Der international renommierte Vor- und Frühgeschichtsforscher Hermann Parzinger legt mit diesem höchst informativen, reich bebilderten Band ein Grundlagenwerk über Geschichte und Kultur der frühen Völker zwischen Ural und Pazifik vor. Die Ausstellungen über Skythen und Mongolen haben das Interesse von Hunderttausenden Besuchern auf sich gezogen, und doch stellen diese beiden Völker nur einen kleinen Ausschnitt der zahlreichen Kulturen dar, die in dem gewaltigen Territorium zwischen Ural und Pazifik von der Jungsteinzeit bis zum Mittelalter entstanden sind. Den Völkern in diesem Gebiet kommt eine entscheidende Bedeutung für die Frühgeschichte der Alten Welt insgesamt zu, und so erscheinen sie als ein fester Bestandteil unseres gemeinsamen kulturellen Erbes. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs konnte der Austausch zwischen westlichen Wissenschaftlern und den Forschern auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion intensiviert werden, so daß mit dem Werk von Hermann Parzinger erstmals eine große Synthese des heutigen Wissensstandes über die archäologische Erforschung dieses Gebiets vorgelegt werden kann. Im Zentrum der Darstellung stehen die Verbreitungsgeschichte der Völker, ihre materielle Kultur, ihre Siedlungs- und Wirtschaftsweise, ihre Bestattungsbräuche und ihre künstlerischen Ausdrucksformen. All dies wird systematisch erschlossen und in enger Verbindung von Text und Bildern präsentiert. Auf diese Weise ist eine differenzierte und zugleich anschauliche Darstellung eines bedeutenden Kulturraums der Menschheitsgeschichte entstanden.
Die Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung wurde gemeinsam mit dem Verlag C.H.Beck gegründet. Ihr Ziel ist es, ausgewiesenen Wissenschaftlern die Möglichkeit zu geben, grundlegende Erkenntnisse aus dem Bereich der Historischen Geisteswissenschaften einer interessierten Öffentlichkeit näher zu bringen. Die Stiftung unterstreicht damit ihr Anliegen, herausragende geisteswissenschaftliche Forschungsleistungen zu fördern - in diesem Fall eines Buches, das höchsten Ansprüchen genügt und eine große Leserschaft findet.
Eine sehr gründliches, auf seine Weise sehr deutsches Buch. Es passt vielleicht nicht ganz in die Reihe, in der es veröffentlich wurde, da es sich offenkundig an ein Fachpublikum wendet, und nicht versucht wird breite Empirie und einen neuen theoretischen Zugang einem weiteren Leserkreis zu vermitteln. Als problematisch kann man betrachten, dass der geographische Rahmen, der behandelt wird von neueren politischen Grenzziehungen bestimmt wird und nicht von kulturellen Zusammenhängen in den behandelten Zeiträumen: kurz gesagt Sibirien und das nördliche ehemals sowjetische Zentralasien. Man kann dies damit rechtfertigen, dass es sich um eine etablierte wissenschaftliche Tradition handelt (die in der Einleitung dargestellt wird), doch führt dies auch dazu das in allen chronologisch gereihten Kapiteln Kulturräume behandelt werden, die seit dem Neolithikum hochst verschiedene Wege gingen. Während die einen unter den Einfluss zentralasiatisch-iranischer, dann sogar griechischer Hochkulturen, respektive der chinesischen Hochkultur gelangten, verbleiben andere Gesellschaften von spezialisierten Wildbeutern. Von Völkern, wie im Titel, ist im Buch allerdings sehr spät die Rede. Parzinger fokusiert auf die materielle Kultur, und ethnische Zuschreibungen finden sich erst dort, wo schriftliche Quellen (aus anderen Regionen) eine Zuordnung erlauben (Skythen, Türken), oder Kontinuitäten zu heutigen Bevölkerungsgruppen sehr offensichtlich sind (Paläoeskimos). Das mag überraschen, ist das Buch doch immerhin vier Jahre nach David W. Anthonys The Horse, the Wheel, and Language: How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World erschienen. Dessen interdisziplinärer, Archäologie und vergleichende Sprachwissenschaft verbindende Versuch, die Entwicklung und Ausbreitung der indoeuropäischen Sprachfamilie mit bestimmten sibirischen und zentralasiatischen Kulturen in Zusammenhang zu bringen, wird allerdings „ned amol ignoriert“.
Von diesen Punkten abgesehen bietet das Buch sehr interessante Einblicke in die Entwicklung der materiellen Kultur und die wirtschaftliche Basis der Gesellschaften in den behandelten Räumen, die in einzelnen Abschnitten detailliert dargestellt werden und im Abschluss der einzelnen Kapitel systematisch verglichen und benachbarten Regionen in Zusammenhang gebracht werden.