Sicht der Tochter, die Kapitel folgen ihrem Alter, so ist jedem Lebensjahr ein Abschnitt gewidmet. Zunächst sehr kurz, dann immer länger werdend bis hin zum Erwachsenenalter. So wie das Mädchen älter und reifer wird, wandelt sich auch ihr Blick auf den Vater. Das junge Kind sieht das Zusammensein als Abenteuer, hinterfragt die Gegebenheiten nicht, sondern nimmt diese wahr und beschreibt sie in einem unverblümten Ton. Als sich der Blick über den Tellerrand der eigenen Familie hinaus wendet, wird ihr zunehmend klar, dass ihr Vater anders ist als andere und dass in ihrem Leben ein anderer Maßstab herrscht als dies bei anderen der Fall ist. Fast erwachsen beginnt sie kritischer zu werden und so einen Bruch herbeizuführen, auch bedingt durch die Tatsache, dass es eine jüngere Halbschwester gibt, in der sie sich zum Teil wiederkennt. Das, was sie als spannend und ungewöhnlich empfand, ordnet sie nun anders ein und bewertet es, wie auch die Außenwelt auf den Vater blickt, was die beiden zwangsweise voneinander entfernt.
Der Roman bringt einem als Leser in eine emotionale Zwickmühle. Zunächst ist man mit der Erzählerin positiv gestimmt, nicht jeder soll und muss der Norm entsprechen und gerade die Abweichungen sind oft spannend. Die kleinen Unzulänglichkeiten des Vaters kann man gerne übersehen, dass er sein Kind liebt und der Tochter wichtige Dinge fürs Leben zu vermitteln vermag, ist augenscheinlich. Doch kommen mehr und mehr auch Zweifel auf, so wie das Kind älter wird und vermehrt hinterfragt. Ist es wirklich günstig, bei einem Mann, der kaum für sich selbst sorgen kann, ein Kind in Obhut zu lassen? Oft mangelt es an Geld und dadurch an Nahrung – von der Qualität ist noch gar nicht zu sprechen. Welches Vorbild ist er ihnen? Und die zunehmenden etwas zickigen Verweigerungen der Kommunikation weisen auch nicht auf Erwachsenen-adäquates Verhalten hin. Dennoch behandelt er die Töchter auch gut und durchaus liebevoll – wie soll man ihn letztlich beurteilen?
Vielleicht sollte man aber genau darauf verzichten. Es fehlt die Instanz des Erzählers, der einordnet, einen neutralen Blick wirft und beurteilt. Man hat nicht den Eindruck, dass es der jungen Ich-Erzählerin an etwas ernsthaft mangelt, vor allem nicht emotional; mit zunehmendem Alter kann sie sich eine eigene Meinung bilden, sich lösen und eigene Wege gehen. Das Erwachsenwerden hat letztlich hervorragend geklappt – kommt es nicht darauf nur an?
Der Schreibstil macht es an einigen Stellen schwierig, wirklich in die Geschichte einzutauchen. Auch wenn es dem Alter der Protagonistin entsprechen soll, so passt es häufig auch nicht, besonders als sie älter wird, ist der Ausdruck zu flach.