Wunderschön anzusehen sind sie immer, die Naturkunden von Matthes & Seitz, herausgegeben von Judith Schalansky. Mittlerweile sind über 100 Bücher in der Reihe erschienen, allesamt aufwendig gebunden und bebildert. Sie bieten sich als Geschenke an, an andere oder an sich selbst.
Die Kulturgeschichte des Wolfes ist düster und gewaltvoll; Jagd, Verfolgung und Ausrottung trüben die Lektüre. Der Wolf ist der Gegenpol zur Christengemeinschaft der Lämmer. Bis heute ist er das gefürchtetste Tier in Europa, weil Menschen die eigene dunkle Natur in ihm gespiegelt haben woll(t)en. Mit den Pionieren der Wolfsforschung, Murie und Schenkel, „nahm das bis heute andauernde Projekt seinen Anfang, den Wolf aus dem Dickicht von Vorurteilen, Aberglauben und Nichtwissen zu befreien, das sich so verhängnisvoll um ihn gelegt hat.“ Bei Schenkel hat der Mythos des „Alpha-Wolfes“ seinen Ursprung, der sich wahrscheinlich so lange hält, weil die Virilität nicht nur auf Wolfsforscher anziehend wirkte. Aus der neueren Wissenschaft ist der „Alpha“ inzwischen weitgehend verschwunden (Wölfe leben in Familienverbänden mit viel komplexerem Sozialverhalten), in der kollektiven Fantasie hält er sich leider hartnäckig. Der Wolf als Symbol im Nationalsozialismus, die Umdeutung des Wolfes zum Sinnstifter im 21. Jahrhundert: viele interessante Themen werden in Naturkunden-Marnier gestreift. Bei einem so komplexen Thema wie dem Wolf ist die Kürze manchmal enttäuschend. Nichtsdestotrotz ist „Wölfe“ großartig geeignet für einen Leseabend.
Anmerkung: Leider wurde das I-Wort auch in der 3. Auflage (2022) nicht ausgetauscht, das hat mich geärgert.